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Warum sind niederländische Bauern so wütend?

Warum sind niederländische Bauern so wütend?

Viel zu viel Vieh! Revolte auf dem Bauernhof: Die niederländischen Landwirte sind stinkwütend, denn sie sollen weniger Mist und Gülle produzieren, ihre Betriebe verkleinern oder verkaufen. So viel Vieh wie in den Niederlanden gibt es sonst nirgendwo, das Land hat den dichtesten Nutztierbestand weltweit und ist der international zweitgrößte Agrar-Exporteur, gleich nach den USA. Das hat Folgen:

  • Immer mehr Gebiete in den Niederlanden sind "stickstoffverseucht".

  • Fast alle Naturschutzgebiete kränkeln an der jahrzehntelangen Überdüngung von Wasser, Luft und Boden.

  • Das Artensterben hat in den Niederlanden dramatische Ausmaße angenommen.

Es stellt sich die Frage, ob es die Regierung schafft, den Viehbestand wie geplant zu halbieren – oder ob es vorher zum "Bauernaufstand" kommt, denn die Landwirte machen massiv mobil gegen den Umbau der Landwirtschaft, auf der Straße und in der Politik: Eine neue Protestbauernpartei (BBB) feierte bei den jüngsten Wahlen für die Provinzparlamente im ganzen Land durchschlagende Erfolge und destabilisiert damit nun auch die Zentralregierung. Unser Reporter Hans von der Brelie hat sich für EuronewsWitness im Wald und auf der Heide umgesehen - und in holländischen Kuhställen.

Weniger Vieh, weniger Stickstoff, weniger Umweltverschmutzung

Einer dieser kühlen Vorfrühlingstage kündigt sich an, die aufgehende Sonne blendet bei der Anfahrt zu Omgos Bauernhof bei Adorp, einem Weiler im Norden der niederländischen Stadt Groningen. Omgo selbst ist schon längst auf den Beinen, steht im Stall, melkt geduldig Kuh um Kuh. 190 Milchkühe nennt er sein Eigentum, jede gibt täglich 29 Liter Milch. Doch die Tiere produzieren auch Kot und Urin, aus der Mischung entstehen Ammoniak und Stickstoffverbindungen. Und weil zu viel Stickstoff in der Umwelt landet, gibt es nun, nach jahrzehntelangen Debatten und Auseinandersetzungen, letztinstanzliche Gerichtsurteile und regierungsoffizielle Entscheidungen, dass etwas getan werden muss: weniger Vieh, weniger Stickstoff, weniger Umweltverschmutzung.

Die Weichen für den weitreichenden Umbau der niederländischen Intensivlandwirtschaft hin zu einem etwas naturfreundlicheren Betriebsmodus wurden 2019 durch das oberste Gericht der Niederlande gestellt. Doch immer noch hapert es mit der Umsetzung. Das hat konkrete Gründe: Landwirte fürchten finanzielle Einbußen oder, wenn sie nahe an Naturschutzgebieten wirtschaften, zwangsweise Betriebsschließungen. Die niederländischen Provinzen, die die Gesetze der Zentralregierung vor Ort umsetzen, sprich Bauernhöfe aufkaufen müssten, zögern. Die Lokalpolitiker fürchten den Zorn der Bauern. Und die Bauern fürchten um ihre Zukunft, so wie Omgo Nieweg in Adorp. Für einen regulären Betrieb bräuchte Omgos Familienbetrieb in vierter Generation, wenn man seinen Sohn Willem mit einrechnet, eine Stickstoff-Lizenz – doch er bekommt keine.

"Das macht keinen Spaß, morgens aufzustehen, um die Kühe zu melken, mit dem Gedanken im Kopf: Was passiert nun? Was wird die kommende Woche bringen? – Wir haben keine Perspektive mehr", klagt der Bauer. "Wenn wir morgens anfangen, sitzt uns die Angst im Nacken, das Gefühl der Furcht."

Omgo und sein erwachsener Sohn schultern den Betrieb quasi im Alleingang. Euter desinfizieren, Melkmaschine an die Zitzen anlegen, Abpumpvorgang überwachen, Kühe zurück in den tierfreundlichen Großraumstall treiben, mit dem Hochdruckstrahler Dreck aus dem Melkgraben wegspritzen, Futter nachlegen, Kühe besamen, nach den Kälbern sehen, ein paar Runden mit dem Traktor drehen, Papierkram im Büro erledigen - Vater und Sohn haben alle Hände voll zu tun, pausenlos, arbeiten hart am Anschlag, mehr geht nicht.

