NFL: Play-Calling erklärt: In 40 Sekunden kann sich alles verändern

Was für einen Unterschied doch ein Jahr machen kann! Die Los Angeles Rams sind das beste Beispiel hierfür: Nachdem sie unter Head Coach Jeff Fisher eine unglaublich unkreative und harmlose Offense hatten, hat Nachfolger Sean McVay das Ruder Scheme-technisch herumgerissen. In der vergangenen Saison war Kyle Shanahan das Maß aller Dinge in puncto Play-Calling, 2015 schwärmte die Liga von Bruce Arians' Downfield-Konzepten. Aber worum geht es dabei überhaupt? Worauf kommt es an, wenn Coaches während einer Partie über Spielzüge entscheiden? SPOX taucht ein in die Geschichte und Kunst des offensiven Play-Callings.

Was für einen Unterschied doch ein Jahr machen kann! Die Los Angeles Rams sind das beste Beispiel hierfür: Nachdem sie unter Head Coach Jeff Fisher eine unglaublich unkreative und harmlose Offense hatten, hat Nachfolger Sean McVay das Ruder Scheme-technisch herumgerissen. In der vergangenen Saison war Kyle Shanahan das Maß aller Dinge in puncto Play-Calling, 2015 schwärmte die Liga von Bruce Arians' Downfield-Konzepten. Aber worum geht es dabei überhaupt? Worauf kommt es an, wenn Coaches während einer Partie über Spielzüge entscheiden? SPOX taucht ein in die Geschichte und Kunst des offensiven Play-Callings.

Seite 1: Paul Brown und Bill Walsh als Vorreiter sowie die drei großen Offensiv-Systeme

Im Football geht es durchaus komplex zu. Je tiefer man einsteigt, desto mehr entdeckt man - und die Fragen nach Strategie und Taktik sind nicht immer einfach zu beantworten. Ein maßgeblicher Aspekt dabei ist das Playbook, genau wie das Play-Calling, also das Ansagen der Spielzüge, und das Game-Planning, also das Vorbereiten auf einen bestimmten Gegner. In einer zweiteiligen Mini-Serie blickt SPOX auf genau diese zentralen Aspekte. Nach dem großen Interview in Teil 1 steht in Teil 2 das offensive Play-Calling im Fokus.

Wenn Fans den Football für sich entdecken, ist ihr Ansatz nicht selten recht ähnlich. Auf den ersten Blick beeindrucken die Physis, die Athletik und die Show. Auf den zweiten, dritten und vierten Blick aber kommt das taktische Element dazu. Dieses beginnt eigentlich schon beim Gestalten eines Playbooks, was Fans vor allem aber jede Woche sehen und fasziniert mitverfolgen können, ist das Play-Calling.

40 Sekunden haben die Coaches zwischen zwei Plays Zeit, um den nächsten Spielzug anzusagen. Dabei gilt es, eine enorme Vielfalt an Informationen zu verarbeiten: Welche Tendenzen offenbart der Gegner? Läuft man Gefahr, selbst Tendenzen zu entwickeln? Wo auf dem Feld befindet man sich, welche Stärken und Schwächen gilt es auf beiden Seiten des Balls zu beachten?

Oder anders gesagt: Im ultra-athletischen, von Emotionen hochgekochten, durch die Lautstärke der Fans geprägten Chaos auf dem Football-Feld ist das Play-Calling eine Kunst, welche dem Football seine großartige taktische Komponente verleiht und es zum ultimativen Rasenschach macht.

Um diese zu beleuchten, hat SPOX mit zwei Coaches gesprochen und erklärt darüber hinaus die Ansätze der großen Köpfe des Spiels, die das Play-Calling revolutioniert haben. Denn jede Woche gilt aufs Neue: In 40 Sekunden kann sich alles verändern.

