Chinesisches Start-up Nio setzt auf den Standort Deutschland

In Deutschland wird noch viel über E-Mobility und Autonomes Fahren diskutiert. Chinesische Start-ups wie Nio bauen derzeit internationale Teams auf, um an deutschen Autoherstellern vorbeizuziehen – etwa in München.

Eine glückliche Familie: Der Vater Forscher und Visionär, die Mutter erfolgreiche Mode-Designerin. Schon die Kinder denken groß, nach ihren Zukunftswünschen gefragt. Französisch frisiert, britisch gekleidet und in einer westlich durchdesignten Wohnlandschaft situiert, präsentiert sich der junge, urbane Mittelstand im Imagefilm zur Eröffnung des „Nio House“ Ende 2017 in Peking. Anlass: Bestellstart des ersten Serienmodells Nio ES8, ein großes Elektro-SUV.

Wenngleich derzeit nur 31 von 100 chinesischen Familien einen eigenen Wagen besitzen, werden nirgendwo sonst auf der Welt mehr verkauft als in der Volksrepublik China mit ihren knapp 1,4 Milliarden Einwohnern: „Ein neues Auto ist sicherlich noch nicht für jeden in China erschwinglich, aber in China sind allein 2016 24 Millionen Autos verkauft worden. Und insgesamt sind in China etwa 280 Millionen Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs“, sagt Hui Zhang, Managing Director der Nio GmbH in München.

Da ist für einen weiteren Autoanbieter noch Platz, hat Nio-Gründer William Li sich wohl gedacht – sein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen chinesischen Elektroautoherstellern: „Made in China. Designed in Germany.“ Deshalb hat das Unternehmen sein internationales Design- und Markencenter in München platziert. Gewissermaßen im Herzen der deutschen Autoindustrie.




Mit dem gigantischen Automarkt in Kombination mit der größten Solar- und Windenergieproduktion weltweit und der angestrebten globalen Vorreiterschaft in puncto Künstlicher Intelligenz bietet China ideale Bedingungen für Elektromobilität und Autonomes Fahren: Mit über 700.000 verkauften Elektroautos hat China seine Spitzenposition im vergangenen Jahr vor den USA weiter ausgebaut. Eine Entwicklung, die von der chinesischen Regierung strategisch geplant, stark subventioniert und mit knallhartem Protektionismus gefördert wird, genauso wie das automatisierte Fahren. China: Ein Land, das bis tief in die 1990er von Planwirtschaft geprägt ist – und im dritten Jahrtausend schneller als alle sieben Minuten ein Start-up gebiert.

Elektroautos: Internationales Wettrennen am chinesischen Markt

Nio ist eines davon und heißt so viel wie „ein neuer Tag“. Während deutsche Autofahrer noch am Knattern von Motoren und dem Geruch von Kraftstoff hängen, arbeitet Nio-Chairman William Li mit Hochdruck an seiner Vision „blue sky coming“, „der Himmel wird blau“ – oder eher frei übersetzt: Der Himmel werde wieder blau!

Der Unterschied zu den unzähligen anderen chinesischen Start-ups, die auch ihr Glück mit Elektroautos und automatisiertem Fahren versuchen: Nio wird als einer der wenigen ernstzunehmenden Konkurrenten von Tesla gehyped, dem 2003 gegründeten US-amerikanischen E-Auto-Pionier aus dem Silicon Valley, der inzwischen auch im Energiesektor tätig ist.




Beide haben sich kein geringeres Ziel als die Beschleunigung der Energiewende gesetzt – und während deutsche Traditionsautobauer wie VW, Audi und Porsche im Dieselgate mit Milliardenstrafen für manipulierte Abgaswerte versinken, investiert die unbefleckte neue Generation von Autoherstellern und Programmierern diese Gelder lieber in Forschung und Entwicklung.

