NFL: Taktik-Analyse: Was macht die Eagles-Offense so stark?

Die Philadelphia Eagles hatten die spektakulärste Offense der Saison - bis sich Quarterback Carson Wentz verletzte. Es dauerte einige Wochen, doch schließlich gelang es Philly, die Vikings im Championship Game auseinander zu nehmen. Nick Foles profitiert dabei von jeder Menge Unterstützung und einem großartigen Passing-Scheme, SPOX zeigt, wie die Eagles-Offense funktioniert. Super Bowl LII gibt es am 4. Februar ab 23.45 Uhr live auf DAZN - wahlweise mit deutschem und Original-US-Kommentar!

Die Philadelphia Eagles hatten die spektakulärste Offense der Saison - bis sich Quarterback Carson Wentz verletzte. Es dauerte einige Wochen, doch schließlich gelang es Philly, die Vikings im Championship Game auseinander zu nehmen. Nick Foles profitiert dabei von jeder Menge Unterstützung und einem großartigen Passing-Scheme, SPOX zeigt, wie die Eagles-Offense funktioniert. Super Bowl LII gibt es am 4. Februar ab 23.45 Uhr live auf - wahlweise mit deutschem und Original-US-Kommentar!

Seite 1: Run Pass Options und das Run Game der Eagles

Wann immer eine Offense die beste Defense der Liga überdeutlich in die Schranken weist, gebührt dieser Leistung Respekt. Dieses Kunststück ohne den Starting-Quarterback und in den Playoffs zu vollbringen, ist nochmal ein ganz anderes Kaliber.

Die Leistung der Eagles gegen Minnesota steht gewissermaßen sinnbildlich für die Qualität dieser Eagles-Offense: Philadelphia profitiert einerseits von einer sehr guten Offensive Line, hat andererseits aber auch ein großartiges Offensiv-Scheme, das dem Quarterback das Leben extrem erleichtert.

Das bedeutet nicht, dass Carson Wentz keine gute Saison gespielt hätte - im Gegenteil. Seine Fähigkeit, Plays in der Pocket oder zumindest innerhalb der groben Struktur des ursprünglichen Spielzugs auszudehnen, war für die Eagles Gold wert und ein elementarer Faktor für die herausragenden Third-Down-Zahlen. Doch war die spielerische Situation, in die er durch Wentz' Verletzung rutschte, für Nick Foles denkbar angenehm.

Head Coach Doug Pederson hat eine Offense geformt, die einerseits stark an das erinnert, was wir in diesem Jahr in Kansas City sehen durften - wenig überraschend ist dort Pedersons ehemaliger Mentor Andy Reid verantwortlich - und auch an Ex-Eagles-Coach Chip Kelly erinnert. Andererseits aber hat er sie noch effizienter, noch aggressiver gestaltet. Das wird auch, trotz der Quarterback-Situation in Philly, für die Patriots im Super Bowl eine echte Prüfung darstellen - SPOX zeigt, worauf es ankommt.

Run Pass Option: Die Absicherung der Eagles

Bereits ganz früh in der Saison war sie das große Thema: Die Run Pass Option. Einerseits, weil die Chiefs das Eröffnungsspiel bei den Patriots mit mehreren unerwarteten, eher aus dem College bekannten, offensiven Stilmitteln eindrucksvoll gewonnen hatten - darunter auch die Run Pass Options. Andererseits aber auch, weil zahlreiche Teams schnell riesige Probleme in ihren Offensive Lines offenbarten und die RPOs dagegen eine vergleichsweise schnelle Hilfe darstellten.

Die Houston Texans setzten nach dem Quarterback-Tausch hin zu Deshaun Watson intensiv auf Play Action und Run Pass Option, die Chiefs blieben die ganze Saison über dabei - und die Eagles zerlegten auch durch die RPOs reihenweise Defenses. 181 RPOs spielte Philly in der Regular Season, deutlich über dem Liga-Schnitt von 63. Davon profitiert die Offense und ganz besonders Foles jetzt enorm.

Die Run Pass Option erlaubt es dem Quarterback, nach dem Snap innerhalb von Sekundenbruchteilen zwischen zwei oder vereinzelt sogar drei Optionen zu wählen. Zumeist liest er dafür einen vorher festgelegten Verteidiger - meist ein Linebacker oder Safety - und je nachdem, was der macht, kann er den Ball entweder an seinen Running Back übergeben (wenn der Verteidiger in Coverage bleibt) oder aber zu einem Receiver passen (wenn der Verteidiger die Line of Scrimmage attackiert, um einen Run zu stoppen).