Die große Vorreiterrolle von Paul Brown

In den 50er Jahren war die Football-Landschaft eine komplett andere. Die NFL und die AFL waren noch über zehn Jahre von ihrem Zusammenschluss entfernt, die College-Variante war dem Profi-Football im öffentlichen Standing deutlich überlegen, ehe "The Greatest Game Ever Played" 1958 schließlich einen Wendepunkt markierte. Und die Cleveland Browns waren ein jährlicher Titelkandidat.

Ja, diese Cleveland Browns. Nicht erst mit dem legendären Jim Brown waren sie ein Powerhouse, dafür sorgte vor dem spektakulären Halfback nämlich auch schon Clevelands legendärer Couch Paul Brown.

Ihm nämlich ist es, neben diversen anderen Innovationen die das Spiel bis heute prägen, unter anderem zuzuschreiben, dass Quarterbacks nicht mehr die Play-Calling-Verantwortung tragen. Das war zu Beginn der 50er Jahre noch Standard, der Einfluss der Coaches während eines Spiels somit ungleich geringer.

Brown änderte das. Er wollte mehr Kontrolle, er wollte die Spielzüge ansagen - und fing an, einen Spieler als eine Art Nachrichtenübermittler zu nutzen. Der Spieler kam also an die Seitenlinie, erhielt den Play-Call von Brown und gab ihn dann im Huddle an die Mitspieler weiter. Es dauerte dann nicht mehr lange, ehe Brown Funktechnologien nutzte, um die Spielzüge dem Quarterback so direkt in den Helm übermitteln zu können. Funktechnologien übrigens, die noch eine Weile in den Kinderschuhen steckten: Bei Spielen in New York etwa kam es so einige Male vor, dass der Quarterback plötzlich kurzzeitig andere Funkwellen - beispielsweise den Polizeifunk - im Ohr hatte.

Walshs Selbsterkenntnis und die Simplifizierung

Nichtsdestotrotz war der Fortschritt unaufhaltsam und immer mehr Coaches übernahmen die Play-Calling-Verantwortung. Aktuell sind es in der NFL von 18 offensiv geprägten Head Coaches 13, die die Offense-Plays im Spiel ansagen: Ben McAdoo (Giants), Sean Payton (Saints), Mike McCarthy (Packers), Andy Reid (Chiefs), Jay Gruden (Redskins), Bruce Arians (Cardinals), Doug Pederson (Eagles), Kyle Shanahan (49ers), Dirk Koetter (Buccaneers), Bill O'Brien (Texans), Adam Gase (Dolphins), Hue Jackson (Browns) und Sean McVay (Rams).

"Der Coach, der die Plays ansagt, muss die volle Kontrolle über alle Spielzüge haben", brachte es der legendäre Niners-Coach Bill Walsh, der selbst unter Brown gelernt hat, im Gespräch mit der New York Times 1996 auf den Punkt. Und er müsse stets einen kühlen Kopf bewahren: "Als ich früh in meiner Karriere noch in Cincinnati für das Play-Calling zuständig war, habe ich an der Seitenlinie andauernd mit Running-Backs-Coach Bill Johnson gestritten. Er wollte nur Runs ansagen, wäre es nach mir gegangen, hätten wir die ganze Zeit nur geworfen. Das hat mich gelehrt, dass du schnell Probleme bekommst, wenn du als Coach deine Philosophie unbedingt durchsetzen willst."

Gleichzeitig sprach Walsh von einer zunehmend "kultivierteren" Methode im Umgang mit dem Sport, die dank Brown Einzug erhalten hatte. McVay, unter dem Jared Goff und die Rams-Offense nicht wiederzuerkennen sind, brachte es jüngst bei The Ringer so auf den Punkt: "Es gibt nichts Besseres, als wenn du ein Play ansagst, die Defense dir die gewollte Formation gibt und du deine Spieler in Position bringst, aus der sie Erfolg haben können."

