Neues Atomkraftwerk wird zum Milliardengrab


Es war ein Projekt, das von Anfang an von allen Seiten heftig kritisiert wurde: Der Bau des Atomkraftwerks Hinkley Point C an der Südwestküste von England. Erstmals seit 20 Jahren und zum ersten Mal seit der Katastrophe im japanischen Fukushima im Jahr 2011 sollte in der Europäischen Union wieder ein solches Kraftwerk gebaut werden. Ein Milliardenprojekt.

Der Bau dieser zwei Atomreaktoren sei eine „wichtige strategische Entscheidung“, erklärte der britische Wirtschaftsminister Greg Clark. Eine neue Welle an Investitionen in Nukleartechnik sollte das Projekt Hinkley Point auslösen und der britischen Wirtschaft „immensen Schub“ geben.


Nur wenige Monate nach Baubeginn ist klar, wie das zu verstehen ist: Die Kosten für das Atomkraftwerk mit zwei Druckwasserreaktoren in der Grafschaft Somerset schießen in die Höhe. Der Zeitplan für den Bau ist schon jetzt, Jahre vor der geplanten Fertigstellung der Meiler, nicht einzuhalten. Eine Blamage – allerdings in erster Linie für den französischen Energiekonzern EDF.

Denn der Konzern, der mehrheitlich dem französischen Staat gehört, ist der größte Investor des Projekts. EDF muss für zwei Drittel der Kosten aufkommen. Ein Drittel steuert der zweite Investor bei, der chinesische Partner China General Nuclear Corporation (CGN).

Der gemeinsame Bau des Atommeilers in Großbritannien war eine Win-win-Situation, so schien es auf den ersten Blick. Das französische Unternehmen freute sich über den Milliardenauftrag zu einer Zeit, als Deutschland den Ausstieg aus der Atomkraft durchsetzte, Italien ein geplantes Atomprogramm gestrichen und Frankreich eine Verringerung seiner Abhängigkeit vom Atomstrom angestrebt hatte. Die chinesischen Partner hofften, durch die Zusammenarbeit einen Fuß in den britischen Markt zu bekommen.


Und die Briten rechneten damit, dass Hinkley Point die nächsten 60 Jahre sieben Prozent des Energiebedarfs decken und 26.000 Arbeitsplätze schaffen könnte. Großbritannien will bis 2025 alle Kohlekraftwerke abschalten, um seine Klimaschutzziele einzuhalten. Gas und Kernenergie soll die Lücke zu dem tatsächlichen Verbrauch schließen.

So setzte sich die britische Regierung über Kritiker hinweg, die das Projekt als zu teuer und – nicht zuletzt wegen der chinesischen Beteiligung – zu riskant gehalten hatten. Auch aus Frankreich wurden Vorbehalte an dem teuren Mammutprojekt laut, der Finanzchef von EDF trat aus Protest gegen die Neubauten zurück. Doch vergangenen September gab die britische Premierministerin Theresa May grünes Licht für den Bau von Hinkley Point C, und die Bagger rollten an. Die Probleme waren da aber noch nicht zu Ende.


Auf die Steuerzahler kommen hohe Kosten zu


Die Kosten für das Mega-Projekt, das 2025 abgeschlossen werden sollte, wurden ursprünglich auf knapp 16 Milliarden Pfund (18,3 Milliarden Euro) veranschlagt. Doch diese Zahlen sind längst überholt. Zum Baubeginn im vergangenen September wurde die Summe auf rund 18 Milliarden korrigiert. Mittlerweile rechnet EDF mit bis zu 20,3 Milliarden Pfund (23,2 Milliarden Euro), wie das Unternehmen am Montag mitteilte.

Zudem bestehe das Risiko, dass der Bau der ersten Einheit des Atomkraftwerks sich um 15 Monate verzögere, die des zweiten um neun Monate. Grund dafür sei „das bessere Verständnis für Anpassungen der Ausgestaltung“, die man vornehmen müsse, um den britischen Vorschriften Rechnung zu tragen sowie dem „Umfang und der Abstimmung der Arbeiten und Leistungen der Zulieferer“. Höhere Kosten mindern natürlich die erhoffte Rendite: EDF erwartet nun eine Rendite des Gesamtprojektes bei 60 Jahren Laufzeit von 8,5 Prozent pro Jahr, zuvor hatte der Konzern neun Prozent einkalkuliert.


Diese Zahl basiert nicht zuletzt darauf, dass die britische Regierung den Investoren eine Preisgarantie gegeben hat. Über 35 Jahre erhält Hinkley Point einen Preis von 92,50 Pfund pro Megawatt-Stunde. Das wurde bereits am Anfang der Verhandlungen 2013 festgelegt. Sollte der Marktpreis unter diesem Wert liegen, zahlt der britische Steuerzahler die Differenz.

