Neues EU-Gesetz: Firmen müssen bald ihren CO₂-Ausstoß messen – diese Startups machen daraus ein Geschäft

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Wir stellen euch einige Startups vor, die Firmen dabei helfen, weniger CO2 zu emittieren.
Wir stellen euch einige Startups vor, die Firmen dabei helfen, weniger CO2 zu emittieren.

Schaffen wir es nicht, die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen, kann es für uns auf der Erde sehr ungemütlich werden. Dann drohen gefährliche Unwetter, Dürren und Fluchtwellen zur Norm zu werden. Das betonten auch Forschende des Weltklimarates, die vor kurzem einen neuen Bericht herausbrachten – und davor warnten, dass sich die Welt ohne konsequenten Klimaschutz um mehr als drei Grad erwärmen könnte.

Wie viel CO₂ stößt ein Unternehmen aus?

Ein Weg, um eine solch radikale Erderwärmung abzuwenden, ist die Reduktion von CO₂. Um Kohlenstoffdioxid einsparen zu können, müssen Firmen allerdings erst mal wissen, wie viel sie eigentlich emittieren. Das fordert auch die EU von ihnen: Ab 2023 müssen Unternehmen im Rahmen einer neuen Beitragspflicht ihre Emissionen messen. Das heißt, dass sie in ihren Jahresabschlüssen Auskunft über sogenannte ESG-Informationen, also Umwelt, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung, geben müssen. Diese Regelung betrifft sämtliche Firmen mit mindestens 250 Mitarbeitern.

Doch wie findet man heraus, wie viel klimaschädliche Gase eine Firma produziert? Lieferketten sind undurchsichtig und komplex. Mit Excel-Tabellen kommt da keiner mehr hinterher. Dann lieber mithilfe von einer Software. So tüfteln zahlreiche Startups an Programmen, die Firmen dabei helfen sollen, ihren CO₂-Ausstoß zu ermitteln. Damit sie im Anschluss darauf entsprechende Maßnahmen zur Emissionsreduktion einleiten können.

Welche Startups das sind, haben wir uns angeschaut:

Planetly

Anna Alex und Benedikt Franke (rechts) gründeten Planetly 2019.
Anna Alex und Benedikt Franke (rechts) gründeten Planetly 2019.

Planetly ist eines der prominentesten Klimaschutz-Startups der Szene. Zum einen, weil es die Firma der beiden Szeneköpfe Anna Alex und Benedikt Franke ist und zum anderen, weil das Unternehmen kürzlich einen der ersten Exits der Branche hingelegt hat. Alex und Franke entwickeln mit Planetly eine Software, mit der große und kleine Unternehmen ihren CO₂-Fußabdruck ermitteln und Einsparpotenziale identifizieren können. Prominente Kunden, darunter Hello Fresh, Home24, Personio oder BMW nutzten die Software. Ende 2021, also rund zwei Jahre nach dem Start, verkaufte das Gründerduo sein Startup an die US-amerikanische Softwarefirma One Trust. Ein Schritt, der für viele aus der Szene plötzlich kam. Die Details des Deals sind nicht bekannt, Insider schätzen den Verkaufspreis jedoch auf einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag. Mit dem Konzern im Rücken hoffen Alex und Franke auf neue Vertriebskanäle, auch in die USA. Nach der Übernahme soll die Marke weiter bestehen und auch das Gründerduo will eigenen Angaben zufolge an Bord bleiben.

Tanso

Lorenz Hetzel, Gyri Reiersen, Till Wiechmann und Fabian Sinn (von links) lernten sich im Studium kennen – und sind nun Kollegen.
Lorenz Hetzel, Gyri Reiersen, Till Wiechmann und Fabian Sinn (von links) lernten sich im Studium kennen – und sind nun Kollegen.

An einer ähnlichen Lösung wie Planetly arbeitet das Münchner Startup Tanso – mit einem Unterschied: Anders als Planetly fokussiert sich Tanso auf eine bestimmte Branche, nämlich auf Industrieunternehmen. Die Umweltaktivistin Gyri Reiersen gründete die Firma 2021 gemeinsam mit Fabian Sinn, Lorenz Hetzel und Till Wiechmann. Noch ist ihre Software nicht am Markt, das Tool soll Ende 2022 launchen. Für ihr Vorhaben sammelte die Münchner Firma vergangenen September in einer Pre-Seed-Finanzierungsrunde 1,6 Millionen Euro ein. Die VC-Firma UVC Partners führte die Runde an.