Das System stimmt nicht

Warum nicht weniger? Warum nicht etwas kürzertreten? Omgo hat sich auch darüber Gedanken gemacht. Er braucht jetzt erstmal einen Kaffee, eine wohlverdiente Pause in der warmen Wohnküche. Raus aus den Gummistiefeln, rein in die gute Stube: Auf den Kaffeetassen tummeln sich gemalte Rinder. Bislang folgten die niederländischen Bauern wie anderswo in Europa der Logik: mehr Vieh, mehr Milch, mehr Geld. Nach dem Wegfall der europäischen Milchquoten wuchsen die Betriebe noch rascher – auch Omgos Hof. Unlängst hat er auch die Nachbar-Farm übernommen und will umstellen auf naturnahe Viehhaltung, "aber unsere Bank hat ‚Nein‘ gesagt: Ihr müsst einen Milchbetrieb mit Intensivhaltung und 240 Kühen aufbauen. Darauf habe ICH ‚Nein‘ gesagt: Das will ich nicht! Wir machen naturnahe Haltung und gehen runter auf 180 Kühe!"

Ein klassischer Konflikt: Da ist der Bankbeamte, der sieht sich den Stand der Verschuldung an, Betriebsgrößen, Milchpreise – und will das kleinstmögliche Risiko eingehen, sprich die schnellstmögliche Rückzahlung der Kredite. Dann ist da der Bauer. Auf der Landwirtschaftsschule wurde jahrelang gepredigt: viel Vieh, viel Geld. Dann die Regierung, die sagt: Leute, das geht so nicht weiter, wir müssen runter mit dem Viehbestand. Dann gibt es noch die EU, die hat die Hand am Geldhahn, zumindest in der vergemeinschafteten Landwirtschaftspolitik. Die gemeinsamen Regeln müssen eingehalten werden, auch was den Naturschutz betrifft.

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Omgo (re.) will den Familienbetrieb an seinen Sohn weitergeben - euronews

Omgo hat das alles gegeneinander abgewogen, durchgerechnet, hin- und herüberlegt und schließlich entschieden, einen Mittelweg einzuschlagen. Omgos Gedankengang: Wir sind ein Familienbetrieb, mein Sohn will irgendwann mal übernehmen, also muss das alles noch zu schaffen sein mit unseren Armen, Schultern, Körpern. Und dann ist da noch etwas: Omgo mag seine Tiere, will, dass es ihnen gut geht. Die Kühe stecken nicht in engen Boxen, sondern können sich frei bewegen im "open-space-Stall" - und wenn sie mal eine Rückenmassage wollen, gehen sie rüber zu einer der Rollschrubberbürsten.

Rechnet sich das alles noch?

Doch dauernd geht Omgo die Frage durch den Kopf, rechnet sich das? Momentan läuft es nicht schlecht, die Milchpreise sind gut. Einerseits. Doch dann ist da diese Stickstoffdebatte und die Entscheidung der Regierung, den Viehbestand radikal zu reduzieren. Andererseits.

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Eddie van Marum ist Abgeordneter der Bauernprotestpartei BBB - euronews

Es kommt Besuch, Eddie schaut vorbei. Eddie Van Marum und Omgo Nieweg sind alte Schulfreunde. Eddie kennt sich aus mit EU-Gesetzen und Umweltschutzauflagen, hilft Landwirten manchmal beim Ausfüllen von Beihilfe-Anträgen, gibt Tipps – und: sitzt seit wenigen Wochen als Abgeordneter der Bauernprotestpartei BBB im Provinz-Parlament von Groningen. Der Erdrutschsieg der bis vor kurzem noch weitgehend unbekannten Neupartei BBB führt dazu, dass Landwirte nun auch direkten Einfluss auf eine der beiden Kammern der Niederlande haben, sprich: Sie könnten unter Umständen Beschlüsse der Regierung verwässern oder vielleicht sogar blockieren.

