Neuer Lockdown in Frankreich zeichnet sich ab

Jérôme RIVET
·Lesedauer: 3 Min.
Will "unpopuläre" Maßnahmen verkünden: Präsident Macron
Will "unpopuläre" Maßnahmen verkünden: Präsident Macron

Frankreich könnte erstmals seit dem Frühjahr einen neuen landesweiten Lockdown verhängen: Präsident Emmanuel Macron wollte die neuen Maßnahmen am Donnerstagabend ab 20 Uhr im Fernsehen verkünden. Aus dem Umfeld des Präsidenten war von "unpopulären" Entscheidungen die Rede. 

Ein vorerst vierwöchiger Lockdown galt nach zweitägigen Krisenberatungen Macrons mit dem Kabinett als die wahrscheinlichste Variante. Wie französische Medien unter Berufung auf Regierungsvertreter berichten, dürfte es aber mehr Ausnahmen geben als im Frühjahr, als das Land weitgehend zum Stillstand gekommen war. So könnten Schulen bis zur Mittelstufe ebenso geöffnet bleiben wie der öffentliche Dienstleistungssektor und wichtige Wirtschaftszweige. Als Vorbild gilt Irland.

Der französische Arbeitgeberverband warnte vor einem neuen wirtschaftlichen "Einbruch". Nach Angaben von Haushaltsminister Olivier Dussopt würde ein einmonatiger vollständiger Lockdown das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um bis zu 2,5 Punkte drücken und Steuereinbußen von "mindestens zehn Milliarden Euro" verursachen. 

Vor den neuen Ankündigungen Macrons gab die Pariser Börse zeitweise um mehr als drei Prozent nach. Bisher rechnete Frankreich in diesem Jahr mit einer Rezession von zehn Prozent und Steuereinbußen von 70 Milliarden Euro.

Die Regierung hatte erst vor zehn Tagen Ausgangsbeschränkungen zwischen 21 Uhr und sechs Uhr morgens verhängt, die inzwischen 46 Millionen Franzosen betreffen, mehr als zwei Drittel der Bevölkerung. Dennoch zeigten sie nicht die erwünschte Wirkung.

Sorge bereitet insbesondere der massiv gestiegene Druck auf die französischen Krankenhäuser. Ohne verschärfte Maßnahmen dürften sie in zwei Wochen landesweit an ihre Belastungsgrenze stoßen, wie Teilnehmer nach einem Krisentreffen von Premierminister Jean Castex mit den Sozialpartnern berichteten. 

Der Chef des französischen Krankenhausverbands, Frédéric Valletoux, warnte vor "verheerenden" Folgen für die Kliniken, wenn die zweite Corona-Welle nicht gestoppt werde. Der wissenschaftliche Corona-Beirat der Regierung rechnet damit, dass die zweite Welle deutlich heftiger ausfallen wird als die erste. 

Denn anders als im Frühjahr sind nicht nur Paris und das Grenzgebiet zu Deutschland Corona-Hotspots, vielmehr hat das Virus heute weite Teile des Landes im Griff. Die sogenannte Inzidenz lag im Landesschnitt zuletzt bei mehr als 380 pro 100.000 Einwohner - fast das Achtfache des Alarmwerts. In Paris liegt sie nach Angaben der nationalen Gesundheitsbehörde sogar bei rund 800.

Die Zahl der Corona-Todesfälle schnellte zuletzt um mehr als 500 nach oben, weil die Behörden erstmals seit vier Tagen wieder Zahlen aus Altenheimen bekannt gaben. Damit gab es insgesamt 35.541 Todesfälle in Frankreich.

Die Zahl der registrierten Neuinfektionen pendelt seit mehreren Tagen zwischen 30.000 und mehr als 50.000. Der wissenschaftliche Corona-Beirat der Regierung geht davon aus, dass es tatsächlich 100.000 Neuinfektionen täglich gibt, von denen aber viele unerkannt bleiben.

Im Frühjahr hatte Frankreich zwischen dem 17. März und dem 11. Mai für fast acht Wochen eine strikte Ausgangssperre erlassen. Viele Experten kritisieren jedoch, dass die anschließenden Lockerungen zu schnell erfolgten und zu umfassend waren. So gilt in Frankreich etwa erst seit Ende Juli eine Maskenpflicht in geschlossenen Räumen. Während der Sommerferien missachteten zudem viele Menschen die Abstandsregeln, sodass die Infektionszahlen bereits im August wieder deutlich anstiegen.

lob/ans