Das gleicht, ähnlich wie beim Zone Read, den nummerischen Nachteil der Offense aus: Bei einem normalen Pass fungiert der Quarterback "nur" als Ballverteiler - der Rest der Offense spielt somit zehn gegen elf. Beim Zone Read, wenn der Quarterback also potentiell mit dem Ball selbst los läuft, genau wie bei einer Run Pass Option muss die Defense anders verteidigen. Die RPOs sind in gewisser Weise die Weiterentwicklung des Play Action Games. Anstatt den Run von vorneherein nur anzutäuschen und direkt in den Pass überzugehen, bietet die Run Pass Option eine echte Chance zum Run und zum Pass.

Chip Kelly, die Eagles und die RPOs

Doch geben die RPOs der Offense noch viel mehr als das: Sie vereinfachen die Arbeit für den Quarterback, der bei einem Run-Pass-Option-Spielzug meist nur eine Seite des Feldes und nicht selten sogar nur einen oder zwei Verteidiger direkt im Blick haben muss. Der Read ist für ihn also schon vor dem Snap klar definiert, das hilft insbesondere einem weniger erfahrenen oder schlicht weniger talentierten Quarterback enorm.

Bereits 2016 zählte Pro Football Focus im Schnitt knapp über fünf Run Pass Options pro Spiel, die Bengals führten damals die Liga mit stolzen 6,2 Yards pro RPO an. Und Philadelphia hatte schon vor 2016 seine eigenen Erfahrungen damit gemacht - ausgerechnet Ex-Coach Chip Kelly, nach dessen Entlassung 2015 der Eagles-Kader radikal generalüberholt wurde, hatte die RPOs aus dem College mitgebracht.

"Ich glaube, er hat sie auf die NFL-Bühne geführt, nicht nur was unser Team angeht, sondern mit Blick auf die ganze Liga", bestätigte Tight End Zach Ertz, "aber sie sind heute definitiv deutlich weiter entwickelt." Ertz spielt dabei unter anderem auf die Vielfalt der Eagles bei den RPOs an, und das wird auf dem Tape schnell deutlich - Philly ist unter Pederson extrem gut darin, Run Pass Options für die Defense so unangenehm wie möglich zu machen.

Das bedeutet unter anderem, dass die RPOs mehrere eingebaute Pass-Optionen für Foles beinhalten. Das ist gerne einmal ein Screen zur einen und eine Slant-Route über die Mitte zur anderen Seite, hier gibt es immer wieder offene Receiver. Das zieht die Defense auseinander und zwingt Verteidiger in das von der Offense gewollte Entscheidungs-Dilemma.

Ein möglicher Outside-Run hat aus gleicher Formation einen Screen zur anderen Seite eingebaut, eine Pre-Snap-Motion wird mit Play Action kombiniert, und so weiter. Die Plays und Formationen sind durch das ganze Spiel hinweg miteinander verbunden. Das führt dazu, dass die Defense für den Quarterback im Laufe des Spiels klarer wird - und dass die Defense konstant erst nach dem Snap lesen kann, welches Play kommt. Ein klarer Unterschied zur eindimensionalen Offense unter Chip Kelly.

Philadelphias Run Game: Blount, Ajayi und Jason Kelce

Das gilt auch für das Run Game der Eagles. Philadelphia verfügt hier über eine glänzende Mischung, zusammengesetzt einerseits aus den Stärken des Blockings und andererseits aus den Qualitäten der eigenen Running Backs.

Erstere - namentlich LeGarrette Blount und Jay Ajayi - glänzen darin, Yards nach erstem Gegnerkontakt zu erzielen. In der Postseason führt Ajayi alle Running Backs mit mindestens 18 Runs auf dem Konto in Yards nach dem ersten Kontakt an (3,27). Beide Backs standen in dieser Kategorie in der Regular Season in der Top 10, Blount (3,56 Yards pro Run nach Kontakt) führte die Liga hier sogar an.

Der andere Aspekt, die Qualitäten und die Fokussierung im Blocking, ergänzen diese Qualitäten. Denn während Philly direkt an der Line of Scrimmage nicht unbedingt zu den dominantesten Run-Blocking-Teams gehört - wo Blount und Ajayi viele Yards selbst rausholen - ist das Blocking auf dem Second Level (also bei den Linebackers, einige Yards hinter der Line of Scrimmage) exzellent. In diesem Bereich gehören die Eagles in die Liga-Spitze.