Hierbei hat ein Prozess der Simplifizierung Einzug erhalten - zumindest teilweise. Das Ansagen der Plays wurde effizienter und kürzer, dabei jedoch auch differenzierter. Mario Campos Neves blickt auf eine lange Erfahrung als Head Coach und Offensive Coordinator in der GFL zurück und durfte sich im Trainerstab von Nick Saban in Alabama weiterbilden. "Mein genereller Ansatz ist es, die Dinge so einfach wie möglich zu halten", erklärte er im Gespräch mit SPOX. "Im Idealfall sollten ein bis drei kurze Signale reichen, um ganz klar zu sagen, was du willst. Ich bin kein Fan davon, ewig lange Play-Calls zu verwenden."

West Coast, Coryell und Erhardt-Perkins

Unter Brown war genau das anfangs noch der Fall: In den ersten Schritten bestand das Wording eines Spielzugs noch aus dem kompletten Einzelteilen des jeweiligen Spielzugs - also jede Route, jedes Konzept innerhalb des Plays wurde einzeln angesagt. Ganz so spezifisch sind Play-Calls heute nicht mehr, ein einziges einheitliches System gibt es dabei aber nicht. Vielmehr bestimmen drei übergreifende Schulen das Bild.

In der West Coast Offense bekommen Spielzüge Code-Namen, die alle notwendigen Informationen erhalten. "Brown Left 22 Texas" kann etwa die Formation ("Brown Left"), die meisten Routes (die erste "2"), das Blocking-Scheme (die zweite "2) und eine spezifische Route innerhalb des Plays ("Texas") beinhalten. In der Coryell Offense hat jede Route eine Zahl zugewiesen, die dann im Play-Call durch die Route des Running Backs erweitert wird. "847 H-Shallow" wäre ein typischer Play-Call dafür. Jeder Receiver auf dem Platz weiß dabei, ob er der erste (in dem Fall "8"-Route), zweite ("4") oder dritte ("7") Receiver ist und muss dementsprechend nur auf seine Zahl achten.

Schwieriger wird es in der Erhardt-Perkins Offense, die extrem flexibel ist und die man am prominentesten von den New England Patriots kennt. Zum einen deshalb, weil die Receiver innerhalb eines Plays verschiedene eingebaute Optionen haben. Als Reaktion auf die Defense können sie ihren Laufweg ändern und anpassen, dabei spricht man von sogenannten "Option Routes".

Andererseits aber ist die Komplexität auch ganz konkret im Play-Calling selbst zu finden: Route-Kombinationen erhalten feste Namen und so sind Plays extrem austauschbar und flexibel, erfordern von den Receivern und dem Quarterback allerdings auch ein großes Maß an Lernarbeit. Ein Spielzug könnte so etwa "G Brown RT 80 Hot Delay Utah" heißen. das Armband mit den Spielzügen von Tom Brady im Patriots-Museum bietet eine kleine Kostprobe.

Play-Calling im Detail: "Players over Scheme"

Letztlich geht es beim Play-Calling und dem Entwerfen der Offense aber auch darum, nicht stur in einer Schiene zu verharren. Die Sprache des Playbooks - also die Bezeichnung der Spielzüge - sind der eine Aspekt. Die Umsetzung und die Anpassung der Plays an das eigene Team ein ganz anderer

Der langjährige College- und CFL-Coach Jeff Reinebold brachte das gegenüber SPOX so auf den Punkt: "Man muss verstehen, wer die eigenen Spieler sind und was sie gut können, um sie darauf aufbauend in eine Position zu bringen, in der sie ihre Stärken nutzen können. Wenn dein Running Back gerne und gut nach außen läuft, weil er die nötige Explosivität mitbringt, dann lass ihn nicht konstant zwischen den Tackles nach innen laufen! Gleiches gilt auch andersherum, wenn man einen Power Back hat."

