Neue Vorwürfe schwerer sexueller Übergriffe gegen britische Politiker

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Das britische Parlamentsgebäude

Nach einer Welle von Missbrauchs-Vorwürfen gegen Parlamentsabgeordnete hat die britische Premierministerin Theresa May die Parteichefs am Mittwoch zu einem Treffen zu dem Thema eingeladen. Zuvor hatte eine Journalistin Mays konservativem Stellvertreter Damian Green vorgeworfen, ihr die Hand aufs Knie gelegt und ihr eine anzügliche Textnachricht geschickt zu haben. May ordnete eine Untersuchung der Vorwürfe an.

Sie habe alle Parteichefs für Anfang kommender Woche zu einem Treffen eingeladen, um eine "gemeinsame, transparente und unabhängige Beschwerdeprozedur" für derartige Fälle zu diskutieren, sagte May im Londoner Unterhaus. "Wir haben die Pflicht sicherzustellen, das jeder mit Respekt behandelt wird, der hierherkommt, um zum öffentlichen Leben beizutragen."

Als bisher ranghöchster Politiker sieht sich Mays Vize und Studienfreund Green Belästigungsvorwürfen ausgesetzt. In einem Beitrag für die Londoner Zeitung "The Times" beschrieb die Journalistin Kate Maltby, wie ihr der rund 30 Jahre ältere Abgeordnete 2015 seine Hand auf das Knie legte. Sie habe sofort den Kontakt abgebrochen, doch ein Jahr später habe Green ihr zu einem Foto von ihr in einem Magazin-Artikel eine anzügliche SMS geschickt.

Green wies die Vorwürfe als "völlig unwahr" zurück. Er sei schockiert und verletzt, zumal er seine Anklägerin bisher als "persönliche Freundin" angesehen habe, erklärte der 61-Jährige am Mittwoch. Nach Angaben eines Regierungssprechers wies May ihren Kabinettssekretär Jeremy Heywood an, die Fakten zu ermitteln und ihr umgehend Bericht zu erstatten.

Eine frühere Labour-Mitarbeiterin beschuldigt derweil einen ranghohen Parteipolitiker, sie als 19-Jährige vergewaltigt zu haben. Als sie sich einem Vorgesetzten anvertraut habe, habe dieser ihr nahegelegt, nicht mehr darüber zu reden, weil dies ihrer Karriere schaden könne. Labour-Parteichef Jeremy Corbyn kündigte unabhängige Untersuchung der Vorwürfe an.

Eine weitere Frau warf einem ebenfalls ungenannten Abgeordneten vor, sie während einer Auslandsreise sexuell bedrängt zu haben. Zunächst habe er sie genötigt, sich aufs Bett zu setzen, sie dann aufs Bett gestoßen, ihre Schulter festgehalten und versucht, sie zu küssen, sagte die Frau dem Sender ITV.

Obwohl sie nach dem Vorfall zur Polizei gegangen sei und auch der Parlamentsverwaltung davon berichtet habe, sei nichts passiert. Die Polizei befragte laut ITV den Politiker, der alles abgestritten habe. Weil der mutmaßliche Übergriff zudem im Ausland stattgefunden habe, habe sie nichts weiter unternommen.

Offenbar hatte über Jahrzehnte im Parlamentsgebäude und auch in den Parteien eine Art Gesetz des Schweigens geherrscht. Laut Medienberichten soll im Parlament eine Liste mit den Namen von rund 40 konservativen Abgeordneten kursieren, denen sexuelle Belästigung nachgesagt wird. Unter ihnen sollen auch sechs Minister sein. Die Liste stammt demnach von ehemaligen Mitarbeitern. Ins Rollen kam die Debatte um sexuelle Übergriffe, nachdem Außenhandels-Staatssekretär Mark Garnier eingeräumt hatte, seiner Sekretärin den Kauf von Vibratoren aufgetragen zu haben.