Ist das noch fair?

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Ist das noch fair?
Ist das noch fair?

Seit die Corona-Pandemie vor knapp zwei Jahren um sich gegriffen hat, haben sich in vielen Bereichen der Gesellschaft kleinere und größere Gräben aufgetan.

Davon ist auch der Sport nicht verschont geblieben – vor allem wenn es um die Frage geht, ob er unter Corona-Bedingungen überhaupt stattfinden kann. Die Bundesliga ist seit einigen Wochen zu den unbeliebten Geisterspielen zurückgekehrt, hält aber am Spielbetrieb fest. 

Mit dem Überschwappen der Omikron-Welle steht nun eine neue Herausforderung an: Bis wann kann man es einem Team noch zumuten, gegen den Ball zu treten? Oder präziser gefragt: Wie viele Corona-Ausfälle muss eine Mannschaft beklagen, damit der Fairplay-Gedanke nicht ad absurdum geführt wird?

An der Säbener Straße dürften sie sich angesichts von aktuell neun COVID-Patienten genau diese Frage stellen, auch wenn Cheftrainer Julian Nagelsmann auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Gladbach (Fr., ab 20.30 Uhr) keinerlei Anzeichen von Weinerlichkeit erkennen ließ.

Nagelsmann: „Ich bin keiner, der rumheult“

„Ich bin keiner, der rumheult“, sagte Nagelsmann. „Es ist, wie es ist. Wir müssen aus der Situation das Beste machen - sollten wir spielen.“

Doch während Nagelsmann gute Miene zum bösen Spiel macht, fordert der bayerische Ministerpräsident Markus Söder ein Einschreiten des DFL.

„Ich fände es besser, wenn man das Spiel des FC Bayern verschieben würde“, sagte Söder in der Bild. Es sei „nicht wettbewerbsfair“, wenn trotz des riesigen Corona-Lazaretts des Rekordmeisters der Anstoß wie geplant am Freitagabend erfolgen sollte.

Mit dem positiv getesteten Alphonso Davies hatte sich am Mittwoch die Anzahl von Bayerns Corona-Fälle auf neun erhöht. Zusammen mit den Afrika-Cup-Startern und den verletzten Spielern lässt sich die verbliebene Elf tatsächlich nur noch als bunt zusammengewürfelter Haufen bezeichnen.

Vor allem in der Abwehr hat Nagelsmann fast keine Optionen mehr, auch wenn zumindest Niklas Süle doch noch rechtzeitig fit werden dürfte.

Absagen oder spielen lassen? User sind gespalten

Darf man also einer Mannschaft einen solchen Aderlass zumuten – oder wird dies als höheres Schicksal verbucht?

Vor allem in den Sozialen Medien spielt bei der Fairness-Debatte eine Rolle, dass sich die Münchner durch ihre Fernreisen selbst in die Bredouille brachten.

Tenor: Wenn die Bayern-Bosse die Malediven-Tour von Manuel Neuer und Lucas Hernández oder Dayot Upamecanos Senegal-Urlaub absegnen, tragen sie letztlich selbst die Schuld an dem Schlamassel. 

Grundsätzlich steht auf der einen Seite die Gesundheit aller Beteiligten im Vordergrund, was für eine Absage spräche. Bei einer Verschiebung würde wiederum schnell der Vorwurf einer Lex Bayern im Raum stehen.

In einer SPORT1-Umfrage waren allerdings diejenigen User in der Überzahl, die einer Absage befürworten, wenn auch nur knapp. Von über 83.000 Stimmen (Stand Donnerstagabend) sprachen sich nur 44 Prozent der Befragten dafür aus, dass die Parte über die Bühne gehen sollte – Corona-Lazarett hin oder her.

Daum: „Bayern muss das kompensieren“

Laut Söder könnte die angespannte Situation an der Säbener Straße nur der Beginn einer Absagewelle sein, wie es in anderen Ligen - beispielsweise der Premier League - schon gang und gäbe ist. „Wir werden erleben, dass es bei anderen Mannschaften auch so sein kann. Und deswegen wäre es besser, das würde verschoben werden.“

Der ehemalige Trainer Christoph Daum hat dagegen nur wenig Mitleid mit dem souveränen Tabellenführer. 

„Alle Trainer müssen permanent flexibel auf Spielerausfälle wegen Coronainfektionen reagieren. Eine gezielte Trainingsplanung und Spielvorbereitung ist oft nicht möglich“, sagt der 68-Jährige zu SPORT1. „Wer einen breiten Spielerkader wie Bayern München hat, kann diese kurzfristigen Ausfälle kompensieren.“

Auch Gegner Gladbach befürwortet - sicher auch aufgrund der angespannten Personalsituation der Münchner, die sportlich ein klarer Nachteil für den Tabellenführer ist - eine Durchführung der Partie. „Bayern hat immer noch eine schlagkräftige Mannschaft“, betonte Coach Adi Hütter auf der Pressekonferenz der Borussia zudem.

Bei den Bayern selbst ist ohnehin auch von Spielerseite keinerlei Ungerechtigkeitsempfinden zu spüren. „Ich sehe das ganze nicht so dramatisch. Natürlich ist es nicht optimal, aber das bringt natürlich die ganze Situation mit sich“, sagte Thomas Müller auf der Klub-Website: „Der Start am ersten Januar-Wochenende und die weltweite Corona-Situation, die ein bisschen angezogen hat.“

Auch Müller ist entspannt

Müller weiter: „Aber damit müssen wir jetzt umgehen und heute waren schon ein paar mehr Spieler da, dank der Jungs von der U23. Dementsprechend gehe ich trotzdem positiv in das Spiel, auch wenn wir natürlich keine optimale Vorbereitung hatten.“ 

Und Nagelsmann? Der findet sogar Gefallen daran, nach kreativen Lösungen zu suchen: „Aus Trainersicht ist das total reizvoll. Spieler spielen auf Positionen, auf denen sie nicht ausgebildet sind.“

Trotz aller Widrigkeiten will der Bayern-Coach dem Gegner aus Gladbach beweisen, wozu seine Mannschaft fähig ist - denn nach dem 0:5 im Pokal gibt es noch ein gewaltiges Hühnchen zu rupfen. „Von daher gibt es schon Revanche-Gedanken, da bin ich ganz ehrlich“, sagte der 34-Jährige.

„Sch*** auf die Umstände! Das sollte nicht so stehen bleiben. Mir ist es relativ bums, ob wir jetzt nur U23-Spieler auf der Bank haben, ich will morgen Abend trotzdem gewinnen.“

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