Etwa zehn Jahre nach Tesla, Ende 2014, hat der chinesische Selfmade-Milliardär William Li (43), der mit seiner Internetplattform bitauto.com reich geworden ist, Nio gemeinsam mit Lihong Quin von Roland Berger und dem Taiwanesen Jack Cheng von Fiat Chrysler ins Leben gerufen. Heute beschäftigt Nio weltweit 4000 Mitarbeiter aus 40 Ländern an 20 Standorten.

Mit finanzkräftigen Investoren wie Tencent, mit WeChat der erfolgreichste Instant-Massage-Dienst Chinas, und dem Suchmaschinenbetreiber Baidu ist Nio allein aus der letzten Finanzrunde 2017 mit einer Milliarde Euro herausgegangen. „Um in China erfolgreich ein Elektroauto auf den Markt bringen zu können – und das hat William Li zur Gesamtinvestition gesagt – muss man bereit sein, mindestens 20 Milliarden Renminbi, also über 2,5 Milliarden Euro, zu investieren“, so Managing Director München, Hui Zhang. „Wir haben von der Nio-Gründung im November 2014 bis zum Launch unseres ersten E-Serienmodels im Dezember 2017 nur drei Jahre gebraucht, ein traditioneller Autohersteller braucht 60 Monate.“



Mitten in München: Machtkampf um internationale Talente


Nio will bewusst direkt vor Ort in Deutschland designen und entwickeln, dort wo die Autos mit Weltruf herkommen: Und wo BMW an seinem Stammsitz im neuen Forschungs- und Innovationszentrums für elektrische Antriebe und autonomes Fahren bis 2050 weitere 15.000 Mitarbeiter einstellen möchte, kommt auch Nio leicht zum Zug.

„Wir haben uns für den Standort München entschieden, um ein internationales Team aufbauen zu können. In Deutschland finden wir als chinesische Firma viel einfacher internationale Talente als wenn wir sie nach Shanghai oder Peking holen müssten“, so Managing Director Zhang (45), der bis zum 28. Lebensjahr in Peking gelebt und gearbeitet hat, um dann noch einmal in Deutschland und den USA zu studieren und seine internationale Karriere bei verschiedenen Technologie- und Autozulieferer-Unternehmen zu starten. „München ist die erste Location für Automotive Designer, bietet den besten Zugang zur Zulieferindustrie und gilt weltweit als eine der Städte mit der besten Lebensqualität.“

Unter der Leitung des Deutschchinesen Zhang und des amerikanischen Ex-BMW-Designers Kris Tomasson arbeiten bei Nio München im Januar 2018 über 140 Designer, Marketing- und IT-Experten aus 29 Ländern, Durchschnittsalter 35 – ähnlich wie die junge, technologieaffine Zielgruppe, um die das Wettrennen mit den ganz Großen am chinesischen Markt entfacht ist.




Im Münchener Stadtteil Bogenhausen hat Nio sein Quartier bezogen. Was 2015 mit ein paar Büros für die Pioniere Zhang und Tomasson begann, hat sich auf vier Etagen ausgedehnt: Viel Glas, Grün, Dachterrasse und auch die obligatorischen Start-up-Obstkörbe dürfen hier nicht fehlen.

Dieses Jahr geht die Nio GmbH in die heißeste Rekrutierungsphase seit Gründung: „Hundert neue Mitarbeiter allein 2018 ist ein großer Aufwand. In erster Linie suchen wir Designer aus den Bereichen Exterieur-, Interieur- und UX-Design mit Berufserfahrung in der Automobilbranche. Aber auch Designer aus der Möbelindustrie oder Werbung – und auch Personal, Logistik, IT wachsen“, sagt Personalchefin Carmen Avellana aus Valencia, die seit 25 Jahren in Deutschland ist und zuvor unter anderem für Microsoft internationale Talente gesucht hat.




Zwischen Bogenhausen und dem BMW-Forschungszentrum in München-Milbertshofen liegen nur vier Kilometer Luftlinie. Und auch andere weltbekannte deutsche Autohersteller wie Porsche, Mercedes oder Audi entwickeln ihre E-Modelle unweit von München im Süden Deutschlands. Wie will Nio da im Wettkampf um die Talente punkten?

