Die neuen Traumfabriken


Jedes Jahr treffen sich alle, die in der Kreativ- und Werbebranche einen Namen haben, an der Côte d'Azur. Nicht nur, um sich selber zu feiern, sondern um die Besten ihres Faches zu küren. Auch in diesem Jahr werden im französischen Cannes wieder die Löwen vergeben, wenn man so will, die Oscars der Branche.

Unter die Werber und Kreativen hat sich auch der Schnipseldienst Snapchat gemischt – und der präsentiert sich eindrucksvoll: Am Eingang zum Festival hat das Unternehmen ein gelbes Riesenrad aufgebaut. Doch noch viel mehr als diese Kirmes-Inszenierung dürfte die Cannes-Besucher ein gestern verkündeter Deal interessieren.

Es ist eine globale Partnerschaft, die Snap, der Konzern hinter der App, am Montag bekanntgab: Filmproduzent Time Warner soll in den nächsten zwei Jahren zehn exklusive Shows für die App produzieren. Wie das Nachrichtenportal „Mashable“ berichtet, ist dieser Deal 100 Millionen Dollar schwer.

Snapchat-Nutzer sollen künftig eine ganze Reihe von Inhalten sehen können – darunter Drama- und Comedy-Shows. Mit diesem Deal versucht Snapchat, sich weiter von Facebook abzusetzen. Denn für den Schnipseldienst drängt die Zeit: Es muss Investoren und Analysten beweisen, dass sich die Zeit der roten Zahlen dem Ende neigt.


Das gelbe Riesenrad am Eingang des Festivals ist ein Statement: „Wir sind auch noch da!“ Wie die Konkurrenz ist auch die App, die mit ihren vergänglichen Foto- und Videoschnipseln viele Jugendliche begeistert, auf die Werbebudgets der Unternehmen aus. Da könnte der Zeitpunkt nicht besser gewählt sein: Denn während sich in Cannes die Werbe- und Kreativbranche feiert, unterstreicht Snapchat mit dem Time-Warner-Deal den Anspruch, mehr zu sein als eine App für verwackelte Kurzvideos.

In den kommenden zwei Jahren wird der Filmriese Time Warner nun eigene Inhalte für Snapchat produzieren, um damit mehr Nutzer auf die Plattform zu locken. Derzeit gäbe es täglich etwa eine Show, teilt das Unternehmen mit. Bis zum Ende des Jahres erwarte man eine Steigerung auf drei und wolle eine neue Bandbreite an Inhalten präsentieren: Von Dokumentationen, über Comedy bis hin zu Nachrichtenshows.

Neben der Produktion von Inhalten soll Time Warner mit seinen Marken HBO, Turner oder Warner Bros. künftig auch verstärkt in Werbung auf der Plattform investieren. Zudem wollen sich Snap und der Inhalteproduzent die mit den neuen Inhalten generierten Werbeeinnahmen teilen, „Mashable“ zufolge machen die beiden Unternehmen halbehalbe.


Bereits jetzt arbeitet Snap mit US-Unternehmen wie MGM oder Discovery zusammen. Der Time-Warner-Deal ist allerdings eine Neuheit, die besonders Konkurrent Facebook ärgern dürfte. Auch der soll laut Medienberichten eigene exklusive Inhalte für seine TV-App und die Videospalte in der App planen.

Facebook-Deutschland-Chef Martin Ott verwies im Handelsblatt-Interview zwar auf „kleine Beta-Tests in den USA“, doch für viele Beobachter ist klar: Auch Facebook dürfte bald unter die Produzenten gehen oder sich einen entsprechenden Partner suchen.


Für Jugendliche ist das Video das bevorzugte Medium


Hinter den Videoambitionen steckt nicht nur eine Steigerung der Nutzerfreundlichkeit – mit Werbeunterbrechungen von Videoinhalten lassen sich die Einnahmen noch einmal kräftig steigern. Zudem: Gerade für jugendliche Nutzer ist das Video das bevorzugte Medium.

So bestätigte auch Facebook-Deutschland-Chef Ott: „Wir müssen ihnen das richtige Angebot machen – früher waren es einmal Onlinespiele, die wir auf der Plattform beworben haben, jetzt sehen wir, dass sich junge Nutzer besonders für Videoinhalte begeistern.“ Also baue man diesen Bereich aus.

Und während Facebook langfristig plant, geht es bei Snap um mehr: Der Dienst war Anfang März fulminant an der Börse gestartet, musste danach aber den Absturz der Aktie verkraften. Bei Bekanntgabe der ersten Quartalszahlen nach Börsengang war der Werbeumsatz pro Nutzer innerhalb von drei Monaten von 1,05 Dollar auf 90 Cent gesunken.


Der Konzern musste zudem einen Verlust von 2,2 Milliarden Dollar Verlust bei einem Umsatz von 149,7 Millionen Dollar verkünden. Zwei Milliarden davon entfielen auf Aktienoptionen für Mitarbeiter und Manager im Zuge des Börsengangs. Analysten hegten zuletzt Zweifel daran, ob es Snap gelingen würde, das Werbegeschäft auszubauen und sich gegen die Marktmacht von Facebook durchzusetzen.

Knapp drei Monate nach Börsenstart war die Aktie des als „Camera Company“ gelisteten Unternehmens erstmals auf den Ausgabepreis von 17 Dollar gefallen. Die Verkündigung des Deals bescherte dem Papier eine Steigerung – derzeit liegt die Aktie bei rund 17,90 Dollar.