Konkurrent Germania will Staatshilfe stoppen

Die Bundesregierung unterstützt Air Berlin mit einem Überbrückungskredit über 150 Millionen Euro. Dem Konkurrenten Germania passt das jedoch nicht. Das Unternehmen klagt im Eilverfahren gegen den Kredit.


Die Fluggesellschaft Germania geht juristisch gegen die geplante Staatshilfe für Air Berlin vor. Die Bundesregierung hatte der Air Berlin 150 Millionen Euro als Überbrückungskredit zugesagt, damit der Flugbetrieb der insolventen Airline weitergehen kann. Germania will dies per Eilverfahren verhindern, solange die EU-Kommission die Hilfe nicht genehmigt. Wie das Gericht am Dienstag mitteilte, wirft Germania dem Bund vor, die Lufthansa einseitig zu bevorzugen und so deren marktbeherrschende Stellung zu verstärken. Über den Germania-Antrag soll am 15. September verhandelt werden.

Die EU-Kommission hat sich erneut zuversichtlich geäußert, den staatlichen Kredit für die insolvente Air Berlin genehmigen zu können. Man befinde sich in einem konstruktiven Kontakt zur Bundesregierung, sagte eine Sprecherin der Brüsseler Behörde am Dienstag. "Wir sind zuversichtlich, dass Lösungen innerhalb des Rahmens der EU-Gesetze gefunden werden können." Ähnliches hatte die EU-Kommission bereits vor zwei Wochen mitgeteilt. Zu einem möglichen Zeitpunkt, wann die Genehmigung erteilt wird, äußerte sie sich nicht.

Für den gleichen Zeitraum wird auch eine Entscheidung über den oder die Käufer angepeilt für die insolvente Fluglinie angepeilt. Interessenten können ihre Angebote bis zum 15. September abgeben, so das Unternehmen. „Air Berlin wird den Investorenprozess zügig abschließen“, sagte ein Sprecher am Dienstag.

Er widersprach jedoch Informationen aus dem Umfeld des Gläubigerausschusses, wonach die Bieterfrist schon am 13. September ende und das Gremium zwei Tage später bereits erste Entscheidungen treffen könne. Eine Gläubigerversammlung werde es zu einem späteren Zeitpunkt geben, sagte der Sprecher.

Die Zeitungen "Bild" und "B.Z." berichteten, dass nach Erwartung von Verhandlungskreisen den Gläubigervertretern bereits am 15. September entscheidungsreife Kaufangebote vorlägen. Ein dritter Insider gab allerdings zu bedenken, der Terminplan sei "extrem stramm" und es könne zu Verschiebungen kommen. "In Anbetracht der stetig wachsenden Liste von Kaufinteressenten kann das Ganze länger dauern", erklärte ein weiterer Branchenkenner.




Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann hatte vergangene Woche erklärt, bis Ende September eine Lösung anzustreben. Die Verhandlungen laufen unter Hochdruck, da sich Air Berlin vor allem nur dank eines staatlichen Überbrückungskredits von 150 Millionen Euro in der Luft halten kann.

Sechs Interessenten für Air Berlin

Derzeit bieten nach Informationen aus Unternehmens- und Branchenkreisen sechs Airlines und Luftfahrtunternehmer für Air Berlin:

  • Die Lufthansa will demnach den größten Teil mit bis zu 90 der 140 Maschinen von Air Berlin samt Crews einschließlich des Ferienfliegers Niki übernehmen.
  • Der britische Billigfluganbieter EasyJet soll nach Medienberichten für bis zu 40 Flugzeuge bieten.
  • Die Thomas-Cook-Tochter Condor ist an einer zweistelligen Zahl von Maschinen interessiert.
  • Ryanair ist auch interessiert, vor allem an mehreren Routen.
  • Der Nürnberger Fluganbieter Hans Rudolf Wöhrl hat sich selbst ins Spiel gebracht, wurde von Winkelmann aber als PR-Gag abgekanzelt.
  • Niki-Gründer und -Namensgeber Niki Lauda sagte mehreren Zeitungen, er sei am Rückkauf von Niki interessiert.



Die Fäden laufen zusammen bei Sachwalter Lucas Flöther und dem Generalbevollmächtigten von Air Berlin, Frank Kebekus. Für Dienstag hat Lauda einen Gesprächstermin bei ihnen ausgemacht, wie er der österreichischen Zeitung "Kurier" sagte. Bevor er über ein Gebot entscheidet, will Lauda Einblick in die Bücher von Niki nehmen. Er kritisierte, bei einem erfolgreichen Kauf durch die Lufthansa hätte die deutsche Airline einen viel zu hohen Marktanteil von 90 Prozent in Österreich und 80 Prozent in Deutschland.