Keine Perspektive für Bauern

Wir drehen eine Runde durch den friedlich wirkenden Kuhstall. Omgo meint: "Das Problem ist, dass die Regierung uns keine Perspektive gibt. Aber wir brauchen eine Perspektive, um mit unserem Betrieb weiterzumachen." Eddie pflichtet seinem Kumpel bei: "Genau das ist das Problem mit der niederländischen Gesetzgebung: sie nimmt uns Landwirten jegliche Zukunftsaussicht, indem sie lediglich ein einziges Problem ins Visier nimmt, nämlich den Stickstoff." Woraufhin Omgo schlussfolgert: "Wir wollen wirklich weitermachen mit unserem Hof. Die Landwirtschaft muss sich wandeln und wir sind auch wirklich bereit dazu, aber die Behörden sollten uns die Umstellung erleichtern."

Die niederländische Regierung will Betriebe aufkaufen und schließen, notfalls auch zwangsweise. Nicht weil alle Koalitionspartner dies unbedingt so wollen. Sondern weil es ein nicht mehr anfechtbares Gerichtsurteil gibt. Das Hilfsprogramm der Regierung für ländliche Regionen wurde mit über 24 Milliarden Euro dick gepolstert, so dick, dass man auch in Brüssel aufmerksam wurde und sich nun den Kopf darüber zerbricht, ob das wirklich alles mit rechten Dingen zugeht und nicht etwa gegen die Beihilferichtlinien der Europäischen Union verstößt. Noch ist der Prüfvorgang nicht abgeschlossen.

Knapp ein Drittel der 24 Milliarden sind als Entschädigungssumme für Landwirte vorgesehen, denen der Staat die Betriebe aufkaufen könnte. Kein Pappenstiel, und doch sind die Bauern auf den Barrikaden, denn in manchen Fällen geht es um mehr als nur einen Hof, es geht um gefährdete Lebensentwürfe, enttäuschte Hoffnungen - um Generationenfolgen, Gefühle, Geld: eine gefährliche Mischung.

Proteste wegen der Stickstoffkrise

Zurück in der Küche geht Omgo zum Regal, zeigt mir ein Foto. Wütende Bauern organisieren wegen der "Stickstoffkrise", wie sie in den Niederlanden genannt wird, seit drei Jahren massive Protest-Aktionen, die teilweise sehr weit gehen. Konvois mit hunderten von Traktoren blockieren zentrale Verkehrsachsen im Land, Innenstädte werden blockiert, öffentliche Gebäude "gestürmt". Auch Omgo machte mit – und wurde bei Auseinandersetzungen mit der Polizei verletzt. Auf dem Foto ist sein blutender Kopf mit der Platzwunde gut zu sehen. In Groningen war das, die Landwirte wollten mit der politischen Führung der Provinzregierung sprechen, fuhren mit Traktoren vor dem Regierungsgebäude vor, es kam zu einem Handgemenge mit unschönen Szenen.

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Omgo hat die unschöne Begegnung mit der Polizei im Bild festgehalten - euronews

Die systematische Selbstinszenierung der Landwirte als Opfer der angeblich realitätsblinden Politiker führte über Jahre hinweg zu einem seltsamen Spagat: Einerseits verzögerten die Regierenden immer wieder notwendige Entscheidungen zu einem schrittweisen Umbau der Landwirtschaft – bis es zu spät war und die Fakten und Gerichtsurteile nun zu einem sofortigen, schnellen und radikalen Handeln zwingen. Andererseits gelang es den Bauern mit ihren bunten Protestaktionen, ein gewisses Maß an Mitgefühl bei der Bevölkerung zu wecken. Gepaart mit einem volkstümelnden bis populistischen öffentlichen Diskurs neuer Protestparteien wie der BBB führte das zu dem Erfolg der Reformgegner bei den jüngsten Provinzwahlen.

Die Niederlande stecken in einer Sackgasse. In den Provinzen dominieren nun die Bauernprotestler, sie verweigern die Umsetzung der Reform. Die Gerichte pochen auf Einhaltung geltender Umweltschutzgesetze und fordern rasche Reformen. Die Zentralregierung wirkt verunsichert und traut sich nicht, den bereits beschlossenen Reformweg zügig weiterzugehen. Und in der Europäischen Kommission rauft man sich verzweifelt die Haare.

Zu viel Stickstoff in Naturgebieten

123 der 161 Natura-2000 Schutzgebiete der Niederlande leiden unter viel zu hohen Stickstoffeinträgen, selbst das grüne Herz des Landes, der riesige Naturpark Veluwe. Am Eingang habe ich mich mit Roy Wichink Kruit verabredet. Der gut gelaunte, sportliche Mann hat den Überblick - nicht nur über Ammoniak- und Stickstoff-Messstationen, sondern auch über Zahlen und Fakten. Er arbeitet in leitender Position für die staatliche Luftqualität-Aufsicht RIVM.