Mario Campos Neves konkretisierte weiter: "Ich bin grundsätzlich der Meinung: Players over Scheme. Wenn meine Spieler also bestimmte Dinge nicht mögen, dann macht es keinen Sinn, wenn ich das durchdrücken will. Natürlich soll man Dinge nicht aufgeben, nur weil sie ein Mal nicht geklappt haben. Aber die generelle Einbindung der Spieler und offensiv eben vor allem des Quarterbacks ist extrem wichtig. Wer offensiv für das Play-Calling verantwortlich ist, muss mit dem Quarterback auf einer Wellenlänge sein. Die Spieler müssen auch verstehen, was du von ihnen willst und ein situatives Verständnis entwickeln."

Beim Play-Calling geht es um einige zentrale Elemente: Es geht darum, die eigenen Spieler in die bestmögliche Position zu bringen. Darum, über den Lauf eines Spiels bestimmte Plays vorzubereiten, etwa indem man aus der gleichen Formation immer wieder ein Play läuft - und plötzlich etwas ganz anderes ansagt. Es geht auch darum, gegnerische Tendenzen auszunutzen und eigene Tendenzen zu verbergen.

Und ultimativ geht es darum, im Rasenschach-Duell nicht nur im einzelnen Spielzug, sondern auch mit Blick auf das große Ganze über den Gegner zu triumphieren. Das schließt auch das Erkennen guter Matchups ein. Hier sei nochmals Kyle Shanahan erwähnt, unter dem die Falcons diese Disziplin in der vergangenen Saison besser beherrschten als irgendein anderes Team. Das Musterbeispiel waren die beiden aufeinanderfolgenden Auswärtsspiele in Denver und in Seattle gegen zwei der besten Defenses der Liga: Gegen die Broncos attackierte Shanahan immer wieder die in Coverage anfälligen Linebacker mit seinen Running Backs, gegen die Seahawks griff er die Zonen-Deckung Seattles gezielt mit seinen Tight Ends an - eine Taktik, die die Falcons noch heute nutzen.

Seite 2: Play-Scripting, das Gefühl für den Spielfluss und die Kunst des Vorhersehens

Wie also läuft das Play-Calling ab? Wie entscheiden Coaches ganz konkret, welchen Spielzug sie ansagen? Ein Trend, der ebenfalls auf Brown und Walsh zurückgeht, ist das Play-Scripting; gemeint ist das Vorausplanen einer bestimmten Anzahl an Plays für ein Spiel. "Opener" nannte Walsh diese Plays, McVay spricht von "Priority Plays". Es ist kein Plan, der blind befolgt wird. Eher ist es das Ziel, bestimmte Spielzüge und damit einhergehend die Defense zu testen.

"Als ich für Marc Trestman gearbeitet habe, der ja ein großer Fan der West Coast Offense ist, wurden ich glaube die ersten 20 oder 25 Plays geskriptet", berichtete Reinebold, und McVay betonte: "Das sind Spielzüge, von denen wir wissen, dass wir sie irgendwann ansagen wollen, wenn wir in normalen Down-and-Distance-Situationen sind. Man muss immer darauf achten, dass man nicht in zu lange Downs zurückfällt. Fleichzeitig muss man auch bereit sein, sich an verschiedene Situationen anzupassen."

Noch unter Brown bereitete Walsh etwa die ersten zwei oder drei Plays vor. Bei den Chargers anschließend schraubte er die Zahl auf zehn bis zwölf hoch, ehe er schließlich in San Francisco erst bei 25 geskripteten Plays den Schlussstrich zog. "Man trifft am Donnerstagabend deutlich bessere Entscheidungen als am Sonntag mitten im Spiel", pflegte Walsh immer zu sagen. So traf er im Vorfeld sorgsam eine Auswahl an Spielzügen, die er möglichst in der ersten Halbzeit unterbringen wollte - mit diversen Zielen im Hinterkopf.

