#NeverAgain und Co.: Kann ein Hashtag die Welt verändern?

Mit Kerzen gedenken Schüler den 17 Opfern des Amoklaufs in Florida – und kämpfen unter dem Hashtag #NeverAgain für schärfere Waffengesetze. (Bild: Drew Angerer/Getty Images)

#NeverAgain ist das neueste Schlagwort in der Geschichte des „Hashtag-Aktivismus“ – einer jungen, aber medial omnipräsenten Art des Politdiskurses. Wie effektiv ist diese aber tatsächlich?

Nach dem Amoklauf an einer Schule im US-amerikanischen Florida, bei dem ein 19-Jähriger 17 Menschen erschoss, ist kein Hashtag so präsent wie dieser: Unter #NeverAgain („Nie wieder“) versammeln sich Überlebende des Attentates, Angehörige der Opfer sowie Waffengegner, um der US-amerikanischen Waffenlobby die Stirn zu bieten und eine Verschärfung der Waffengesetze zu fordern. Es ist nicht die erste medial omnipräsente Hashtag-Kampagne – und wohl auch nicht die erfolgsversprechendste: Schließlich äußerte sich US-Präsident Donald Trump bereits gegen entsprechende Gesetzesverschärfungen und stattdessen für eine Bewaffnung von Lehrern.

Um zu verstehen, wann und wie der Aktivismus nach dem Parkland-Massaker Fahrt aufnahm, darf sie nicht unerwähnt bleiben: Emma Gonzalez, eine der Überlebenden des Massakers an der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida, wurde durch eine Rede zum Gesicht des Protests gegen die Waffenlobby. Sie zeigt, wie stark einzelne Personen und ihre mediale Präsenz eine Kampagne beeinflussen können. Die 18-jährige Schülerin hielt nach dem Anschlag eine emotionale Rede bei einer Anti-Waffen-Demonstration. Mit scharfen Worten prangerte sie die laschen Waffengesetze in den USA und finanzielle Verstrickungen von Donald Trump und der Waffenlobby an. Ihr unter Tränen ausgerufenes „Schämen Sie sich“ zierte Headlines und Beiträge weltweit. Seitdem ist die Schülerin nicht nur ein gefragter Gast in Talkrunden, ihre Strahlkraft zeigt sich auch in den sozialen Medien. Erst vergangene Woche trat Gonzalez Twitter bei und hat schon jetzt über eine Millionen Follower – fast doppelt so viele wie die mächtige US-Waffenorganisation National Rifle Association (NRA).

Sie ist das Gesicht der #NeverAgain-Kampagne: Schülerin Emma Gonzalez. (Bild: ddp Images)

Die Hashtag-Kultur ist eigentlich noch relativ jung: Am 1. Juli 2009 führte der Kurznachrichtendienst Twitter die Nutzung des Rautensymbols ein, um Diskussionen und Postings unter plakativen Begriffen einzuordnen und die Suche nach dem Diskurs (beziehungsweise die Beteiligung daran) zu erleichtern. Seitdem ist der Hashtag – zusammengesetzt aus den englischen Wörtern für die Rautetaste („hash“) sowie Schlagwort („tag“) – omnipräsent und längst zu mehr geworden als nur einem dem Unternehmen dienenden Hilfssymbol. Aus dem digitalen Diskurs ist die Hashtag-Kultur ohnehin längst nicht mehr wegzudenken, mittlerweile gewinnt sie aber auch abseits des Internets immer mehr an Gewicht und Bedeutung.

#Kony2012: Jagd auf den Rebellenführer

Eine der ersten großen Hashtag-Kampagnen stammt aus dem Jahr 2012. Kein Schlagwort war damals öfter zu lesen als #Kony2012, das sich auf die Kampagne „KONY 2012“ der kalifornischen NGO „Invisible Children Inc.“ bezog. Deren erklärtes Ziel: die Festnahme des ugandischen Rebellenführers und mutmaßlichen Kriegsverbrechers Joseph Kony im Jahr 2012. Ein am 5. März 2012 veröffentlichtes Video wurde schnell zum viralen Hit und brach mit 70 Millionen Aufrufen in nur fünf Tagen alle damaligen Rekorde. Zahlreiche Prominente wie zum Beispiel Rihanna, Justin Bieber und Oprah Winfrey unterstützten die Kampagne, die um finanzielle Unterstützung bat.

Die Kampagne und der Hashtag verbreiteten sich wie ein Lauffeuer, allerdings war die Kampagne selbst nicht unproblematisch. Der kritische Tenor: Viele, die die Kampagne unterstützen und sich den Hashtag auf die (digitalen) Fahnen schrieben, hätten nicht einmal gewusst, wo Uganda liege – geschweige denn, wo die tatsächlichen Probleme des Landes zu verorten seien. Zudem würde die Situation in dem ostafrikanischen Binnenstaat simplifiziert und einseitig beziehungsweise schlichtweg falsch dargestellt. Die Verbindung der NGO zur Sudanesischen Befreiungsarmee sowie der Armee Ugandas stand ebenfalls im Kreuzfeuer der Kritik – denn diesen werden zahlreiche Fälle von Misshandlung vorgeworfen. Die mediale Präsenz zeigte Wirkung: Die Afrikanische Union versprach eine Entsendung von 5.000 Soldaten in die Region, um den Kriegsherren zu fassen. Ende 2012 stimmte auch die UN für eine Truppenentsendung. Zudem setzten die USA ein Kopfgeld von 3,9 Millionen Euro auf Kony aus.