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Roy Wichink Kruit arbeitet für die staatliche Luftqualität-Aufsicht RIVM - euronews

Während wir auf sandigen Heidewegen in Richtung eines kleinen Türmchens gehen, erklärt Roy: "Wir haben über 300 Messstationen in den Niederlanden. Damit haben wir das dichteste Netzwerk an Messstationen weltweit. Einmal im Monat holen wir die Messröhrchen aus den Kisten und analysieren sie im Labor." Auch wenn hier alles nach intakter Natur aussieht, das Auge täuscht, denn auch dieses Vorzeige-Heidegebiet mit Magerböden ist umzingelt von Bauernhöfen, das berühmt-berüchtigte "chicken farm valley", das "Tal der Hühnerfarmen" liegt in unmittelbarer Nähe: Wasser, Böden, Luft sind überfrachtet mit Ammoniak und Stickstoff, weshalb auch hier auf der Heide überall stinknormales Gras wuchert – und seltene Arten verdrängt und überwuchert.

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Roy Wichink Kruit (li) erklärt Reporter Hans von der Brelie das Geheimnis der grünen Boxen - euronews

Roy schließt den grünen Kasten voller Messgeräte auf. "Wir verwenden alle uns bekannten Messdaten-Quellen in den Niederlanden und berechnen daraus den Ammoniak-Eintrag in die Naturschutzgebiete", erläutert der anerkannte Fachmann. "Wo kommen Ammoniak und Stickstoff her?", frage ich ihn. Roy weiter: "In den Niederlanden stammen 85 Prozent aller Ammoniak-Emissionen aus der Landwirtschaft.""Und? Ist das ein Problem? Ja oder Nein?", insistiere ich. Roy stellt klar: "Die Wissenschaftler haben gezeigt, dass Stickstoff ein wichtiger Faktor für die Verschlechterung der Naturgebiete ist. In Teilen der Niederlande liegen wir über den Grenzwerten für Schadstoffeinträge. Ich denke, bereits seit den 70er Jahren führte die hohe Zahl der Tiere zu einem Anstieg des Stickstoffgehaltes in der Atmosphäre." Später, mit der Abschaffung der Milchquoten und dadurch ausgelösten weiteren Intensivierungsschüben der niederländischen Landwirtschaft, wurde alles nur noch schlimmer.

Mehrere der wichtigsten Zugvögel-Routen führen über die Niederlande, mit ein Grund für die zahlreichen Natura-2000-Gebiete. Auch Omgos Hof liegt in der Nähe mehrerer Schutzgebiete. Omgos Freund Eddie Van Marum wird als frischgewählter Abgeordneter der Bauernprotest-Partei BBB im Groninger Regionalparlament nun alles daransetzen, die Stickstoffpolitik der Zentralregierung zu sabotieren. Van Marum stellt die fundierten Messergebnisse der besten Labore, die Expertenaussagen anerkannter Wissenschaftler, Messtechniker, Forscher und Behördenleiter öffentlich in Frage, säht Zweifel mit Behauptungen wie dieser: "Tatsache ist, dass noch nicht einmal klar ist, ob diese Emissionen aus dem Kuhstall auf einem Naturschutzgebiet 25 Kilometer weiter weg landen, Das alles ist doch nur ein Rechenmodell, das hat mit aktuellen Feldmessungen nichts zu tun."

Naturschutz versus Verdienst

Omgo und Eddie sind nicht per se gegen Naturschutz, aber sie fürchten ums Geld. Das wird im längeren Gespräch mit den beiden mehr als deutlich. Da Omgo mit den Kühen zu tun hat, nimmt mich Eddie mit nach draußen auf eine Wiese, die ebenfalls zu Omgos Landwirtschaft gehört. Eigentlich ist dies Grasland für Omgos Kühe. Doch die Freunde haben den Wasserpegel angehoben und eine Nasswiese für Bodenbrüter wie Kiebitz, Uferschnepfe und weitere Bodenbrüter geschaffen. Vorsichtig gehen wir in systematischen Schlangenlinien über die matschig-nasse Schlammwiese. Auf einmal winkt mir Eddie zu, zeigt auf den Boden, dort liegen in einem perfekt runden Nest vier braungesprenkelte Eier. Eddie dokumentiert mit seinem Handy die Fundstelle, dann steckt er als Markierung Ruten in den Boden.

