News vom entrückten Peter

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Peter Tauber hat auf Twitter keine Sympathiepunkte gesammelt (Bild: AFP)

CDU-Generalsekretär Peter Tauber erteilt Lehren in Sachen Minijobs. Und offenbart Ignoranz wie Unwissenheit.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Die berühmten 140 Zeichen eines Tweets sind eine echte Herausforderung für Politiker. Endlich mal nicht in Wurmsätzen schwurbeln, sondern knackig Signale heraushauen – für manchen Volksvertreter entwickelt sich Twitter zur Sucht.

So gesehen muss es Peter Tauber mies ergehen, der CDU-Generalsekretär hat es immerhin auf 20.700 Tweets geschafft. Sollte er im Schnitt pro Tweet 120 Zeichen geschrieben haben, kommt er auf 1600 Normseiten; ein schwerer Schinken stünde im Regal. Da muss es schmerzen, dass Tauber schweigt. Seit gestern haut er zumindest für Twitter nicht mehr auf die Tasten. Ist er auf Entzug?

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Vielleicht liegt es an einem seiner letzten Tweets, da beschied er die Frage eines Users („Heißt das jetzt 3 Minijobs für mich?“ kurz und knapp: „Wenn Sie was Ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs.“

Hätte er bloß geschwiegen. Leser, die in Minijobs arbeiten, mochten seine Erkenntnis des Tages nicht recht teilen, rund 7,4 Millionen Menschen arbeiten in „geringfügiger Beschäftigung“, die monatliche 450 Euro nicht übersteigen darf. „Überheblich“, hieß es daraufhin, oder etwas verschärft: „abgehoben“.

Ich finde, seine Kritiker haben Unrecht. Tauber ist nirgendwohin geflogen. Er war wahrscheinlich schon immer, wo er jetzt ist.

Menschen nehmen aus unterschiedlichsten Gründen Minijobs an. Da sind Eheleute, die zum guten Einkommen des Partner etwas hinzugewinnen wollen, abenteuerlustige Barkeeper – oder eben Menschen, die in geregelter Vollzeit nichts finden, und dies trotz des Umstands, dass sie „was Ordentliches gelernt“ haben.

Der Schwanz der Katze

Deshalb ist Taubers Tweet erbarmungswürdig. Mitnichten ist gute Bildung und Ausbildung eine Garantie für einen Vollzeitberuf in Deutschland. Nur ein Beispiel von vielen: Das von seiner Partei mitverantwortete Wissenschaftszeitvertragsgesetz regelt, dass Uniabsolventen insgesamt zwölf Jahre Zeit haben, mittels Promotion und Habilitierung einen Job in der Wissenschaft zu finden. Gelingt dies nicht, wartet der: Minijob. Beim Fehlen eines akademischen Mittelbaus und der eher knappen Anzahl von Professorenstellen sind diese zwölf Jahre vergleichbar mit einer Gladiatorenarena.

Und dann sind da noch jene Wissenschaftler, die gar nicht an einer Uni arbeiten und die gar nicht Professoren werden wollen: Auch die fallen, absurderweise, unter dieses unmenschliche Gesetz. Angeblich dient dieses Gesetz zur Regelung der Qualifizierung. Doch wer zum Beispiel bei einer außeruniversitären Forschungseinrichtung wie einer Akademie arbeitet, fängt seinen Job bereits qualifiziert an. Dennoch durchlaufen diese Menschen diese zwölf Jahre befristet, also im Prekariat, und können dann vor die Tür gesetzt werden; dies gar endgültig: Eine befristete Stelle in der Wissenschaft dürfen sie nicht mehr annehmen, aber es gibt fast nur noch befristete. Dieses Gesetz, in 140 Zeichen gepresst, kommt einem Berufsverbot gleich.

Tauber sollte dies wissen, er hat Geschichte studiert, das gilt als brotlose Kunst. Laut seiner Website beherrscht er Latein, da kann er fragen, wie viele Latinisten es nicht schafften, in ihrem Bereich zu arbeiten – auch dank jenes von der CDU betriebenen Gesetzes.

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Aber Tauber ist, das vermute ich mal, weit weg von diesen Leuten. Er ist auch nicht näher dran an Menschen, die sich ihre Bildung erkämpfen mussten, weil sie aus einer Arbeiterfamilie stammen und im deutschen Schulwesen den Stempel „nicht so wichtig“ trugen. Kein Schulwesen in Europa trennt Bildung so sehr nach sozialen Klassen wie Deutschland. Woher du kommst, dorthin gehst du zurück.

Eine Frage nach der Herkunft

Und Tauber ist weder abgehoben noch entrückt. Sein Großvater Gustav war Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Apothekerkammern, sein Vater trägt einen Doktortitel. Laut eigener Website besuchte Tauber Junior ein „traditionsreiches Gymnasium“. Dies ist kein Manko, erlaubt aber die Frage, wie viel der heutige Generalsekretär von den sozialen Mühen jener erfahren hat, die nun in Minijobs stecken. Und führt uns zur weiteren Erkundigung, ob er so getweetet hätte, stammte er aus einer Arbeiterfamilie.

All dies wird ihm heftig auf die Füße fallen, denn die CDU erscheint wenigstens in Wahlkampfzeiten als Partei auch für die Arbeiter, eben als Volkspartei. Tauber ruderte deshalb rasch zurück, er verteidigte sich zunächst, er habe sagen wollen, „wie wichtig eine gute Ausbildung ist“.

Als er merkte, dass dies nicht den Kern der Kritik an ihm betraf, schob er hinterher:  Wer drei Mini-Jobs brauche, um über die Runden zu kommen, habe es nicht leicht. Er habe diesen Menschen nicht zu nahetreten wollen. Es tue ihm leid, dass er sein Argument für eine gute Ausbildung „so blöd formuliert und damit manche verletzt habe“.

So blöd war sein ursprünglicher Tweet nicht formuliert. Er war im Gegenteil punktgenau. Und sehr ehrlich.