Neymar: Für immer nur Kronprinz?

Für den Fußball als Mannschaftssportart und für die Freunde des Kollektivs ist diese Weltmeisterschaft der reinste Segen. Leo Messi: Früh ausgeschieden. Cristiano Ronaldo: Früh ausgeschieden. Zlatan Ibrahimovic: Erst gar nicht dabei gewesen. Und nun hat es auch Neymar Jr. erwischt.

Neymar hat die große Chance auf den WM-Titel verspielt

Diese Weltmeisterschaft ist kein Turnier der großen Solisten und damit auch kein Turnier, das den Hype um eine einzelne Person schürt. Messi und Ronaldo waren in der Offensive Ein-Mann-Armeen, Ibrahimovic moserte noch nach Schwedens sensationellem Gruppensieg herum, mit ihm wäre die Mannschaft besser aufgestellt.

Argentinien und Portugal sind trotz ihrer Superstars gescheitert, die Schweden stehen ohne ihren gar nicht so altersmilden Granden in der Runde der letzten Acht. Das sind zwei tragische Geschichten und eine schöne, doppelt funktionierte das Kollektiv um den Fixstern herum nicht, einmal konnte das Kollektiv nur funktionieren, weil der Fixstern nicht mehr dabei war.

Beste Voraussetzungen

Bei Neymar und seinen Brasilianern war das alles anders. 25 Spiele lang war die Selecao ungeschlagen, sie brachte das kompletteste Gesamtpaket mit nach Russland, hatte einen guten Trainer, eine funktionierende Defensivstrategie und einen starken Torhüter. Und wie eigentlich fast immer so viele Offensivspieler auf Weltklasseniveau wie keine andere Mannschaft. Das Ausscheiden gegen Belgien, das nur eine Halbzeit lang auftrumpfte, in den zweiten 45 Minuten aber nur noch wenig entgegenzusetzen hatte, war unnötig und deshalb besonders bitter.

">Analyse: So schaltete Belgien die Selecao aus

Ein Neymar in großer Form in einem großen Spiel hätte den Unterschied machen können, ziemlich sicher hätte die Mannschaft mehr Esprit und Leidenschaft von ihrem besten Spieler vertragen können. Neymar hatte seine beste – und einzige – Szene aber erst in der Nachspielzeit. Davor wurde er durch anderthalb Schwalbenversuche auffällig und eine neue Frisur. Die dritte innerhalb der drei WM-Wochen. Immerhin setzte der Brasilianer dort noch Maßstäbe.

Beim Turnier hat sich Neymar einer breiten Öffentlichkeit als Rollenmodel des verzogenen, ins Unermessliche überhöhten Spielers gezeigt. Als Musterbeispiel dessen, was Nachwuchsspielern auf der ganzen Welt am besten gar nicht erst gezeigt oder beigebracht werden sollte. Neymar hat die Chance fahrlässig verstreichen lassen, als Sportsmann in Erinnerung zu bleiben.

Als Mannschaftsspieler, fairer Gegner, als einer, der den Schiedsrichter und dessen Entscheidungen respektiert. Seine beiden Tore werden schnell wieder vergessen sein, was bleibt, sind einige peinliche Schauspieleinlagen und jede Menge Hohn und Spott in den sozialen Medien. Das ist ausgenommen schade bei einem Spieler mit diesem Talent und Fähigkeiten.

Es war nicht “seine” Selecao

Vermutlich interessiert es Neymar gar nicht, dass er bei großen Teilen der Fußball-Fans mittlerweile für viele Dinge steht, die im Fußball falsch laufen. Selbst in der Heimat war der Unmut über seine Eskapaden auf dem Platz groß. Sehr wohl aber wird es ihn interessieren, dass er eine verdammt große Chance einfach so hat liegen lassen.

Brasilien ist fünfmaliger Weltmeister und für jeden Titel stand ein Spieler stellvertretend. Pele gleich doppelt, Jairzinho, Romario, Ronaldo. Es ist ein enger Zirkel, in den man nur mit einem WM-Titel Zutritt gewährt bekommt. Neymar und seine Mannschaft hatten alle Möglichkeiten dazu. Natürlich wird das 1:7 gegen Deutschland im eigenen Land immer ein Trauma bleiben, die größte Schmach der Geschichte. Aber nüchtern betrachtet ist das Aus nun noch tragischer, weil die Mannschaft besser und die Konstellation günstig wie nie schien.

Neymar hat es nicht geschafft, die Selecao zu “seiner” Mannschaft zu machen. Und er hat für sich ganz persönlich den Schritt verpasst, zu den Größten des letzten Jahrzehnts aufzuschließen. Beim Sterben der Superstars war er der letzte Verbliebene und wer weiß, wie sehr sich Neymar die Würden des besten Fußballspielers der Welt wünscht, dürfte seine Enttäuschung über das 1:2 gegen Belgien wenigstens erahnen.

Auf ewig der Kronprinz?

Seit Jahren greift der Kronprinz im Schatten von Messi und Ronaldo bei den zweifelhaften Einzelspielerwahlen ins Leere, der Ballon d’Or für den besten Spieler der Welt geht in WM-Jahren nur über die Leistung und das Erreichte beim Endturnier. Ohne Messi und Ronaldo war die Gelegenheit günstig, den Königen langsam aber sicher die Tür zu weisen und selbst auf den Thron zu steigen. Diese Chance hat Neymar mit einem gemessen an seinen Möglichkeiten aber unzureichenden Auftritt gegen Belgien leichtfertig verspielt.

Er bleibt weiter der Unvollkommene, ohne WM- oder Champions-League-Würden. Und sollte er in Paris bleiben, in einer besseren Operettenliga, werden sich nur in der K.o.-Runde der Königsklasse ein paar Leute für ihn interessieren. Während Messi und Ronaldo bei ihren Klubs in ihren Ligen permanent im Rampenlicht stehen. In vier Jahren wird Neymar dann bei seinen Freunden aus Katar wieder auf die große Bühne dürfen. Dann wird er auch schon 30 Jahre alt sein.