"Das sind genau die Arten, die die EU erhalten möchte", meint Eddie. "Allerdings verdient der Bauer heute damit kein Geld, es kostet ihn Geld. Das System ist nicht richtig." – Eddie schaut betrübt, auf seiner Stirn haben sich steile Falten gebildet. Dann bringt er sein Anliegen, Omgos Anliegen, das Anliegen der Bauern in der Provinz Groningen, das Anliegen vieler Bauern in den Niederlanden direkt und ohne Umschweife auf den Punkt: "Für die Produktion von Natur, für die Produktion von Artenvielfalt sollte von der EU mehr gezahlt werden." – Es geht ums Geld.

Verantwortungen werden hin und her geschoben

Als Fallensteller hat Eddie gelernt, mit Nadel und Faden umzugehen. Er kann auch Haut nähen – weshalb er manchmal einem Bestattungsunternehmer hilft, wenn es gilt, Verstorbene vor der Leichenschau herzurichten. Eddie kommt auf die vielen Selbstmorde auf dem Land zu sprechen und schiebt die Verantwortung hierfür seinem politischen Gegner, der Koalitionsregierung in der Hauptstadt, in die Schuhe:

"Viele Bauern sind derart verzweifelt, wegen dieser ganzen Sachen, die ihnen die Regierung antut, dass sie sich ihr Leben nehmen", behauptet Eddie. "Ich selbst wurde bei einigen Fällen hinzugezogen. Ich musste Menschen wieder herrichten, nachdem sie sich aufgehängt hatten, damit sie wieder einigermaßen gut aussahen. Das belastet ganz schön, sowas."

Ich frage mich: Geht Eddie hier nicht ein bisschen zu weit? Oder sogar viel zu weit? Wird mit derartigen Aussagen nicht jeglicher politische Mindestanstand missachtet? Denn nur in den allerwenigsten Fällen lässt sich bei Selbsttötungen die meist extrem komplexe Gemengelage von persönlichen Motiven, Beziehungsdramen, Geldproblemen, Schicksalsschlägen einfach so auf einen einzigen Faktor reduzieren. Missbraucht Eddie die Gelegenheit mit einem Reporter zu sprechen dazu, zu manipulieren und den politischen Gegner anzuschwärzen?

Rettung für das Torfmoor De Peel?

Skeptisch verlasse ich die Provinz Groningen, reise vom Norden der Niederlande in den Süden. Das Torfmoor De Peel spielt im Stickstoffstreit zwischen Bauern und Naturschützern eine ganz besondere Rolle. Um Gebiete wie diese vor dem Gülle-Tod zu retten, verurteilte das oberste Gericht die Regierung 2019, endlich zu handeln. Die Koalition verkündete daraufhin, bis 2030 die Stickstoff-Emissionen halbieren zu wollen. Es eilt, denn in keinem anderen EU-Land ist die Stickstoffbelastung so hoch wie hier. Doch der Wahlerfolg der BBB könnte den Zeitplan durcheinanderbringen: Auf einmal ist in Gängen, Fluren und Hinterzimmern politischer Entscheidungsträger nun immer häufiger von 2035 die Rede. Wird – wieder einmal – alles auf die lange Bank geschoben?

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Wim van Opbergen kämpft für das Torfmoor - euronews

Wim van Opbergen sieht bedrückt aus. Jahrzehntelang hat er für den Erhalt der "De Peel"-Gebiete gekämpft, vor Ort, vor Gericht – es ist sein Lebenswerk, dass er nun, durch die Bauernproteste und BBB-Erfolge, gefährdet sieht. Er fürchtet um "sein" Moor. Die Fauna dort. Die Flora. Wim weiß: Wenn nicht sehr, sehr bald etwas geschieht, dann wandelt sich Artenreichtum in Artenarmut, dann ist es definitiv zu spät.

Wim und ich unternehmen einen Spaziergang durch das geschützte Torfmoor. Überall sind kleine Birkenstämme zu sehen, hohe Grasbüschel, Sträucher: "Das gehört hier alles nicht hin", sagt Wim wütend. Hier profitieren die nährstoffhungrigen Allerweltspflanzen von der Stickstoffschwemme in Wasser, Boden, Luft. "Das gesamte System basiert mittlerweile auf der Einfuhr von Futtermittelgrundstoffen aus der ganzen Welt für unser Vieh. Und wir bleiben letztendlich auf dem Mist sitzen", analysiert Wim die Landwirtschaft in den Niederlanden.

