Neuer Deutsche-Bank-Chef Sewing fordert „Jägermentalität“ von seinen Mitarbeitern

Der neue Chef hat in einem Brief an die Mitarbeiter angekündigt, „harte Entscheidungen“ zu treffen. Kritik von Hermes an dem erneuten Chefwechsel.


Der neue Konzernchef Christian Sewing hat angekündigt, bei der Deutschen Bank durchzugreifen. Sewing kündigte an, er werde „harte Entscheidungen treffen und umsetzen“.

Das Führungsteam werde nicht mehr akzeptieren, dass Ziele auf der Kosten- und Ertragsseite verfehlt würden. So sei es nicht verhandelbar, dass die bereinigten Kosten in diesem Jahr 23 Milliarden Euro überstiegen. „Rückschläge wie im vierten Quartal 2017 dürfen sich unter keinen Umständen wiederholen.“

Mit Blick auf die Erträge müsse die Deutsche Bank ihre „Jägermentalität“ zurückgewinnen. Die Messlatte müsse in allen Geschäftsbereichen höher gelegt werden.


Die Aufstellung der Investmentbank will Sewing genau unter die Lupe nehmen. „Wir wissen, dass wir uns hinsichtlich der Ertrags-, Kosten- und Kapitalstruktur weiter verändern müssen“, schrieb Sewing am Montag in einem Brief an die Mitarbeiter der Deutschen Bank. „Wir werden deshalb genau analysieren, wie wir uns in dem schwierigen Marktumfeld aufstellen wollen.“ Das Institut wolle sich dort zurückziehen, wo nicht ausreichend rentabel gearbeitet werden könne.

Im Investmentbanking erzielt die Bank zwar nach wie vor einen Großteil ihrer Erträge, allerdings verdient der Bereich kaum noch Geld. 2017 lag die Eigenkapitalrendite bei kümmerlichen 1,3 Prozent. Vor allem im US-Geschäft sehen Aufseher, Aktionäre und Analysten erheblichen Anpassungsbedarf. Auch im Aufsichtsrat sind viele der Meinung, dass die Kosten in der Sparte viel zu hoch sind.

Der Vorstand hat deshalb das Projekt „Colombo“ auf den Weg gebracht, eine Überprüfung aller Teile des Investmentbankings. Nach Informationen des Handelsblatts stehen unter anderem der Handel mit US-Kommunalanleihen und einzelne Geschäfte in Asien zur Disposition.

Der Aufsichtsrat der Deutschen Bank hatte Christian Sewing am Sonntagabend zum neuen Chef der Deutschen Bank gekürt. Er übernimmt das Amt mit sofortiger Wirkung, sein Vorgänger John Cryan scheidet zum Ende des Monats aus.

Der einflussreiche Stimmrechtsberater Hermes ging nach dem erneuten Chefwechsel bei der Deutschen Bank mit Aufsichtsratschef Paul Achleitner hart ins Gericht. Achleitner sei Antworten schuldig, sagte Hermes-Chef Hans-Christoph Hirt am Montag. „Die Ernennung von Christian Sewing ist der dritte Chefwechsel während seiner sechsjährigen Amtszeit. Warum musste jetzt ein neuer Chef ernannt werden?“, fragte Hirt.

Unter Achleitner habe es eine Reihe von Kurswechseln bei dem Geldhaus gegeben. „Was bedeutet der Chefwechsel für die Strategie der Bank, insbesondere die Investmentbank, und ihre Umsetzung?“ Auch im Aufsichtsrat sei es unter Achleitner zu vielen Wechseln gekommen. „Funktioniert der Nominierungsprozess?“ Er erwarte noch vor der Hauptversammlung Ende Mai Antworten, sagte Hirt.