Carmen Avellana ist zuversichtlich: „Wir sind einfach viel cooler. Wir haben noch nicht diese festgefahrenen Strukturen – hier kann jeder seine Handschrift hinterlassen. Das ist bei großen Konzernen wesentlich schwieriger.“ Zu dem schnellen und innovativen Umfeld eines internationalen Start-ups gehörten natürlich auch eine gewisse Stressresistenz, Flexibilität und Toleranz gegenüber anderen Kulturen, die die Kandidaten neben dem Fachwissen mitbringen müssten.



Chinesische Führung: Gekommen, um zu lernen


Am Münchener Standort arbeiten junge, international erfahrene Chinesen, die wie Managing Director Zhang in Europa oder den USA studiert haben und zu Chinas neuer Mittelschicht gehören. Und auch die Führungskräfte aus der Zentrale in Shanghai, die München regelmäßig besuchen.

„Die Chinesen sind sehr höflich und wenn man sie in China besucht, dann kümmern sie sich rund um die Uhr um einen. Und das wird auch umgekehrt erwartet, wenn sie nach München kommen. Das sind nicht nur Kollegen, sie betrachten einen ein bisschen wie ein Familienmitglied“, erzählt die HR-Chefin.

Um die chinesische Kultur etwas besser kennenzulernen, gibt es auch Chinesischunterricht bei Nio in München: „Die Sprache ist allerdings doch ein bisschen schwieriger als gedacht“, sagt Carmen Avellana, die wie Zhang fließend Deutsch spricht. „Aber die Beziehung zu meinen chinesischen Vorgesetzten ist sehr offen und von einem großen Interesse für die europäischen Gegebenheiten und Erfahrungswerte geprägt. Das habe ich bei amerikanischen Firmen so nicht erlebt.“



Voneinander Lernen ist ein wichtiger Aspekt für die Chinesen, die nach Deutschland kommen oder auch deutsche Firmen kaufen. Die Übernahmen sind strategisch und an Pekings langfristigem Planziel „Made in China 2049“ orientiert: Bis zum 100. Geburtstag soll nicht länger billige Massenware kopiert, sondern eigene Exzellenz erreicht sein und China für Innovation stehen.

Bei Nio wird schon 2018 in China gefertigt: Neben dem Hauptsitz in Shanghai ist die Serienproduktion mit dem staatlichen chinesischen Autohersteller Anhui Jianghuai Automobile (JAC) an einem Dutzend Standorten in China angesiedelt. Die Software wird – wie die des Vorbilds Tesla – im Silicon Valley entwickelt.




„Jeder Angestellte von der Kantine bis zum Management darf auch Fragen stellen und Vorschläge machen“, sagt Managing Director Zhang. „Unser Chairman, William Li, liest jeden Tag persönlich in diesem Forum. Er ist zwar der Gründer, lässt sich aber auch gern überzeugen, wenn etwas falsch ist oder es eine bessere Lösung gibt.“

Ob die ersten Nio-SUV, die Mitte 2018 in China vom Band rollen, technisch schon einem Exzellenz-Prädikat „Made in China“ gleichkommen oder der Nio-Claim „blue sky coming“ dann eher von „blue-sky thinking“ – Wunschdenken und Blauäugigkeit – zeugt, wird sich dann in aller Nachhaltigkeit zeigen.



Autonomes Fahren: Vision schlägt Marke


Um die besten Lösungen in puncto Personal zu finden, rekrutiert Nio-Gründer William Li gern auch mal persönlich bei BMW: „Ich wurde direkt von William Li angesprochen“, sagt Kris Tomasson, New Yorker isländischer Herkunft, der zuletzt das Design für BMWi, die E-Linie von BMW, verantwortet und auch schon in prestigeträchtigen Positionen wie Global Design Director bei Coca-Cola gearbeitet hat.

