Der neue Skandal-Quarterback der NFL

Raphael Weber, Franziska Wendler
Baker Mayfield wurde im Draft von den Cleveland Browns an Position eins gepickt

Es ist diese Szene vom 19. November 2017, die Baker Mayfield endgültig berühmt gemacht hat - und berüchtigt.

Genüsslich greift sich der Quarterback der Oklahoma Sooners beim Spiel gegen die Kansas Jayhawks in den Schritt, mehrfach, gestikuliert wild quer über den Platz in Richtung der gegnerischen Seitenlinie, feiert einen besonders süßen Sieg mit maximaler Provokation und Genugtuung.

Den leicht unflätigen Gefühlsausbruch des 22-Jährigen hatten sich die Jayhawks dabei auch noch selbst eingebrockt. Als absoluter Underdog mit einer Saisonbilanz von 1:9-Siegen einen der besten Quarterbacks des Landes zu reizen, indem man ihm vor der Partie den Handschlag verweigert, war vielleicht nicht die beste Idee.

Mayfield rächte sich mit einer Galavorstellung von 257 Yards und drei Touchdown-Pässen bei der folgenden 41:3-Demontage der Jayhawks (Die College-Halbfinals mit Oklahoma nach dem Finale der Darts-WM ab etwa 23.15 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVESTREAM).


Mayfield-Show weckt Erinnerungen an Manziel

In den US-Medien bekam der Exzentriker für den Vulgär-Jubel allerdings ordentlich Gegenwind und auch die NFL-Teams dürften sich genau überlegen, ob sie das Risiko mit Mayfield eingehen. Denn trotz Megazahlen am College und der Ehrung mit der Heismann-Trophy als bester Spieler der Saison - Warnhinweise gibt es bei Mayfield so einige.

Nicht zuletzt befürchten viele Beobachter, Mayfield könnte sich zu einem zweiten Johnny Manziel entwickeln. "Johnny Football" war wie Mayfield am College schon streitbar, ein ähnlicher Spielertyp und als Heisman-Gewinner dekoriert - seine Karriere in der NFL dauerte nach diversen Skandalen aber nur zwei Saisons.

Diverse Skandale

Droht Mayfield ein ähnliches Schicksal? Da wäre der Griff in den Schritt. Oder seine Verhaftung im Februar wegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit und Flucht vor der Polizei.

Die Armaturenbrett-Kamera des Polizeiwagens hielt dabei eine kuriose Episode fest. Einer der Beamten wies seinen Kollegen darauf hin, dass es sich beim verhafteten Flüchtigen um den Star der Oklahoma Sooners handelt. Die lapidare Antwort des Cops: "Ist das so? Besonders schnell ist er ja nicht…"

Dem Bericht zufolge konnte Mayfield nicht geradeaus laufen, nicht flüssig sprechen, hatte auf sein Oberteil erbrochen und beschimpfte die Polizisten unflätig. Im Juni bekannte er sich als Teil eines Deals schuldig. Die University of Oklahoma verdonnerte ihn zu 35 Stunden gemeinnütziger Arbeit, außerdem musste er eine Alkoholtherapie machen.


NFL-Scout lobt Mayfield

Fürs Kronjuwelen-Gate gegen Kansas musste er im letzten Spiel der Regular Season zuschauen, außerdem wurde ihm das Kapitänsamt aberkannt.

"Ich glaube, ich wurde geboren, um in feindlicher Umgebung aufzublühen", sagte Mayfield vor dem Kronjuwelen-Spiel. Dort hatte er die gegnerischen Fans noch verspottet, sie sollten doch lieber zum Basketball gehen - die Jayhawks sind traditionell eines der Basketball-Colleges der USA.

In diesem Selbstvertrauen und seiner "Ich gegen die Welt"-Einstellung sieht ein NFL-Scout im Gespräch mit SPORT1 das enorme Potenzial bei Mayfield.

"Er ist sicher nicht das klassische NFL-Talent als Quarterback. Er ist ein bisschen zu klein, sein Arm ist eher durchschnittlich und die Offense am College ist nicht ideal. Trotzdem hat er zwei extrem wertvolle Vorteile: Seine Fußarbeit ist trotz dieser Spread-Offense sehr gut. Außerdem ist er ein ultra-ehrgeiziger Wettkampftyp. Das überwiegt auch die kleinen Disziplinprobleme", sagt der Experte anonym.

Die Talentsucher dürfen sich eigentlich öffentlich vor dem Draft nicht über College-Spieler äußern.

Beeindruckende Zahlen am College

Sein Biss hat Mayfield vom Walk-on in seinem ersten College-Jahr bei Texas Tech zum besten Quarterback der NCAA gemacht - auch bei Oklahoma bekam er zunächst nicht einmal ein Stipendium.

4340 Passing-Yards, 41 Touchdowns bei nur 5 Interceptions, dazu 310 Rush-Yards und 5 Rush-Touchdowns - es sind überragende Zahlen, die Mayfield 2017 auflegt. Letzte Saison war er nur unwesentlich schlechter.

Dazu ist sein Passer-Rating von 203,8 das beste aller Zeiten - noch vor einem gewissen Baker Mayfield und der Marke 196,4 aus dem letzten Jahr.

Überragende 71,0 Prozent seiner Pässe brachte der Leader der Sooners 2016 und heuer an den Mann - er ist der einzige Quarterback, der über 70 liegt. Durchschnittlich 11,8 Yards pro Pass sind ebenfalls der beste Wert jemals in der Division I - Michael Vick schaffte 1999 als Zweitbester dieser Kategorie 11,4 Yards pro Pass.

Manziel-Vergleich nervt und hinkt

Fragezeichen aber bleiben. Oklahomas Air Raid Offense pumpt die Stats des Quarterbacks künstlich auf, die eher schwachen Defense-Reihen der Big12-Conference fordern Mayfield nicht so wie Konkurrenten wie Sam Darnold oder Josh Rosen, unken Kritiker. Auch der Vergleich mit Manziel hält sich.

"Erst dachte ich: 'Cool, denn er ist ein großartiger Spieler.' Dann wurde mir klar, dass sich der Vergleich offensichtlich nicht auf das Geschehen auf dem Spielfeld bezieht", erklärt der Sooners-Star.

Der NFL-Scout schätzt ihn aber sportlich stärker ein: "Mayfield hat den deutlich besseren Arm als Manziel, viel mehr Genauigkeit und Konstanz in seinen Würfen. Er kann die Defense besser lesen."

Der neue Drew Brees?

Statt Manziel nennt er klangvollere und schmeichelhaftere Namen als Vorbilder.

"Ich sehe eher Russell Wilson in ihm, aber mein Vergleich ist Drew Brees. Mayfield hat das gleiche Timing, Receiver offen zu werfen und den Ball an die richtige Stelle zu bringen, auch die Größe ist ähnlich. Er hat diesen It-Faktor", analysiert der Scout.

Die Saints könnten auch eines der Teams sein, die sich im Draft trauen. Hinter Brees könnte Mayfield noch lernen und dann übernehmen, ähnlich wäre es bei den Patriots als neuer Kronprinz von Tom Brady. Viele werden ihn ob seiner Diszplinlosigkeiten aber komplett ignorieren. Vielleicht ändern starke Playoffs aber noch manche Meinung - siehe 2017 bei Deshaun Watson.