Hier zeigte sich zum ersten Mal, wie sehr sich emotionale Kampagnen instrumentalisieren lassen – unter Umständen auch mit militärischen Konsequenzen. Das Ziel, Kony in Haft zu bringen, wurde nicht erreicht – er soll sich heute unter sudanesischem Schutz in einer Enklave befinden. 2017 wurde die Suche nach ihm eingestellt: Nachdem seine Armee auf 100 Personen geschrumpft sein soll, stelle er keine Gefahr mehr da, so ein Sprecher der ugandischen Armee.

#JusticeForTrayvon und #BlackLivesMatter: Gegen Polizeigewalt und Rassismus

Besonders in den USA schufen zwei Hashtags Bewusstsein für die polizeiliche Gewalt, die Afroamerikanern von weißer Seite widerfährt. #JusticeForTrayvon bewahrte den Fall von Trayvon Martin vor der drohenden medialen Versenkung. Der afroamerikanische Jugendliche war 2013 in Florida unbewaffnet von einem Mitglied der Bürgerwehr erschossen worden. 2,8 Millionen Tweets, die sich um das Thema der Ungleichbehandlung zwischen dem weißen und schwarzen Amerika drehten, vermochten es zwar nicht, das US-Gericht davon abzuhalten, den Täter George Zimmerman schlussendlich freizusprechen. Jedoch half der Hashtag ohne Zweifel, das Thema über einen längeren Zeitraum medial und gesellschaftlich relevant und an der Tagesordnung zu halten. Der prominentere Hashtag, der auch heute noch omnipräsent ist: #BlackLivesMatter, der seinen Ursprung ebenfalls im Fall Trayvon Martin sowie den zwei weiteren Opfern, Michael Brown und Eric Garner, hat. Die drei Worte sind heute zu einer globalen Bewegung geworden, die Aufmerksamkeit für dieses Problem schaffen möchte.

Der Hashtag #MeToo läutete den Fall des ehemaligen Hollywood-Moguls Harvey Weinstein ein. (Bild: AP Foto/John Carucci, Archivo)

#MeToo: Schluss mit sexuellem Missbrauch

Auch der bekannteste Hashtag der letzten Monate erreichte sein Ziel, mediales wie gesellschaftliches Bewusstsein für ein spezifisches Problem zu schaffen: #MeToo nahm seinen Anfang mit den sexuellen Missbrauchsvorwürfen gegenüber dem (gefallenen) Hollywood-Mogul Harvey Weinstein. Unter diesem Hashtag bekannten sich immer mehr Frauen – auch abseits von Hollywood – dazu, Opfer von sexueller Gewalt und Missbrauch geworden zu sein. Die mediale Dauerpräsenz führte schnell zu tatsächlichen Konsequenzen. Keine andere Affäre hatte die Filmindustrie in Hollywood jemals derartig aufgerüttelt, mächtige Männer wurden zur Persona non grata (Weinstein gab seinen Firmenvorsitz ab, Kevin Spacey, der ebenfalls in mehreren Fällen des Missbrauchs bezichtigt wurde, verlor seine Hauptrolle in der Erfolgsserie „House of Cards“ – die Reihe lässt sich fortsetzen).

#Aufschrei: Frauen gegen Sexismus und den „Herrenwitz“

Auch Deutschland hatte seinen eigenen Hashtag: 2013 machte der Slogan #Aufschrei die Runde. Der Grund: Der „Stern“ veröffentlichte den Artikel „Herrenwitz“, in dem die Journalistin Laura Himmelreich von sexueller Belästigung seitens des damaligen FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle berichtete. Auch andere Journalistinnen meldeten sich mit ähnlichen Erfahrungen bezüglich Brüderle. Daraufhin fungierte der Hashtag #Aufschrei als Dachbegriff für eine Diskussion über sexuelle Belästigung. Im Juni 2013 wurde #Aufschrei mit dem Grimme Online Award in der Kategorie „Spezial“ ausgezeichnet. Mit #Aufschrei war eines definitiv geglückt: Ein gesellschaftliches Problem in den Mittelpunkt zu stellen, das sonst gerne verschwiegen oder ignoriert wird und auch Machthaber bis in die höchsten politischen Ämter zu Stellungnahmen zu bewegen.

Darüber, ob Hashtag-Kampagnen tatsächlich zielführend sind oder ein rein digitales Lippenbekenntnis bleiben, kann pauschal nicht geurteilt werden. Im besten Fall schaffen sie ein vorher nicht dagewesenes gesellschaftliches Bewusstsein für das Problem. Einen differenzierten und ausgeglichenen Diskurs abseits von Schlagworten können und dürfen sie dennoch nicht ersetzen, wie beispielsweise #Kony2012 gezeigt hat. Im Falle von #NeverAgain ist es ein Kampf zwischen David (Waffengegner) und Goliath (NRA, Republikaner). Die Aufmerksamkeit, die ein Hashtag generiert, dürfte der Kampf dennoch ohne Zweifel wert sein.