Hier kommt die elementare Rolle von Jason Kelce ins Spiel. Philadelphias Center ist nicht gerade der kräftigste Center geschweige denn Offensive Lineman in der NFL, gehört technisch aber zur absoluten Elite. Eine Säule im Run-Blocking der Eagles ist es, Kelce möglichst schnell hinter die Line of Scrimmage zu bringen.

Das kann zu Problemen für Philly führen, wenn es einem Gegner gelingt, Kelce konstant zu beschäftigen - etwa, indem man eine Bear-Front gegen die Eagles spielt. Das Markenzeichen der Bear-Front besteht darin, dass jeder der drei Interior Offensive Linemen (die beiden Guards und der Center) einen direkten Gegenspieler erhält, also eine Mischung aus Defensive Tackles und Defensive Ends die Mitte der Line zustellt. New Englands Defensive Line ist genau dafür gut aufgestellt.

Die Eagles also werden einerseits die Defense in die Breite ziehen müssen - ein gutes Outside Run Game sowie die Kombination mit Play Action und Run Pass Options wird dabei helfen. Andererseits aber gibt es im Blocking auch Antworten dafür: Ist der Center zugestellt, leistet Philadelphia sehr gute Arbeit darin, einen anderen Blocker aufs Linebacker-Level zu bekommen. Hier sind vor allem die Tight Ends in der Pflicht, die Eagles nutzen sie effizient als Pull-Blocker, auf der Backside des Plays (also wenn der Run nach rechts geht die linke Seite der Offense) und eben auch als Second-Level-Blocker.

Seite 2: Philadelphias Passing Game: Große Flexibilität einfach gemacht

Der Blick auf das Passspiel ist auch ein kurzer Blick zurück auf die bereits thematisierte Run Pass Option: Will man Philadelphias Offense auf ihre Kernelemente runter brechen, so handelt es sich um eine West Coast Offense gemischt mit Run Pass Options und einer Fokussierung auf Pre-Snap-Motion.

Übersetzung: Das extrem auf Timing, kurzen Pässen über die Mitte des Feldes und Matchup-Pässen basierende Passing Game der West Coast Offense wird zunächst einmal mit den Run Pass Options kombiniert, was die Aufgabe für den Quarterback nochmals vereinfacht.

Während die West-Coast-Offense-Elemente ohnehin darauf aufbauen, dass Linebacker und andere Underneath-Verteidiger in unvorteilhafte Matchups gegen Tight Ends, Slot-Receiver oder Running Backs gezwungen werden, zwingen die RPOs diese Verteidiger auch noch, in Sekundenbruchteilen eine Entscheidung zu treffen.

Das hat unter anderem auch Pass-Konzepte zur Folge, die man ebenfalls aus der Chip-Kelly-Offense bestens kennt - Plays wie die Mesh-Wheel-Kombination sowie Pedersons Erweiterung dieses Plays: Die Mesh-Wheel-Kombination besteht, wie der Name schon sagt, aus zwei Pass-Konzepten. Einer Wheel-Route, in dem Fall des Running Backs, der aus dem Backfield also zur Seite und dann vertikal das Feld runter läuft, sowie einem Mesh-Konzept in der Mitte - zwei kurze, einander entgegenlaufende Routes.

Das alleine ist schon ein Quarterback-freundliches Konzept, Pederson kombiniert das mit Levels-Elementen. Heißt: Weitere, tiefer laufende Routes über die Mitte ziehen die Defense vertikal auseinander und zwingen Verteidiger insbesondere in Zone Coverage, große Räume zu verteidigen. Das öffnet Wege für die kurzen Underneath-Pässe, das Play in dieser oder leicht anderer Form war etwa im NFC Championship Game mehrfach zu sehen.

Die Eagles-Offense: Bewegung ist Trumpf!

Um die Aufgabe für den Quarterback noch angenehmer und für die Verteidigung noch schwieriger zu machen, arbeitet Pederson darüber hinaus intensiv mit jeder Menge Pre-Snap-Motion - also Wide Receiver, Running Backs oder Tight Ends, die sich unmittelbar vor dem Snap nochmals in Bewegung setzen und eine andere Position einnehmen.

Das hilft einerseits dabei, die Defense zu lesen. Geht der Verteidiger mit dem Receiver über das Feld, weiß der Quarterback bereits, dass es sich zumindest teilweise um Man Coverage handelt. Von den Falcons sah man einen derart häufigen Einsatz von Pre-Snap-Motion unter Kyle Shanahan in der 2016er Saison, auch hier wieder gilt: Motion hilft dem Quarterback, einen möglichst klaren Read entweder bereits vor, oder aber unmittelbar nach dem Snap zu erhalten.