Walsh ging es darum, bestimmte Formationen mehrfach zu nutzen und zu sehen, wie der Gegner darauf reagiert. Darauf aufbauend konnte er später im Spiel aus der gleichen Formation ein ganz anderes Play ansagen. Er konnte seine Trick-Spielzüge und sonstigen Überraschungen gezielter einplanen, was vor allem Brown immer sehr wichtig war. Und er konnte sehen, wie sich etwa seine Offensive Line bei bestimmten Plays gegenüber dem Pass-Rush verhielt, und wo er möglicherweise im Laufe des Spiels Anpassungen vornehmen musste.

"Was ist die Identität des Gegners?"

Arizonas Bruce Arians nutzt das erste Viertel bevorzugt, um verschiedene Spielzüge zu testen und zu sehen, wie die Defense darauf reagiert. Dabei geht es gleichzeitig stets darum, selbst nicht vorhersehbar zu werden oder in gewisse Muster zu fallen. All das hilft dabei, einen Rhythmus zu bekommen.

Das ist gemeint, wenn davon die Rede ist, dass ein Play-Caller ein Gefühl für den Spielfluss hat. Eine Idee, wie die Defense reagiert. Es sind mitnichten schlichte Bauchentscheidungen, dabei spielen vielmehr ganz konkret die Reaktionen der Defense in bestimmten Situationen sowie die Vorbereitung im Game Plan eine große Rolle.

"Was ist die Identität des Gegners? Diese versucht man ihnen dann wegzunehmen. Sie sollen gezwungen sein, auf eine andere Art und mit anderen Spielzügen zu spielen, die sie vermutlich nicht so oft geübt haben", erklärt Campos Neves seine Philosophie in der Vorbereitung auf ein Spiel.

Er schaue sich "immer zuerst die Front und die Safeties an. Dann habe ich ein Gefühl dafür, was sie spielen - gerade die Safeties verraten einem schon viel darüber, welche Coverage die Defense spielt. Der nächste Schritt ist dann: Welche Blitz- und Pressure-Pakete haben sie? Welche Variationen nutzen sie in der Coverage? Wollen sie dabei irgendetwas verstecken?" Reinebold geht in eine ähnliche Richtung: Man müsse "auch auch über den Blitz und Pressure sprechen und sich Pässe dafür zurechtlegen."

Die Kunst, eine Defense zu täuschen

Diese Erfahrungswerte aus den ersten Plays nutzen Play-Caller dann, um im weiteren Spielverlauf mit einem gewissen Gefühl für die Reaktionen der Defense ihre eigenen Plays zu kontern. Hier kommt man zwangsläufig auf McVay zurück, denn eine große Stärke seines Schemes ist es - genau wie im Scheme von Kyle Shanahan - das Run Game mit dem Passing Game zu kombinieren. Bedeutet: Es gibt in Sachen Formation und genereller Aufstellung für die Defense möglichst keinerlei Fingerzeig, ob ein Lauf- oder ein Passspielzug kommt.

Das hat weitreichende Konsequenzen: Das Play-Action-Spiel bei vermeintlichen Run-Downs ist deutlich effizienter, da die Defense tatsächlich einen Lauf erwartet und auch durch die Blocking-Schemes in die Falle gelockt wird. Die Aufmerksamkeit der Defense kann so extrem manipuliert werden. Unter Shanahan entstanden bei den Falcons 2016 stolze 27 Prozent der Passspielzüge via Play Action, der klare Liga-Höchstwert und neun Prozent über dem damaligen Liga-Schnitt. Satte 10,3 Yards sprangen dabei pro Play-Action-Pass heraus, nur ein Team war hier besser: die Washington Redskins (10,4 YDS/Play) mit McVay als Offensive Coordinator.

