NFL-Millionär statt Kindersoldat

Eric Böhm
Amara Darboh (l.) ist die große Receiver-Hoffnung der Seattle Seahawks

Wenn die Filmrechte noch auf dem Markt sind, sollte ein Studio schnell zuschlagen.

Denn die unfassbare Lebensgeschichte von Amara Darboh schreit geradezu nach Hollywood. Im Bürgerkrieg von Sierra Leone wurden seine Eltern ermordet, er landete als Flüchtling in der US-Provinz und schaffte es als Receiver-Talent tatsächlich in die NFL zu den Seattle Seahawks.

"Ich bin einfach gesegnet. Ich hatte schon schwierige Zeiten in meinem Leben. Gott hat auf mich aufgepasst, und ich hatte viele großartige Menschen, die mir geholfen haben", sagt Darboh.

Dass er im Monday Night Game mit Seattle gegen die Atlanta Falcons (ab 2.30 Uhr LIVESCORES) antritt, grenzt an ein Wunder.


Darbohs Eltern im Bürgerkrieg getötet

Darboh wurde 1994 in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, geboren - mitten im blutigen Bürgerkrieg. Zwei Jahre später verlor er seine beiden Eltern Solimon und Kadita.

Insgesamt 70.000 Opfer forderte der Konflikt. Der Waisenjunge musste von Unterschlupf zu Unterschlupf durch Freetown ziehen, immer in Angst von der brutalen Rebellenarmee RUF als Kindersoldat zwangsrekrutiert zu werden. 

"Glücklicherweise erinnere ich mich nur an die guten Zeiten, wie das Fußballspielen mit meinen Brüdern, die Familie oder zum Markt zu gehen", erklärt Darboh.

Kirchliche Organisation holt ihn in die USA

Mit dem Großteil seiner 13 Geschwister flüchtete er als Siebenjähriger aus dem westafrikanischen Land in das mehr als 600 Kilometer entfernte Gambia - zu Fuß, wie insgesamt 2,5 Millionen Menschen.

Das Leben des Jungen änderte sich  im Jahre 2001. Eine kirchliche Organisation brachte Darboh und die Reste seiner Familie nach Des Moines, Iowa. In der beschaulichen 200.000-Einwohner-Gemeinde zog die älteste Schwester Lovette Darboh und die jüngeren Kinder auf.

Später nahm ihn sein Baseball-Trainer Dan Schaefer auf und adoptierte ihn schließlich mit 17 Jahren.

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Naturtalent im Football

Schon zuvor war sein Talent für Football aufgefallen. In seinem ersten Spiel fing er gleich drei Touchdowns, obwohl er den Ball nicht richtig sehen konnte. Zum ersten Mal überhaupt besuchte er damals einen Augenarzt und trägt seitdem in Spielen Kontaktlinsen.

Ein Wachstumsschub in der High School machte die großen Football-Colleges des Mittelwestens auf Darboh aufmerksam. Die Michigan Wolverines schnappten sich den Athleten, der schon damals mit seiner vorbildlichen Einstellung auffiel und auch im Fußball und Basketball brillierte.

"Er ist ein tougher Junge, der sich wirklich alles in seinem Leben erarbeiten musste. Das spricht für seinen Charakter. Man kann sich kaum vorstellen, was er als Kind durchgemacht hat", sagt Seattles General Manager John Schneider. (SERVICE: SPORT1 erkärt die NFL-Begriffe)

Ex-NFL-Coach Harbaugh formt Darboh

Nach zwei ganz starken Jahren unter dem ehemaligen NFL-Cheftrainer Jim Harbaugh mit insgesamt über 1500 Yards und zwölf Touchdowns schlug Schneider im Draft in der dritten Runde zu.

Darboh bekam einen Vierjahresvertrag über rund 3,2 Millionen Dollar und arbeitet sich als Rookie in der aktuellen Saison immer näher an die Top-Receiver heran. Bisher gelangen ihm sechs Catches, die Hälfte davon in den vergangenen vier Partien.

Als seinen bisher größten Sieg sieht der mittlerweile 23-Jährige aber das Erlangen der US-Staatsbürgerschaft 2015: "Das war schon lange mein Ziel, am College konnte ich mir das endlich erfüllen. Das war mein letzter Schritt, ich wollte unbedingt alle Bürgerrechte, zum Beispiel, um wählen zu können."


Seahawks schwärmen

Mehr als seine herausragende Kombination aus Größe (1,88 Meter) und Schnelligkeit schätzen nicht nur die Seahawks die Persönlichkeit dieses außergewöhnlichen jungen Mannes.

"Er ist einfach ein unglaublicher Junge", schwärmt Seattles Head Coach Pete Carroll. Adoptivvater Schaefer erinnerte sich im Gespräch mit der Seattle Times an den Anruf der Seahawks am Draftabend: "Das macht dir Gänsehaut. Das ist eine unter Millionen einmaligen Geschichten."