Zu Sewings Stellvertretern wurde der Investmentbanker Garth Ritchie und der Personal- und Rechtsvorstand Karl von Rohr ernannt. Neben John Cryan verlässt auch Marcus Schenck das Institut. Schenck war bislang neben dem 47-jährigen Sewing einer der Stellvertreter John Cryans und leitete gemeinsam mit Ritchie das Investmentbanking. Schenck stehe für eine Rolle innerhalb der neuen Führung nicht zur Verfügung, nachdem er den Aufsichtsrat bereits vor Ostern darüber informiert habe, zur Hauptversammlung im Mai ausscheiden zu wollen, so die Bank.

Für Ritchie ist die Entscheidung gleich eine doppelte Beförderung, weil er zum Vize-Vorstandsvorsitzenden aufsteigt und das Investmentbanking künftig alleine führt. Das Privatkundengeschäft wird künftig allein von Frank Strauß geleitet, der auch Vorstandschef der Postbank ist.

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Der bisherige Vorstandschef John Cryan stand seit mehreren Monaten bei Investoren in der Kritik, weil der Umbau der Bank schleppender als erwartet vorangekommen war. Drei Verlustjahre in Folge, Rückschläge bei der Kostendisziplin und die schwache Entwicklung des Aktienkurses hatten für Ärger bei den Investoren gesorgt. Aufsichtsräte und Investoren warfen Cryan zuletzt vor, den Umbau nicht entschlossen genug voranzutreiben.

Weshalb der Führungswechsel nun nötig war, deutete Aufsichtsratschef Achleitner indirekt auch in der Pressemitteilung an. „Christian Sewing hat in seinen mehr als 25 Jahren bei der Deutschen Bank konstant bewiesen, dass er führungsstark ist und eine große Durchsetzungskraft hat“, ließ er sich zitieren. Der Aufsichtsrat sei überzeugt, dass es ihm und seinem Team gelingen werde, die Deutsche Bank erfolgreich in eine neue Ära zu führen.


Cryan lobte er zwar dafür, dass er „trotz seiner relativ kurzen Amtszeit“ eine wichtige Rolle in der Geschichte der Deutschen Bank gespielt und die Weichen für eine erfolgreichere Zukunft gestellt habe. „Der Aufsichtsrat ist nach einer umfassenden Analyse aber zum Schluss gekommen, dass es nun eine neue Umsetzungskraft in der Führung unserer Bank braucht“, so Achleitner. Übersetzt gesagt: Cryan konnte sich zuletzt nicht gut genug durchsetzen.

Dem Beschluss ging eine teils hitzige, mehr als dreistündige Debatte im Aufsichtsrat voraus. Mindestens zwei Teilnehmer der Telefonschalte beschwerten sich nach Angaben aus Finanzkreisen über die Art und Weise, wie John Cryan aus ihrer Sicht abserviert worden sei. Sie zweifelten an, ob ein Wechsel an der Führungsspitze überhaupt notwendig ist. Und sie kritisierten die Wahl von Christian Sewing als riskant und hinterfragten, ob er der Aufgabe gewachsen ist.

Nicht nur inhaltlich gab es großen Redebedarf, sondern auch darüber, wie die Sitzung zustande kam. Aufsichtsratschef Paul Achleitner hatte die Telefonkonferenz nicht nur sehr kurzfristig einberufen, er hatte den Aufsichtsrat im Vorfeld außerdem nicht in die Nachfolgesuche eingebunden. In Finanzkreisen hieß es, mindestens ein Aufsichtsratsmitglied habe sich über die Art und Weise der Sitzung beschwert sowie darüber, dass man den Aufsichtsrat vor vollendete Tatsachen gestellt habe.


Der Fondsmanager von Union Investment, Ingo Speich, begrüßte die Berufung Sewings. „Er kennt die Bank und kann den Restrukturierungsprozess nahtlos fortsetzen“, sagte Speich dem Handelsblatt. Sewing müsse aber auch neue Akzente setzen, damit die Bank endlich zu profitablem Wachstum zurückfinde. „Die Deutsche Bank sollte jetzt die Chance nutzen, ihre Strategie noch einmal auf den Prüfstand zu stellen“, so Speich. Insbesondere im Investmentbanking gebe es Anpassungsbedarf, eine stärkere Fokussierung sei dort unvermeidlich.