„Es war die Art und Weise wie er mir diese Gelegenheit präsentiert hat: Eine brandneue Automarke, eine völlig neue Identität, zu kreieren – ohne an Vorgaben, ohne an eine bereits existierende Geschichte gebunden zu sein. Das ist für einen Designer einfach ein Traum – und eine wirklich sehr seltene Gelegenheit.“

Ähnlich muss es Carsten Breitfeld, dem Entwicklungsleiter des BMW i8 gegangen sein, als er ein Angebot aus China erhalten hatte: Mit chinesischem Geld, Innovationskraft aus dem Silicon Valley und deutscher Ingenieursarbeit will auch er das Auto neu erfinden, so heißt es. Dafür hat Carsten Breitfeld Byton, ehemals Future Mobility Corporation, gegründet. Und auch bei Byton kommt das Design aus: München.




Insidern zufolge soll nun nach Nio und Byton auch Chery, der größte chinesische Fahrzeugexporteur, mit dem Gedanken spielen, nach München zu gehen. Derweil ranken sich um das ebenfalls Tesla nacheifernden China-Start-up Faraday Future, 2017 noch mit der Präsentation eines Elektro-SUV vorgeprescht, Gerüchte über Geldprobleme.

Viele Designer sind von BMW gekommen

„Wir konzentrieren uns im Moment darauf, Autos nach europäischen Standards für den chinesischen Markt zu entwickeln“, sagt Nio-Chefdesigner Tomasson. „Wir nehmen die guten Eigenschaften, die speziell deutsche Autos weltweit zu diesem hohen Ansehen verholfen haben: Qualität, Expertise, Design und Materialien.“ Dafür hat er sich – wie auch Breitfeld – bewährte Kollegen von BMW ins Team geholt, etwa den Koreaner Juho Suh, der zuvor bei BMW das Advanced Exterior Design verantwortet hat. Oder Jochen Paesen mit einem Abschluss in Vehicle Design vom Royal College of Art in London, der bei BMW i für das Interieur Design zuständig war. Da ist es kein Wunder, dass die Entwürfe vom neuen BMW-i-Modell und von Nios Vision Car Eve trotz aller kreativen Freiheit nicht wirklich weit auseinanderliegen.

„Wenn Sie einmal die Tür geöffnet haben, sehen Sie den großen Unterschied, denn wir haben ein von Grund auf autonomes Auto gestaltet, dessen Innenraum wie ein zweites Wohnzimmer ist. Denn in diesem Wagen werden die Menschen alles andere machen, nur nicht mehr fahren“, so Tomasson.




Bei Nio wird derzeit emsig an weiteren Modellen gearbeitet, an welchen, bleibt noch geheim. Ebenso, welche europäischen Märkte zuerst erschlossen werden sollen. Selbstbewusst plant das Start-up seine Show- und Verkaufsauftritte: Nach derzeitigem Stand wird Nio dieses Jahr auf keiner der klassischen Automessen vertreten sein, da es sich als eine neue Generation von Autohersteller positioniert. Dem technologie- und nachhaltigkeitsinteressierten Autofahrer in Deutschland wird Nios erstes Elektro-SUV deshalb im Februar 2018 auf der Jahreskonferenz von Infineon in München präsentiert.

In China soll der Wagen bereits 2018 auf den Markt kommen – und damit in etwa im selben Zeitraum wie das erste Serienauto von Byton. Auch beim Image liefert sich Nio noch den Wettstreit mit Byton, wer in Zukunft bei den Fans als Apple unter den autonomen China-Elektroautos gilt.

Dafür setzt Nio nach der Eröffnung des ersten „Nio House“ noch in diesem Jahr auf zehn weitere so genannte User-Experience- und Lifestyle-Center in Chinas Megacities und Ballungsräumen – und holt der neuen chinesischen Mittelschichtsfamilie (mit dem Kauf eines Nio-Autos) deutsches Design, europäischen Lebensstil und den amerikanischen Traum vom Tellerwäsche zum Millionär in ihr Leben. Verspricht zumindest das Image-Video.