"Niemand weiß woher der Kampfstoff kam"

Das Attentat auf den ehemaligen russischen Doppelspion im englischen Salisbury schlägt immer höhere Wellen und droht, die britisch-russischen Beziehungen, und diejenigen zwischen der EU und Russland weiter zu beschädigen. Wir sprachen darüber mit dem Ständigen Vertreter Russlands bei der Europäischen Union, Wladimir Tschischow:

Euronews:

Auf dem Gebiet der EU ist als ein Nervenkampfstoff russischer Herkunft zum Einsatz gekommen.

Tschischow:

Entschuldigen sie, aber es ist nicht klar, woher der Kampfstoff kam. Wir haben dazu keine verlässlichen Daten, obwohl wir von Beginn an darum gebeten haben.

Euronews:

Lassen wir doch die Kirche im Dorf. Der Kampfstoff kam aus Russland und damit wurde eine russische Massenvernichtungswaffe auf britischem Boden eingesetzt.

Tschischow:

Naja, das ist ja nicht der erste Fall von mysteriösen Todesfällen russischer Emigranten, russischer Staatsbürger, in Großbritannien. Offenbar hat das mit der Umgebung zu tun..

Euronews:

Aber Scotland Yard hat doch Beweise geliefert. Und ein britisches Gericht hat einen russischen Staatsbürger des Mordes an Litvinienko für schuldig befunden.

Tschischow:

Ohne triftige Beweise veröffentlicht zu haben. Ich erinnere den Fall gut, das ist ja noch nicht so lange her. Sobald die Untersuchung eröffnet wurde, hat Russland seine Hilfe angeboten, aber dann wurde sofort alles für geheim erklärt. Wir wissen nicht, auf welcher Grundlage das Gericht seine Entscheidung gefällt hat. Genauso wie wir das Ergebnis der Untersuchungen zum mysteriösen Tod von Herrn Beresowsky kennen, oder dem von Herrn Perepilitschny, der eines Morgens beim Joggeing tot umfiel. Und in dieser Woche ist ein Komlize Beresowskys im Fall Aeroflot, Herr Gluschkow, unter seltsamen Umständen verstorben. Darum sollte sich die britische Justiz vielleicht einmal kümmern.

Euronews:

Dürfen wir aus ihren Worten schließen, dass sie Druck auf Großbritannien als einem Land ausüben wollen, dass durch seinen Austritt aus der EU sich selber und die Union schwächt?

Tschischow:

Ich hoffe mal, dass mich die gegenwärtige Situation nicht zu einem Anhänger eines "Harten Brexit" macht. Solange sie noch in der EU sind, müssen sich die Briten ja bei Sanktionen wirtschaftlicher Natur an die gemeinsame Position der Union halten. Und das gilt auch für die Fantasien mancher britischer Beamter.

Euronews:

Die USA könnten den Briten zur Seite springen. Außenminister Tillerson wurde gerade entlassen. Er hatte ja eine härtere Haltung gegenüber Russland vertreten als manche andere in dieser Regierung im Fall Skripal. Gibt es da Erleichterung, dass ein Falke abgetreten ist?

Tschischow:

Ich bin davon überezeugt dass das nicht der Grund für seine Entlassung war. Außerdem sehe ich keinen Grund für die Annahme, dass sein Nachfolger eine weniger harte Position verteten wird.

Euronews:

Zurück zum Vereinigten Königreich. London bereitet Reaktionen vor. Gibt es da Befürchtungen ihererseits?

Tschischow:

Russland fürchtet sich vor nichts und niemandem. 

Bedauern, das schon. Ich bedauere die Unterhausdebatte zum Thema und die offiziellen Stellungnahmen, die abgegeben worden sind, anstatt Russland an den Untersuchungen zu beteiligen.

Euronews:

In den letzten Jahren häufen sich die Anschuldigungen gegen Russland - sei es wegen Doping im Sport, wegen Einmischung in fremde Wahlen, Ansprüche auf fremde Gebiete...

Tschischow:

Ja, und das Russland sogar ein Referendum über der Brexit organisiert hat.

Euronews:

Manche haben sogar das vermutet, und ein Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands. Je mehr indirekte Vorwürfe desto leichter fallen die direkten.

Tschischow:

Der Kreml steckt übrigens auch hinter der Invasion William des Eroberers im Jahr 1066..

Euronews:

Was kann Russland tun, um die Anschludigungen zu entkräften?

Tschischow:

In diesem Fall ist es einfach: durch Zusammenarbeit beim Kampf gegen unsere gemeisamen Feinde, den internationalen Terrorismus und grenzübergreifende Kriminalität.

Euronews:

Herr Botschafter, vielen Dank für dieses Gespräch