Noch immer viele offene Fragen um NSU-Mordserie - Angehörige resignieren

·Lesedauer: 3 Min.

Die NSU-Terrorzelle ermordete acht Männer mit Migrationshintergrund sowie eine Polizistin. Auch nach etlichen Jahren gibt es noch immer ungeklärte Fragen. Die Hinterbliebenen rechnen nicht mehr mit einer lückenlosen Aufklärung.

Zehn Jahre nach dem Auffliegen der rechtsextremen NSU-Terrorzelle bleibt bei Angehörigen und Beobachtern Enttäuschung über ungeklärte Fragen rund um die Mordserie. 

In Bezug auf die Rolle des V-Mann-Führers Andreas Temme in Hessen seien viele Fragen offen, sagte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, in einer Diskussion zu den NSU-Morden in Berlin. Auch das Motiv für den Mord an der Polizistin Michelle Kiesewetter sei nicht klar. "Am Ende bleibt dieses sehr, sehr unwohle Gefühl", bilanzierte Haldenwang. Temme hielt sich während der Ermordung des Kasseler Internetcafé-Betreibers Halit Yozgat 2006 in dessen Café auf, will aber nichts gesehen oder gehört haben. 

Angehörige haben resigniert

Die Anwältin Seda Basay-Yildiz sagte, ihre Mandanten rechneten nicht mehr mit einer lückenlosen Aufklärung, sie hätten resigniert. Dem Verfassungsschutz warf sie vor, Informationen zurückzuhalten. In seiner Behörde gebe es "keine weiteren Informationen, die den Sachverhalt in ein neues Licht rücken", beteuerte Haldenwang.

Basay-Yildiz hatte im Münchner NSU-Prozess als Nebenklageanwältin Angehörige des ersten Mordopfers der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) vertreten. Der Blumenhändler Enver Şimşek aus Schlüchtern im Main-Kinzig-Kreis war im Jahr 2000 in Nürnberg erschossen worden.

Zschäpe hatte mit ihren Freunden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt fast 14 Jahre im Untergrund gelebt. In dieser Zeit ermordeten die Männer acht türkischstämmige und einen griechischstämmigen Kleinunternehmer sowie eine Polizistin. Am 4. November 2011 nahmen sie sich wohl das Leben, um nach einem Bankraub der drohenden Festnahme zu entgehen. Zschäpe zündete die gemeinsame Wohnung an, verschickte ein Bekennervideo und stellte sich. 2018 verurteilte das Oberlandesgericht München Zschäpe, die einzige Überlebende des Neonazi-Trios, als Mittäterin zu lebenslanger Haft bei besonderer Schwere der Schuld. 

Haldenwang zeigte sich zuversichtlich, dass sich so etwas wie die NSU-Mordserie mit den heutigen Methoden und Arbeitsweisen der Sicherheitsbehörden nicht wiederholen könnte. Die verschiedenen Behörden in Bund und Ländern "saßen zum Teil auf den ihnen vorliegenden Informationen", daher seien Verbindungen damals nicht erkannt worden. Die Ermittlungen zu den Morden drehten sich zunächst um mögliche Bezüge ins Drogen-Milieu oder zur Organisierten Kriminalität. Auch Angehörige der Mordopfer wurden verdächtigt.

Kulturschaffende fordern Gedenkort für NSU-Opfer in Chemnitz

Kulturschaffende in Chemnitz fordern einen Gedenkort für die Opfer der rechtsextremen Terrorzelle NSU und die Schaffung eines Dokumentationszentrums. Chemnitz sei neben Köln die einzige Stadt mit direktem NSU-Bezug, die noch keinen Gedenkort für die Opfer habe, sagte die Projektleiterin der Ausstellung "Offener Prozess", Hannah Zimmermann, am Donnerstag. Auch die Leiterin des Figurentheaters Gundula Hoffmann und der Dramaturg René Schmidt sprachen sich für einen solchen Gedenkort in der Kulturhauptstadt Europas 2025 aus.

Im Rahmen des bundesweiten Projekts "Kein Schlussstrich!" zum NSU-Terror ist am 7. November eine Diskussionsrunde geplant, bei der über einen Gedenkort debattiert werden soll. Dazu wird die Witwe des NSU-Mordopfers Kubaşık erwartet.

Laut Zimmermann soll es 2022 eine Konzeptionsphase für ein Dokumentationszentrum geben und eine Machbarkeitsstudie ausgeschrieben werden. Dabei seien sowohl Chemnitz als auch Zwickau mögliche Standorte. Es soll unter anderem ein Archiv zur Geschichte des Rechtsterrorismus haben, ebenso wie Austellungs- und Versammlungsräume, erläuterte Zimmermann.

In Chemnitz fand das aus Jena stammende NSU-Trio nach seinem Abtauchen in den Untergrund Ende der 1990er Jahre mit Hilfe von Unterstützern Zuflucht und beschaffte sich mit Raubüberfällen in der Region Geld. Später kamen die Rechtsterroristen in Zwickau unter, wo es heute einen Gedenkort für die NSU-Opfer gibt. 

Video: Wolf im Mainstream-Pelz - So verführen die neuen Rechtsradikalen

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.