Neues Migräne-Medikament macht Patienten und Pharmakonzernen Hoffnung

Ein neues Migräne-Medikament steht in Europa vor der Zulassung. Hersteller Amgen und Novartis zielen auf einen Milliardenmarkt – die Konkurrenz folgt.


Weltweit leidet jeder zehnte Mensch an Migräne. Von den anfallartigen halbseitigen Kopfschmerzattacken, die oft mit Übelkeit, Erbrechen und Lichtempfindlichkeit einhergehen, sind in Deutschland etwa acht Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen betroffen.

Ein neues Medikament, das vor der Zulassung in Europa steht, könnte helfen, die Entstehung von Migräne zu verhindern oder zumindest die Zahl der Krankheitstage zu reduzieren. Die Rede ist von Aimovig, für das sich das US-Unternehmen Amgen und der Schweizer Novartis-Konzern die weltweiten Vermarktungsrechte teilen.

In den USA ist Aimovig seit Kurzem auf dem Markt, in Europa wird die Zulassung in den nächsten Wochen erwartet. Denn der zuständige wissenschaftliche Ausschuss der Europäischen Arzneimittelbehörde hat seine Empfehlung zur Zulassung Anfang Juni ausgesprochen.


Aimovig (Wirkstoff Erenumab) ist ein Antikörper, der gespritzt wird. Er blockiert einen bestimmten Rezeptor (CGRP), der dafür verantwortlich gemacht wird, die Schmerzsignale im Gehirn weiterzuleiten. Das Mittel wäre seit Jahren die erste Neuentwicklung für Migränepatienten.

Kaum Fortschritt seit den 1990er-Jahren

„Der letzte Meilenstein in der Migränetherapie war die Zulassung der Triptane in den 1990er-Jahren. Seither sind keine neuen Wirkstoffe in der Akutmedikation mehr zugelassen worden“, sagt Stefanie Förderreuther, habilitierte Medizinerin und Präsidentin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft. Lediglich für die vorbeugende Behandlung der chronischen Migräne wurde 2011 noch Botulinumtoxin zugelassen.

Triptane verkürzen die Kopfschmerzattacken. Viele Patienten brauchen aber eine vorbeugende Behandlung, weil die Einnahme zu vieler Schmerzmittel dazu führen kann, dass die Migräne chronisch wird. Bisher wurden hier Mittel eingesetzt, die eigentlich für andere Therapien entwickelt wurden, etwa ein Antiepileptikum, ein Herzmedikament oder ein Antidepressivum. Die werden wegen Nebenwirkungen von Patienten oft nicht regelmäßig eingenommen.

Aimovig zielt dagegen auf einen für die Migräne spezifischen Wirkmechanismus ab. „In den Medikamentenstudien waren die Nebenwirkungen der Substanz im Placebo-Bereich. Man darf also hoffen, dass sie auch außerhalb von Studienbedingungen sehr gut verträglich ist und mit nur wenigen Nebenwirkungen einhergeht“, sagt Medizinerin Förderreuther, die auch Oberärztin an der Neurologischen Klinik der Universität München ist.


Laut Studien, die Novartis vergangene Woche auf dem Kongress der American Headache Society vorgestellt hat, verringert das Mittel die Zahl der Kopfschmerztage deutlich. Bei Patienten mit durchschnittlich 18 Migränetagen pro Monat reduzierte das Mittel je nach Dosierung bei mehr als der Hälfte der Patienten die Zahl der Erkrankungstage um 50 Prozent.

Migräne quält aber nicht nur die Patienten, das Leiden schadet auch der Wirtschaft. Denn es tritt häufig im produktiven Alter zwischen 35 und 45 Jahren auf. Befragungen von Novartis und der Europäischen Migräne- und Kopfschmerz-Allianz unter 11.000 stark betroffenen Migräne-Patienten zeigen, dass Fehlzeiten von einer Woche im Monat keine Seltenheit sind.

Verschiedene Studien beziffern die direkten und indirekten Kosten, die durch Migräne in Europa entstehen, zwischen 18 und 27 Milliarden Euro pro Jahr.

Insofern sieht Migräne-Expertin Förderreuther bei Aimovig auch klar einen volkswirtschaftlichen Nutzen: Es sei davon auszugehen, dass durch den Einsatz einer neuen prophylaktischen Substanz auch die enormen Folgekosten, die die Migräne durch Fehltage am Arbeitsplatz verursacht, reduziert werden, sagt sie.

Amgen und Novartis sind übrigens nicht die einzigen Firmen, die auf den neuen Wirkansatz bei Migräne setzen. Vergleichbare Wirkstoffe von Teva und Eli Lilly werden gerade von der US-Zulassungsbehörde geprüft, ein weiterer der US-Biotechfirma Alder ist in der letzten klinischen Phase vor dem Zulassungsantrag.

Die Pharmakonzerne lockt ein Milliardenmarkt

So dürfte Aimovig schon bald Konkurrenz bekommen. Das Marktforschungsinstitut Global Data etwa erwartet, dass die neuen CGRP-Antikörper-Therapien in den kommenden acht Jahren auf rund vier Milliarden Dollar Umsatz anwachsen werden. Insgesamt dürften sich die weltweiten Verkäufe von Medikamenten gegen Migräne auf 8,7 Milliarden Dollar mehr als verdoppeln, so die Forscher. Die USA sollen dabei für mehr als drei Viertel des Marktes stehen, gefolgt von Deutschland mit knapp sechs Prozent.

Der Umsatzanteil von Deutschland ist auch deshalb so klein, weil hierzulande bei Migräne meist Generika verordnet werden, denn die Originale sind seit Jahren patentfrei. Tatsächlich summierten sich die Umsätze von Migränemitteln in Deutschland 2017 laut Marktforschungsinstitut IQVIA auf 75 Millionen Euro.


Dabei entfiel das Gros mit 54 Millionen Euro auf die Akutmedizin, die Gruppe der Triptane. Die Tagestherapiekosten liegen hier laut Arzneiverordnungsreport des wissenschaftlichen Springer-Verlags meist unter zwei Euro.

Zu welchem Preis Aimovig von No‧vartis in Deutschland angeboten werden soll, ist noch nicht bekannt. In den USA kostet das Mittel laut Listenpreis 575 Dollar pro Monat oder 6.900 Dollar für die Jahrestherapie (umgerechnet 6000 Euro). Wird der Preis für Europa ähnlich hoch angesetzt, dürften die Behandlungskosten für Migränepatienten künftig deutlich steigen.

Allerdings wird Aimovig vermutlich nur bei schweren Migräne-Erkrankungen eingesetzt werden: Der Ausschuss für Humanarzneimittel bei der Europäischen Arzneimittelagentur empfiehlt die Zulassung zur Prophylaxe bei Erwachsenen erst mit vier oder mehr Migränetagen monatlich.

Außerdem ist auch bei den Mitteln zur akuten Migränebehandlung Neues in Sicht, wie Kopfschmerz-Expertin Förderreuther sagt. Zum einen steht ein Wirkstoff des US-Konzerns Eli Lilly in der letzten klinischen Phase vor der Zulassung, der den Triptanen ähnelt. Zudem sind noch zwei Substanzen in der Entwicklung, die ähnlich wie die neuen Antikörper am CGRP-Molekül wirken. Migräne-Patienten können also auf weitere Behandlungsoptionen hoffen.