Nicht die Bayern sind so gut, die anderen sind so mies

Tommy Gaber
Editor Yahoo Sports

Der FC Bayern hat die Bundesliga einmal mehr im Eiltempo für sich entschieden, dabei die sportliche Überlegenheit schon mal größer. Was für die Münchner business as usual bedeutet, ist für den Rest der Liga ein Desaster. Ein Kommentar von Tommy Gaber. 

Der FC Bayern München feierte in Augsburg den sechsten Meistertitel in Folge

Jupp Heynckes zieht Interviews und Pressekonferenzen derzeit gerne freiwillig in die Länge. Letzten Freitag war die PK vor dem Augsburg-Spiel eigentlich schon beendet und Heynckes auf dem Weg nach draußen, als er plötzlich kehrtmachte und den anwesenden Journalisten einen Schwank von der Dienstreise nach Sevilla erzählte. Ein freundlicher Hotelgast, der mit Heynckes im Aufzug nach unten fuhr, habe ihn für einen Fan des FC Bayern gehalten. Diesen charmanten Schenkelklopfer wollte der Münchner Coach den Medienvertretern nicht vorenthalten.

Und als am Samstag nach dem Augsburg-Spiel das obligatorische Meistertrainer-Interview mit Sky vorbei war, schickte Heynckes noch flugs schöne Grüße und Lobeshymnen nach Italien an die Adresse von Carlo Ancelotti. Der Italiener war Ende September nach der 0:3-Klatsche in Paris nicht gerade sanft von der Säbener Straße verjagt worden.

Der Satz mit der Wolke

Heynckes brachte mit seinem Einfühlungsvermögen nicht nur eine verunsicherte Mannschaft wieder auf Kurs, sondern gleich einen ganzen Klub. “Der FC Bayern schwebt auf einer Wolke” – dieser Satz von Uli Hoeneß wird aus der x-ten Heynckes-Ära in München hängen bleiben.

Knapp sechs Wochen vor Saisonende tanzen die Bayern weiter auf drei Hochzeiten. Der sechste Speed-Meistertitel in Folge ist eingetütet, auf dem Weg zum Pokalfinale nach Berlin steht nur noch Bayer Leverkusen im Weg und am Mittwoch müsste gegen den FC Sevilla schon mit dem Teufel zugehen, sollten die Bayern nicht auch in der Champions League in die Runde der letzten Vier vorstoßen. Soweit also alles im grünen Bereich beim FC Bayern, fast schon rosarot. Stichwort Wolke.

Die Liga jammert zu viel

Das kann für die nationale Konkurrenz in keiner Weise gelten. Bevor Ancelotti gefeuert wurde, hatte sich Borussia Dortmund einen Fünf-Punkte-Vorsprung auf die Münchner erarbeitet. Ein halbes Jahr später war der BVB mit dem 0:6 in der Allianz Arena noch gut bedient. Selbst Dortmund hat sich sukzessive dem allgemeinen bescheidenen Niveau der Liga angepasst und ist schon lange kein Gegner mehr für den FC Bayern.

Der “ärgste” Verfolger Schalke 04 hat fünf Spieltage vor Schluss schlanke 20 Punkte Rückstand und blamierte sich zwei Stunden nach Bayern Meisterstück bei der 2:3-Pleite in Hamburg. Schalke hat in dieser Saison dienstags, mittwochs und donnerstags nichts zu tun, genauso wie Borussia Mönchengladbach. Und dennoch ist es diesen Klubs, die sich in der erweiterten Bundesligaspitze sehen, nicht gelungen, den Bayern zumindest ansatzweise mal auf die Pelle zu rücken. Einzig RB Leipzig muss man ausklammern; immerhin sind die Bullen in ihrem ersten Jahr auf internationalem Terrain recht erfolgreich und stehen kurz vor dem Einzug ins Halbfinale der Europa League. Der Rest aber sollte sich schämen.

Es wird viel zu viel gejammert in der Liga. Die TV-Gelder seien ungerecht verteilt, der Wettbewerbsnachteil im Vergleich zur Premier League in absehbarer nie und nimmer aufzuholen, der Videobeweis ungerecht, die Schiedsrichter-Leistungen maximal Durchschnitt. Dabei haben Dortmund und Co. das Wichtigste aus den Augen verloren: Die Entwicklung des Fußballs.

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Bayern war mehrfach schlagbar

Die Qualitätsdebatte wird nicht grundlos geführt. Den Bundesligateams mangelt es entweder an individueller Qualität oder einer nachhaltig erfolgreichen Spielidee. Jürgen Klopp zog mit dem BVB einst mit Überfall-Fußball an den Bayern vorbei, zumindest vorübergehend. Das war vor sechs, sieben Jahren. Seitdem genügt es dem FC Bayern, solide Alltagsarbeit abzuliefern, damit die Konkurrenz zum Fernglas greifen muss, um den Rekordmeister zu erhaschen.

Den glanzvollen Fußball aus der Guardiola-Ära spielen die Bayern nicht mehr; sie waren in vielen Bundesligaspielen in dieser Saison schlagbar. Meistens genügte aber ein kurzer Zwischenspurt, wie in Augsburg nach einer schwachen Anfangsphase, damit die Gegner kapitulierten.

Es klingt schon nach Verzweiflung, wenn BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sagt, dass es bis zum Jahr 2025 schon irgendwann einen deutschen Meister geben wird, der nicht FC Bayern München heißt. Immerhin – und das ist ein gutes Zeichen – gehen Klubs wie Dortmund oder Mönchengladbach noch während der laufenden Saison in die Analyse, gestehen wie Gladbachs Manager Max Eberl öffentlich Fehler ein und drehen die ersten Steine um. So hat sich der BVB mit Matthias Sammer und Sebastian Kehl Kompetenz in die Klubführung geholt. Ein Anfang, um wieder wettbewerbsfähiger zu werden.

Konkurrenz belebt das Geschäft. Dieser Satz klingt abgedroschen und arg strapaziert. Doch die Fußball-Bundesliga, respektive der FC Bayern München, hat genau das bitter nötig.