Und es wird noch schwieriger aus Sicht der Defense: Ein guter Play-Caller verknüpft nicht nur seine Run- und Pass-Plays, er lässt die Defense auch während des Spielzugs weiter im Unklaren. So entwickeln sich manche Rams-Plays aus gleicher Formation im ersten Moment auch nach dem Snap identisch, nur um plötzlich eine ganz andere Richtung einzuschlagen.

Defensiv ist die grundlegende Vorbereitung gar nicht so unterschiedlich, wie Campos Neves erläuterte: "Auch defensiv geht es darum, herauszufinden, wo die Stärken des Gegners liegen. Hat er beispielsweise einen besonders guten Wide Receiver, den wir separat betrachten müssen? Welches System spielen sie? Welche Runs, welche Pass-Konzepte?" Klar ist aber auch: Eine Defense ist im Play-Calling in den allermeisten Fällen in einer reaktionären Position, eine gute Offense kann hier entschieden häufiger den Ton angeben.

Tony Dungy: "... das ist schwer zu verteidigen"

So wird nach und nach klarer, warum Play-Calling unter Coaches als eine ganz eigene Kunst angesehen wird. "Die Jungs, die am schwierigsten zu verteidigen sind, sind diejenigen, die in keinerlei Muster verfallen", betonte Ex-Colts-Coach Tony Dungy, der über Jahre für die Defenses der Pittsburgh Steelers und der Minnesota Vikings verantwortlich war, einst in einem Interview mit der New York Times. "Die problematischsten Teams sind die, welche alles aus der gleichen Personnel-Aufstellung spielen können. Diese Teams geben dir drei oder vier Runs, die einander extrem ähneln, und bauen darauf dann Play-Action-Pässe auf. Das ist schwer zu verteidigen."

Dabei holen sich Coaches auch heute noch gerne den Impuls ihrer Spieler ab und lassen sie beispielsweise Spielzüge an der Line of Scrimmage noch kurzfristig ändern. "Teilweise hat mein Quarterback sogar selbst die Plays angesagt, um herauszufinden, was er sieht, das ich nicht sehe. Das war auch für mich sehr lehrreich und ich denke, dass es auch der Entwicklung der Spieler hilft", bestätigte Campos Neves.

Wenn sie über einen erfahrenen Quarterback verfügen, besprechen Coaches im Vorfeld mit ihm nicht nur den Game Plan. Sie geben ihm auch die Chance, konkreten Einfluss darauf zu haben. Das kann beispielsweise so aussehen, dass der Coach eine Vorauswahl an Spielzügen für sein Play-Scripting auswählt, um den Quarterback dann daraus wählen zu lassen.

Play-Calling ist so eine äußerst individuell geprägte Kunst. Unter welchen Coaches und in welchen Systemen hat der Head Coach selbst gelernt? Über welche Spieler verfügt er? Welche Coaching- und Spiel-Erfahrungen haben ihn geprägt? All das trägt ebenfalls zum "Fluss" im Play-Calling bei, den gute Coaches entwickeln können. Und doch erfordert es auch in jedem Spiel wieder besondere Fokussierung, um in den 40 Sekunden zwischen zwei Plays den Überblick zu wahren und sich nicht zu einer Kurzschlussentscheidung hinreißen zu lassen.

Es ist eine Kunst, die irgendwo schwer greifbar ist. Als ständiges Katz-und-Maus-Spiel, das aus Aktionen und Reaktionen besteht, ist es die Aufgabe eines Play-Callers, den eigenen Spielern eine bestmögliche Chance auf Erfolg zu geben. Das funktioniert mit "enorm viel Tape-Studium": Diese Antwort bekommt man von jedem, mit dem man über das Thema spricht. Die Vorbereitung ist ein entscheidender Aspekt, Walsh war der größte Meister darin. Anschließend geht es aber auch darum, im Spiel die richtigen Schlüsse zu ziehen und auf Formationen und Verhalten des Gegners zu reagieren. Und das ist bei all dem Spektakel und der Athletik der wohl spannendste Part im Football.

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