Klima Metrix

Klima Metrix ist nicht das erste Startup von Nadine Michalske und Max Winkler (rechts)
Klima Metrix ist nicht das erste Startup von Nadine Michalske und Max Winkler (rechts)

Auch das Berliner Startup Klima Metrix will den CO₂-Ausstoß von Firmen mit der eigenen Software ermitteln – und zwar so, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Programm verstehen und auch nutzen können. Dabei setzt Klima Metrix vor allem auf Schnelligkeit: Eigenen Angaben zufolge braucht die Software nur eine Woche, um genaue Ergebnisse zu erzielen. Ein ambitioniertes Ziel, wenn man bedenkt, dass es dabei um Lieferketten geht, die sich über die ganze Welt ziehen. Zu den Kunden zählt unter anderem Mymuesli. Seit 2020 nutzt der Müsli-Hersteller das Tool der Berliner Firma, um die CO₂-Bilanz seiner Wertschöpfungskette zu berechnen. Die Idee für Klima Metrix hatten Max Winkler und Nadine Michalske, die vorher den Company Builder Piloteers zusammen aufbauten.

Allocnow

Daniel Bochnitschek ist einer der vier Gründer des Bonner Startups Allocnow.
Daniel Bochnitschek ist einer der vier Gründer des Bonner Startups Allocnow.

Die chemische Industrie gehört nach Angaben des Umweltbundesamtes zu den energieintensivsten Branchen dieses Landes. Genau dieser Branche hat sich das Startup Allocnow verschrieben. Mit der Software der Firma sollen Chemie-Konzerne den eigenen CO₂-Ausstoß ermitteln können, um Einsparungen vornehmen zu können. Im vergangenen Jahr verkündete das Startup die Zusammenarbeit mit dem weltweit größten Chemie-Konzern BASF. Den Deal fädelte der Geschäftsführer Daniel Bochnitschek ein, der das Celan-Tech mit Sitz im nordrhein-westfälischen Bonn gemeinsam mit Daniel Kirchner, Nico Lauter und Georgi Tadeus im Mai 2020 gründete.

Cozero

Das CO₂-Reduktionstool von Tiago Taveira, Helen Tacke und Fabian Schwarzer (von links) zählt prominente Kunden.
Das CO₂-Reduktionstool von Tiago Taveira, Helen Tacke und Fabian Schwarzer (von links) zählt prominente Kunden.

CO₂-Emissionen tracken, prognostizieren und managen. Das soll das Programm des 2020 in Berlin gegründeten Climate-Tech-Startups Cozero können. Zuletzt konnte die Firma den Medienkonzern Funke als Kunden gewinnen. Eigenen Angaben zufolge sollen zudem das Putzmittel-Startup Everdrop, TÜV Hessen und der niederländische Onlinehändler Shop Apotheke die Software der Berliner Firma nutzen. Cozero wurde von Helen Tacke, Fabian Schwarter und Tiago Taveira gegründet. Tacke war zuvor mehrere Jahre lang als Investorin beim bekannten VC-Investor Btov tätig, Schwarter arbeitete als Unternehmensberater bei Roland Berger und Taveira baute zuletzt eine Vergleichsplattform für Krypto-Produkte auf. Wer das CO₂-Reduktionstool nutzen will, kann darauf hoffen, dass das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle im Rahmen eines Förderprogramms bis zu 60 Prozent der Kosten übernimmt. Das gab das Startup im Frühjahr dieses Jahres erst bekannt. Zudem belegt die Firma einen Platz im Accelerator-Programm von SAP und bekommt damit Zugriff auf das Netzwerk des hiesigen Softwarekonzerns.

Carbmee

Zwei der insgesamt drei Carbmee-Gründer: Christian Heinrich und Robin Spickers (rechts)
Zwei der insgesamt drei Carbmee-Gründer: Christian Heinrich und Robin Spickers (rechts)

Bis 2050 plant die EU, klimaneutral zu werden. Auf dem Weg hin zu Netto-Nullbilanz will das Berliner Startup Carbmee anderen Firmen helfen – und zwar mit einer Software, die mittels KI und Automatisierung den CO₂-Fußabdruck der gesamten Wertschöpfungskette berechnen können soll. Zudem sollen Industrieprozesse wie beispielsweise Materialanschaffungsprozesse in der Software optimiert werden können. Bei der Firma ist laut Handelsregister unter anderem der Berliner Frühphaseninvestor Fly Ventures investiert, ebenso der dänische Reederei-Riese Maersk. Die Idee für Carbmee hatten Robin Spickers, Christian Heinrich und Hendrik Beneke, die das Unternehmen 2021 gründeten. Heinrich war zuvor als Co-Gründer an der Gründung des Logistik-Startups Scoutbee beteiligt. Spickers arbeitete vorher als freiberuflicher Softwareentwickler, unter anderem für Siemens.