Enge Formationen, Hilfe für die Wide Receiver

Mitunter kann das auch ins Extrem übergehen - und erinnert dann teilweise schon an die New England Patriots mit ihrer enormen Vielfalt und personellen Flexibilität. Das Musterbeispiel hierfür ist der finale Touchdown der Eagles gegen Minnesota im Championship Game: Die Eagles kommen dabei in einer engen Formation heraus, via Motion entsteht daraus fast eine Spread-ähnliche Aufstellung. Für eine Defense ist so etwas äußerst unangenehm und fordert eine fehlerfreie Kommunikation.

Auch die Receiver selbst profitieren von Pedersons Scheme: Bunch- und Stack-Formations - also Aufstellungen, bei denen die Receiver eng nebeneinander und hintereinander stehen, machen eine Press-Coverage deutlich schwieriger und helfen auch bei den Downfield-Pässen. Foles warf in seinen ersten vier Spielen 15 Pässe, die mindestens 20 Yards weit flogen, zunächst mit wenig Erfolg (2/15). Gegen Minnesota, als die Receiver auch mehrere Double Moves einsetzten, brachte er vier von sechs dieser Pässe für 172 Yards und zwei Touchdowns an.

Foles steht jetzt bei 9,5 Yards pro Pass über die beiden Playoff-Spiele. Und doch wird New Englands oberster Fokus darauf liegen, vor allem das Kurzpassspiel der Eagles zu stören. Hier liegt - entgegen den letzten Eindrücken aus dem Championship Game - die konstante Stärke in den Pass-Designs, hier kann Foles seinen Rhythmus finden und gemeinsam mit dem Run Game lange Drives dirigieren, um Tom Brady und die Patriots-Offense möglichst lange an der Seitenlinie zu halten.

Wie stoppen die Patriots die Eagles-Offense?

Man darf also davon ausgehen, dass New England defensiv einen klaren Fokus auf die Underneath-Pässe legt. Delayed-Blitzing, Coverage-Umstellungen während des Plays - und auch die Man-Coverage-Matchups werden hier eine zentrale Rolle spielen.

Die Patriots haben mit Patrich Chung (gegen Zach Ertz), Stephon Gilmore (gegen Alshon Jeffery) und Malcolm Butler (gegen Nelson Agholor oder Torrey Smith) die defensiven Bausteine, um das Timing der Eagles-Offense zu stören. Und sie haben die Disziplin und das Coaching, um die Run Pass Options zu verteidigen.

Gleichzeitig aber wird es für die Patriots auch ein Ritt auf der Rasierklinge: Sollten sie ihre bevorzugte Man Coverage spielen, müssen sie einerseits auf die Mesh-Konzepte der Eagles höllisch aufpassen. Andererseits müssen Belichick und Defensive Coordinator Matt Patricia auch gewillt sein, hieraus Risiko zu gehen und zu blitzen.

Die Eagles kommen mit einer sehr guten Offensive Line in den Super Bowl. Die Guards Stefan Wisniewski (diese Saison: ein Sack, elf Pressures zugelassen) und Brandon Brooks (0 Sacks, 17 Pressures zugelassen) bilden gemeinsam mit Kelce eine glänzende Interior Line, während Right Tackle Lane Johnson zur absoluten Liga-Elite gehört.

Lediglich die Left-Tackle-Position ist ein Problem: Nach dem verletzungsbedingten Saisonaus von Jason Peters musste Halapoulivaati Vaitai einspringen, der immer wieder Anfälligkeiten offenbarte und das klar schwächste Glied dieser Line ist. Eine Qualität der Pats ist es seit Jahren, eine gegnerische Schwäche auszumachen und die so lange zu bearbeiten, bis der Gegner zeigt, dass er die Problemzone reparieren kann. Dieser Schwachpunkt könnte am Sonntag Vaitai werden.

Doch die gute Nachricht für Philly lautet, dass die Mischung aus Pedersons Scheme und die Qualität im Receiving-Corps sowie in der (restlichen) Offensive Line dieses Team schon die ganze Saison über maßgeblich prägt. Natürlich ist Wentz' Leistungssprung im Vergleich zu seiner Rookie-Saison riesig, doch kam auch der nicht einfach aus dem Nichts heraus. Die Eagles haben auch mit Nick Foles am Sonntag eine Chance. Und die Patriots sollten diese Offensive auch ohne Wentz unter keinen Umständen unterschätzen.

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