Am Mittwoch ist Wöhrl bei Flöther angemeldet, bestätigte dessen Verwaltungsgesellschaft Intro. An diesem Tag soll auch O'Leary eine Pressekonferenz in Berlin abhalten. Bisher hat der Ryanair-Chef Insidern zufolge aber noch keinen Termin bei Air Berlin ausgemacht. Er hatte sich beschwert, bisher dazu noch nicht eingeladen worden zu sein.



Nicht nicht ganz klar ist aber, woran O'Leary genau interessiert ist. In der vergangenen Woche hatte er erklärt, eine komplette Übernahme von Air Berlin in Betracht zu ziehen. Nach den Worten von Marketingchef Kenny Jacobs ist Ryanair jetzt doch nur an Teilen interessiert."Wir interessieren uns für einige Vermögenswerte von Air Berlin, hauptsächlich die Routen, die wir betreiben könnten", sagte Jacobs am Dienstag in Dublin.

Über die sechs hinaus soll es noch weitere Interessenten geben, wie einer der Insider weiter erklärte.




KONTEXT

Die Chronik von Air Berlin

Sonderrechte im geteilten Berlin

Vor 38 Jahren hob der erste Air-Berlin-Flieger ab. Alles begann mit alliierten Sonderrechten zur Landung im geteilten Berlin. Nach der Wende wuchs Air Berlin zur Nummer Zwei am Himmel über Deutschland heran, doch dann folgte eine jahrelange Krise.

1970er- bis 90er-Jahre

1978: Gründung als Chartergesellschaft durch den Ex-Pan-Am-Pilot Kim Lundgren. Erstflug am 28. April 1979 von Berlin-Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasst zwei Maschinen.

1991: Im April kauft der LTU-Manager Joachim Hunold die Mehrheit der Anteile. Es gibt kurz darauf 15 Flüge pro Tag. Air Berlin expandiert und stationiert zunehmend auch Flugzeuge auf Regionalflughäfen.

1998: Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft.

2004

Einstieg zu 25 Prozent bei der österreichischen Fluggesellschaft Niki des früheren Rennfahrers Niki Lauda.

2006

Börsengang und Kauf der Fluggesellschaft dba.

2007

Kauf des Ferienfliegers LTU, damit auch Interkontinentalflüge.

2008

Air Berlin rutscht in die roten Zahlen, legt das erste Sparprogramm auf: Strecken fallen weg, Flugzeuge werden ausgemustert. Die Übernahme des Ferienfliegers Condor scheitert.

2010

Air Berlin kündigt für 2012 den Eintritt in das Luftfahrtbündnis Oneworld an.

2011

Hunold wirft das Handtuch, Hartmut Mehdorn übernimmt. Ein weiteres Sparprogramm soll das operative Ergebnis um 200 Millionen Euro verbessern. 18 der 170 Maschinen werden verkauft.

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Airline mit einem 255-Millionen-Dollar-Kredit. Ein neues Sparprogramm beginnt. Der Verkauf des Vielfliegerprogramms an Großaktionär Etihad bringt nur vorübergehend wieder schwarze Zahlen.

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das von Mehdorn im Vorjahr aufgelegte neue Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft auf 142 Maschinen.

2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie.

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen. Mit einem tiefgreifenden Umbau und der Streichung von bis zu 1200 Arbeitsplätzen will Air Berlin seine Krise überwinden.

2017

Air Berlin bekommt einen neuen Chef. Der Lufthansa-Manager und früheren Germanwings-Chef Thomas Winkelmann wird Vorstandschef. Air Berlin führt ihren Flugbetrieb in zwei getrennten Geschäftsfeldern weiter: Langstreckenflüge und Städteverbindungen in Europa werden zusammengefasst, Urlaubsflüge unter der Marke Niki geführt. Lufthansa erklärt sich bereit, Air Berlin zu übernehmen, wenn der Großaktionär Etihad zuvor die Schulden übernähme.

15. August 2017

Air Berlin meldet Insolvenz an. Zuvor hatte Etihad seine finanzielle Unterstützung eingestellt. Ein 150-Millionen-Euro-Kredit des Bundes soll den Flugbetrieb zunächst sichern.