Wim weiter: "Die Niederlande sollten auf eine komplett andere landwirtschaftliche Produktionsweise umstellen, hin zu naturnäheren Anbau- und Viehhaltungs-Methoden. Wegen der Stickstoffeinträge verdrängen rasch wachsende Pflanzen seltene Arten. Dadurch ist die Artenvielfalt in Gefahr, es gibt immer weniger Arten."

Wim ist wütend

Schlechte Aussichten für Wims Torfmoor, denn der Erfolg der Bauernprotestpartei BBB bei den Provinzwahlen wird zu Verzögerungen im Kampf gegen zu viel Stickstoff führen: Zwangsenteignungen landwirtschaftlicher Betriebe sind ab jetzt noch schwerer durchzusetzen. Denn in den Niederlanden sind die Provinzen zuständig für die Umsetzung der Gesetze. Dort dominieren jetzt die Protestbauern. Naturschützer wie Wim sind entsetzt, denn eigentlich müsste es schneller gehen, nicht langsamer, nicht nur hier in den Niederlanden – sondern überall in Europa:

"Selbst wenn Sie in einem Umkreis von zehn Kilometern um das Torfmoorgebiet die gesamte Landwirtschaft einstellen würden, brächte das nur eine Stickstoffminderung von 20 Prozent. Das bedeutet, dass überall in den Niederlanden Maßnahmen ergriffen werden müssen, auch im benachbarten Ausland, beispielsweise in Deutschland und Belgien."

Europäische Kommission droht mit Vertragsverletzungsverfahren

Seit vier Jahrzehnten setzt sich Wim für den Erhalt des Torfmoors ein. Zusammen mit seinen Mitstreitern trat er den langen Weg durch alle Instanzen der Justiz an. "Wie haben Sie die Politiker überzeugt?", will ich von ihm wissen. Wim muss lachen, dann meint er: "Wir haben gezeigt, dass das ursprüngliche Programm der Regierung zur Stickstoffreduzierung nichts als Betrug war! Ich denke nicht so sehr, dass wir die Politiker überzeugt haben, als vielmehr die Richter, den obersten Gerichtshof. Und die haben uns weitergeleitet an den Europäischen Gerichtshof. Und der Europäische Gerichtshof hat uns Recht gegeben: Die Niederlande missachten europäische Vorschriften!" Dann zeigt er auf eine Karte des Torfmoors, große Flächen sind dunkelbraun eingefärbt: "Die Farben hier zeigen, dass viel zu viel Stickstoff im Torfmoor ist."

Die Europäische Kommission bestätigte gegenüber Euronews, dass sie ein Vertragsverletzungsverfahren einleiten könnte, sollten die Niederlande weiterhin nationales und europäisches Naturschutzrecht missachten. Und gegenüber den Niederlanden wird Brüssel nicht müde zu betonen, man möge doch bitte einmal Zugesagtes auch einhalten... Mitte April traf Frans Timmermans, oberster Klimaschützer der Europäischen Kommission, die BBB-Chefin in den Niederlanden. Beide gingen bei der Gelegenheit sehr vorsichtig miteinander um, zumindest in der Öffentlichkeit, man übte sich in diplomatischer Höflichkeit. Doch in der Sache bleibt die EU hart, klar und fair: "Sie kommen nicht darum herum, das Stickstoffproblem ernst zu nehmen", mahnte Timmermans die BBB-Chefin.

Nur mit weniger Vieh hat die Natur noch eine Chance

Lassen wir zum Abschluss noch einmal Wim zu Wort kommen. Er bückt sich, greift nach etwas Grünem, drückt das Moosbüschel in der Hand zusammen, Wasser tritt aus, wie aus einem Schwamm. Wim lächelt zufrieden: "Das Torfmoos muss wieder wachsen."

"Naturschutz und der Schutz der Artenvielfalt sind natürlich unverzichtbar für die Natur, aber sie sind auch für die Menschheit lebenswichtig. Ohne Schutz der Artenvielfalt kann die Menschheit nicht existieren."

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Das Torfmoos muss wieder wachsen - euronews

Die Niederlande haben damit begonnen, Weideland in der Nähe von Naturschutzgebieten aufzukaufen und zu renaturieren, so wie neben dem Torfmoor De Peel. Doch nur wenn der gesamte Viehbestand überall im Land massiv reduziert wird, hat die Natur noch eine Chance.