Plan A

Lubomila Jordanova war vor ihrer Gründung für Bitkom, Deutschlands größten Digitalverband, tätig.
Lubomila Jordanova war vor ihrer Gründung für Bitkom, Deutschlands größten Digitalverband, tätig.

Das Startup Plan A will Klimakiller ausfindig machen. Und zwar mit einem eigenes entwickelten CO₂-Reduzierungstool für Firmen. Mithilfe der Software des Startups sollen große und kleine Firmen nachhaltiger wirtschaften können. So unterstützt das Programm dabei, Abgase zu messen, zu reduzieren und Emissionsberichte zu erstellen. Zu den Kunden von Plan A gehören vor allem Finanzunternehmen sowie internationale Konzerne wie die französische Geschäftsbank Société Générale, BCG Digital Ventures oder der Fußballverein Werder Bremen. Junge Firmen wie das Versicherungs-Startup Coya oder der Zahnschienen-Versender Dr. Smile sind ebenfalls dabei. Zuletzt sammelte Plan A im Rahmen einer Series-A-Finanzierungsrunde umgerechnet rund neun Millionen Euro (zehn Millionen US-Dollar) von HV Capital und Keen Venture Partners ein. Das Startup wurde 2017 von Lubomila Jordanova und Nathan Bonnisseau gegründet.

The Climate Choice

Yasha Tarani, Lara Obst und Reyhood Farhan sind die Köpfe hinter The Climate Choice.
Yasha Tarani, Lara Obst und Reyhood Farhan sind die Köpfe hinter The Climate Choice.

Mit dem Programm des Berliner Startups The Climate Choice sollen sich Betriebe einem Klimacheck unterziehen können. Ein umfangreicher Fragebogen soll demnach aufdecken, wie viel CO₂ eine Firma produziert. Das Startup nennt das den „Climate Readiness Check“. Was darauf folgt, ist die Suche nach Einsparmöglichkeiten – beispielsweise durch den Wechsel des Energieanbieters oder besseres Gebäudemanagement. Der Babynahrungshersteller Hipp oder der Mobilfunkanbieter Telefónica gehören zu den Kunden des Berliner Startups. Aber auch mittelständische Unternehmen wie etwa der Sensorik-Hersteller Elobau oder Lampenproduzent Trilux nutzen das Reduktionstool von The Climate Choice, um der von der EU auferlegten Berichtspflicht ab 2023 nachkommen zu können. Gegründet wurde The Climate Choice von Lara Obst, Yasha Tarani und Reyhood Farhan. Es ist nicht die erste Firma der drei Gründer. Sie alle haben bereits eigene Unternehmen gestartet. Obst gründete 2015 zum Beispiel eine Firma, die modulare Kleinwindkraftanlagen entwickelt.

Searoutes

Das deutsch-französische Startup Searoutes will, dass die Schifffahrt nicht mehr so sehr die Umwelt belastet.
Das deutsch-französische Startup Searoutes will, dass die Schifffahrt nicht mehr so sehr die Umwelt belastet.

Egal, was wir uns nach Hause liefern lassen: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es mit einem Schiff transportiert wurde. Denn 90 Prozent des Welthandels erfolgt nach Informationen des Umweltbundesamtes auf dem Seeweg – und stellt damit eine große Emissionsquelle dar. Mit der Software des Startups Searoutes sollen Speditionen und Logistikfirmen maritime CO₂-Emissionen erfassen und senken können. Unter anderem in dem Treibstoff eingespart wird durch Geschwindigkeitsanpassungen oder Routenoptimierungen. Dabei spielen Faktoren wie die Meerestiefe oder das Wetter auf hoher See eine wichtige Rolle in der Kalkulation des Algorithmus. Das Unternehmen mit Firmensitzen in Marseille und Hamburg wurde im Januar 2019 von Pierre Garreau und Carsten Bullemer gegründet, die zuvor Erfahrung in der Logistik- und Schifffahrtsbranche gesammelt hatten. In einer Finanzierungsrunde erhielt das Gründerduo Ende 2021 rund 1,3 Millionen Euro von der VC-Firma WSB Windkraft Verwaltungs und Beteiligungs GmbH.

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