Die Neuerfindung des Carsharings gibt es nicht

In München versucht sich ein neuer Carsharing-Dienst. „Dein Auto in der Nachbarschaft“, verspricht Oply. Der Ansatz klingt interessant, revolutionär ist er aber nicht.

Carsharing ist in Deutschland so beliebt wie nie, meldete zum Jahresanfang der Carsharing-Bundesverband. Zwei Millionen Menschen nutzen es und aus der Branche heißt es, es werden immer mehr. Glaubt man dem Verband, herrscht Goldgräberstimmung.

In München ist diese Stimmung auf jeden Fall vorhanden. Seit diesem Dienstag ist dort ein Carsharing-Anbieter mehr auf dem Markt. Oply heißt er und will „das Beste aus Privatauto, Carsharing und Autovermietung in die Nachbarschaft“ bringen, die „Lücke im städtischen Verkehrsangebot“ schließen.

Vier Modelle schickt Oply zunächst in die Straßen von München: Ford Fiesta, Ford Focus, Mazda MX-5 und den Transporter Renault Trafic. Hundert Fahrzeugen sollen es zunächst sein. Im Laufe des Jahres will Oply die Flotte aber bereits vergrößern und in mindestens zwei weiteren Städten aktiv werden.


Der neue Dienst geht den Mittelweg zwischen fester Station und Free-Floating-Modellen, also Autos, die überall in der Stadt abgestellt werden können. Die Autos sind in konkreten Nachbarschaften „zuhause“ und müssen auch dort wieder abgestellt werden. In der Regel sind diese Gebiete etwa 500x500 Meter groß. In München wird es 41 solcher Zonen geben. Feste Stellplätze hat Oply nicht. Geparkt wird auf öffentlichen Parkplätzen, Tickets dafür müssen aber nicht gezogen werden. Parkhäuser sind allerdings tabu.
Kunden buchen – ähnlich wie bei anderen Carsharing-Anbietern – per App. Allerdings sind neben Kurzzeitnutzungen auch planbare längere Nutzungsdauern möglich. Wer kurzfristig ein Auto für eine oder ein paar Stunden braucht, zahlt zwischen sechs und neun Euro pro Stunde. Ein Mietende muss bei der Buchung nicht angegeben werden. Die Preise für ganze Miet-Tage liegen zwischen 45 und 75 Euro. Benzinkosten sind bis 159 Kilometer pro Buchung im Mietpreis inklusive. Danach fallen 0,15 € pro Kilometer an. Außerdem sind Buchungen von bis zu 27 Tagen und ab sechs Monate im Voraus möglich.

Das Unternehmen ist eine Tochter des luxemburgischen Mobilitätsanbieters ExaMotive. Zu den Investoren gehören der chinesische Automobilkonzern SAIC sowie das Investmentunternehmen Sailing Capital. An der Spitze stehen zwei bekannte Gesichter der deutschen Carsharing-Branche: Geschäftsführerin Katharina Wagner arbeitete zuvor als Head of Business Development bei Car2go. Gründer Mauro Mariani gründete bereits den Billig-Carsharing-Anbieter CiteeCar, der im Januar 2016 in die Insolvenz ging.


Mit der Beschränkung auf eine begrenzte Abstellzone bietet Oply tatsächlich ein etwas anderes System als die meisten Carsharing-Anbieter, die in der Regel zwischen stationsbasiertem Carsharing und stationsunabhängigem (free-floating) Carsharing unterscheiden. Dass stationsbasierte und stationsunabhängige Angebote kombiniert werden, ist allerdings nicht gänzlich neu. Verschiedene stationsbasierte Anbieter integrieren bereits das Free-Floating-Prinzip in ihr Angebot. So setzen zum Beispiel Book-n-drive im Rhein-Main-Gebiet, Grünes Auto in Göttingen oder Cambio (unter anderem in Berlin, Köln und Hamburg) schon auf erweiterte Konzepte.


Oplys Carsharing kommt in einer schwierigen Zeit

Die Idee, bestimmte Straßenzüge zum „zuhause“ der Carsharing-Autos zu machen, wirkt durchaus interessant für Nutzer: Liegt die eigene Wohnstraße in einer Oply-Nachbarschaft, so steigen die Chancen in wenigen Metern Entfernung ein Auto mieten zu können. Allerdings sinkt damit auch die Parkplatzauswahl für den Wagen, der aber ja nur innerhalb der Nachbarschaftsgrenzen abgestellt werden darf. Das dürfte durchaus nervenaufreibend werden. Schon für den praktisch kleinen Car2go-Smart lässt sich nicht immer ein Parkplatz in der Nähe des eigenen Ziels finden. Bei einer Parkzonen-Definition von 500x500 Metern treibt es manchem Großstadt-Parkplatzsucher wohl schon allein bei der Vorstellung die Schweißperlen auf die Stirn, wie da die Parkplatzsuche verlaufen könnte. Zudem gibt es mit Stattauto in München ein Konkurrenz-Angebot, das ebenfalls Carsharing in Nachbarschaften mit festen Parkplätzen anbietet.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie flexibel nutzbar das Modell für die Kunden tatsächlich ist, wenn der Fiesta, der theoretisch in der eigenen Nachbarschaft verfügbar wäre, plötzlich für eine Langzeitmiete entführt wurde.

Preislich kann Oply im Vergleich nur begrenzt hervorstechen. Pluspunkt sind die 150 Frei-Kilometer pro Buchung. Sie führen zu einer übersichtlichen Preisstruktur: Wer drei Stunden mietet und weniger als 150 Kilometer fährt, der weiß schon bei Buchung, dass er 3x6 Euro bezahlen wird, da die Kilometerpauschale entfällt. Sechs Euro für dreißig Minuten zum Laden und zurück für eine Strecke von 15 Kilometern lohnen sich jedoch nicht für jeden. Da sind andere Anbieter mitunter günstiger.



Zudem kommt Oply mit seinem Angebot in einer Zeit, in der die Branche auf eine wohl bevorstehende Fusion der beiden größten Anbieter – Car2go und Drivenow – wartet. Mit einer Freigabe des Deals rechnen Experten noch im Frühjahr und aus Industriekreisen heißt es.

Der Grund für die Fusion gilt in der Branche als offenes Geheimnis: Trotz ihrer Größe fahren beide Carsharing-Anbieter keine Gewinne ein. Carsharing ist für BMW und Daimler damit ein Zuschussgeschäft mit wenig Profitaussichten. Anderen Anbietern dürfte es ähnlich gehen. Erst im Oktober stellte Carsharing-Anbieter Multicity, eine Citroën-Tochter, sein Angebot in Berlin nach fünf Jahren ein. „Aufgrund verschiedener Rahmenbedingungen können wir unseren Service langfristig nicht kostendeckend anbieten“, begründete das Unternehmen auf Facebook das Aus.

Dass Oply mit seinem etwas veränderten Nachbarschafts- und Langzeitmieten-Konzept diese Probleme anderer Anbieter besser meistern kann, darf bezweifelt werden. Eine Chance sollen sie bekommen. Neu erfinden werden sie das Prinzip Carsharing aber nicht.