Diese Vereinbarung hatte in Großbritannien für viel Kritik gesorgt. Schließlich erwarten viele Experten, dass der Strompreis in den kommenden Jahren sinken dürfte und alternative Energiequellen günstiger Strom produzieren. Einer Untersuchung des britischen Rechnungshofes zufolge kommen deswegen auf die Steuerzahler in Großbritannien Milliardenkosten zu. Die zu erwartenden Kosten seien von anfangs sechs Milliarden Pfund auf nunmehr 30 Milliarden Pfund gestiegen. „Die von der Regierung erzielte Vereinbarung für Hinkley Point C verpflichtet die Verbraucher zur Teilnahme an einem riskanten und teuren Projekt mit ungewissen strategischen und wirtschaftlichen Vorteilen“, kritisierte der Rechnungshof.

Das Drama um Hinkley Point ist ein Kapitel länger – und keineswegs zu Ende, selbst wenn die nun mitgeteilten Verzögerungen den britischen Steuerzahler nicht treffen sollen: „Für die Baukosten, einschließlich möglicher Budgetüberschreitungen, kommt der Bauunternehmer auf“, sagte eine Regierungssprecherin der BBC. „Bis Hinkley Point gebaut ist, zahlen die Verbraucher keinen Penny“. Aber bis dahin kann noch viel passieren.

KONTEXT

Überteuerte Großbauprojekte in Deutschland

EZB-Gebäude, Frankfurt

Geplante Kosten: 940 Millionen EuroMehrkosten: 450 Millionen Euro (48 Prozent)Verzögerung: 3 Jahre

ICE-Strecke Köln-Frankfurt

Geplante Kosten: 3900 Millionen EuroMehrkosten: 2040 Millionen Euro (52 Prozent)Verzögerung: 3 Jahre

City Tunnel, Leipzig

Geplante Kosten: 570 Millionen EuroMehrkosten: 390 Millionen Euro (68 Prozent)Verzögerung: 4 Jahre

BND-Zentrale, Berlin

Geplante Kosten: 730 Millionen EuroMehrkosten: 570 Millionen Euro (78 Prozent)Verzögerung: 3 Jahre

BARD 1 Nordsee-Windpark

Geplante Kosten: 1500 Millionen EuroMehrkosten: 1400 Millionen Euro (93 Prozent)Verzögerung: 2 Jahre

Flughafen BER, Berlin

Geplante Kosten: 2500 Millionen EuroMehrkosten: 3300 Millionen Euro (132 Prozent)Verzögerung: ungewiss

Bahnhof Stuttgart 21, Stuttgart

Geplante Kosten: 3000 Millionen EuroMehrkosten: 6800 Millionen Euro (227 Prozent)Verzögerung: 5 Jahre

Elbtunnel-Sanierung, Hamburg

Geplante Kosten: 20 Millionen EuroMehrkosten: 70 Millionen Euro (364 Prozent)Verzögerung: 8 Jahre

Bischofsresidenz, Limburg

Geplante Kosten: 6 Millionen EuroMehrkosten: 25 Millionen Euro (425 Prozent)

Elbphilharmonie, Hamburg

Geplante Kosten: 77 Millionen EuroMehrkosten: 712 Millionen Euro (925 Prozent)Verzögerung: 7 Jahre

KONTEXT

Die deutschen Atomkraftwerke und ihre Restlaufzeiten

Schrittweiser Automausstieg

Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 nahm die Bundesregierung ihre erst ein Jahr zuvor vereinbarte Laufzeitverlängerung für die Kernkraftwerke zurück und beschloss einen schrittweisen Atomausstieg. Statt frühestens 2036 soll nun der letzte Meiler bis 2022 vom Netz gehen. Acht AKW wurden 2011 sofort stillgelegt.

Rückbau

Der Rückbau wird Jahre dauern und Milliarden kosten - hinzu kommen die ungewissen Kosten bei der Endlagerung des Atommülls. Die Restlaufzeiten der noch in Betrieb befindlichen Reaktoren:

Neckarwestheim II (Baden-Württemberg)

Haupteigentümer: EnBW

Nennleistung in Megawatt: 1395

Restlaufzeit: fünf Jahre (1989 - 2022)

Philippsburg II (Baden-Württemberg)

Haupteigentümer: EnBW

Nennleistung in Megawatt: 1458

Restlaufzeit: zwei Jahre (1984 - 2019)

Isar II (Bayern)

Haupteigentümer: Eon

Nennleistung in Megawatt: 1475

Restlaufzeit: fünf Jahre (1988 - 2022)

Gundremmingen B (Bayern)

Haupteigentümer: RWE/Eon

Nennleistung in Megawatt: 1344

Restlaufzeit: bis Ende des Jahres (1984 - 2017)

Gundremmingen C (Bayern)

Haupteigentümer: RWE/Eon

Nennleistung in Megawatt: 1344

Restlaufzeit: vier Jahre (1984 - 2021)

Grohnde (Niedersachsen)

Haupteigentümer: Eon

Nennleistung in Megawatt: 1360

Restlaufzeit: vier Jahre (1984 - 2021)

Emsland (Niedersachsen)

Haupteigentümer: RWE/Eon

Nennleistung in Megawatt: 1400

Restlaufzeit: fünf Jahre (1988 - 2022)

Brokdorf (Schleswig-Holstein)

Haupteigentümer: Eon/Vattenfall

Nennleistung in Megawatt: 1440

Restlaufzeit: vier Jahre (1986 - 2021)