Neue Serie "Star Trek: Discovery": Vor dieser Frau zittern nicht nur extremistische Klingonen

Michael Burnham (Sonequa Martin-Green): Eine Heldin aus dem 23. Jahrhundert für das 21. Jahrhundert

Eine Kolumne von Carlos Corbelle

Die Zukunft ist weiblich. Mit jeder Box Office sprengenden Wonder Woman zeichnet sie sich deutlicher ab. Mit jeder Rey, die das Lichtschwert gegen die Erben eines imperialistischen Patriarchats erhebt. Mit jeder Katniss Everdeen, die uns zeigt, dass Pfeil und Bogen in der Welt von morgen nützlicher als eine teure Louis Vuitton sein dürften. Und nun auch mit Michael Burnham, die als Heldin der neuen “Star Trek”-Serie “Discovery” das jahrzehntealte Sci-Fi-Franchise für unsere schwierige Gegenwart wappnet.

Die junge Starfleet-Offizierin mit dem männlich klingenden Namen ist klug und kühn, voller Neugier und Wut. Sie leidet unter einem tragischen Ereignis aus ihrer Kindheit und trifft trotz ihres messerscharfen Verstandes nicht immer die richtigen Entscheidungen. Was bereits in den ersten zwei Folgen von “Star Trek: Discovery” dazu führt, dass sie sich ihrem Captain widersetzt, ihre Raumschiffcrew in höchste Gefahr bringt und einen Krieg mit dem außerirdischen Volk der Klingonen riskiert. Kurzum: Michael ist eine komplexe, alles andere als perfekte Protagonistin, von der man – so wie es sich bei einer gelungenen Serienheldin gehört – mehr wissen will. Sehr viel mehr.

Nun ist Michael Burnham, gespielt von Sonequa Martin-Green, bei weitem nicht die erste starke Frauenfigur, mit der die 50-jährige “Star Trek”-Historie glänzen kann. Dennoch war der wichtigste Part innerhalb der bisherigen 5 TV-Ensembles fast immer einem Mann vorbehalten. Die einzige Ausnahme war Captain Kathryn Janeway aus “Star Trek: Voyager”, mit der Mitte der 1990er erstmals eine Frau das titelgebende Raumschiff befehligte. Im Gegensatz zu Janeway ist Michael Burnham kein Captain, sondern “nur” erster Offizier eines anderen weiblichen Captains. Sie ist aber – weit mehr noch als Janeway, die trotz ihrer Führungsrolle stärker im Ensemble verankert war – die alles entscheidende Identifikationsfigur der Serie. Durch ihre Augen lernen wir den altbekannten “Star Trek”-Kosmos neu kennen. “Discovery” ist ihre Geschichte, die Geschichte von Michael Burnham.

Subversiver Akt

Doch das ist nicht alles. Die Macher um Autor Bryan Fuller erzählen das neue Kapitel der Weltraum-Saga nicht nur zum ersten Mal aus einer dezidiert weiblichen Perspektive. Sie schaffen ein Spannungsverhältnis, das in ähnlicher Weise schon die Ur-Serie um Kirk und Spock in den 1960ern ausmachte. Damals entwarf “Star Trek”-Schöpfer Gene Roddenberry das Bild einer zukünftigen Menschheit, die sich durch Solidarität, Diversität und Gleichberechtigung auszeichnet – während die Welt der US-Zuschauer vom Kalten Krieg, von Rassentrennung und Ungleichheit der Geschlechter geprägt war. Und was tat Roddenberry? Er transzendierte sein Material, indem er mit Nichelle Nichols eine afroamerikanische Schauspielerin an Bord holte, der er den Part der Starfleet-Offizierin Uhura auf den Leib schrieb – eine schwarze Frau als gleichberechtigtes Mitglied einer zum Teil aus Russen, Japanern und Vulkaniern bestehenden Crew. Was heute so selbstverständlich klingt, war damals ein ungeheuer subversiver Akt, den Roddenberry wohl nur unter dem Deckmantel der “unrealistischen” Science-Fiction durchziehen konnte.

Ein halbes Jahrhundert später ist Roddenberrys utopische Zukunftsvision leider nicht in Sicht. 2017 ist geprägt von Trumps Amerika, Ewiggestrige gewinnen auch in Europa wieder an Macht, die Angry White Men kommen aus ihren Löchern gekrochen und beanspruchen ihre privilegierte Stellung zurück, die nie berechtigt, zum Leidwesen anderer aber bis zum heutigen Tage tief in der westlichen Kultur verwurzelt ist. Die als selbstverständlich erachtete Rolle des weißen, heterosexuellen Mannes als Mittelpunkt des Universums, um den alle anderen gefälligst zu kreisen haben, wurde über Jahrzehnte auch in der Popkultur zementiert. Auf jede Wonder Woman folgten weitere 100 Supermen. Auf jeden Sidney Poitier 100 John Waynes.

“Star Trek: Discovery” ist sich der von Ungleichheit und latentem Rassismus geprägten Kulturindustrie bewusst und setzt ihr von Anfang an ein vielfältiges Ensemble entgegen. Weiße, heterosexuelle Männer aus der guten alten Erde spielen in den ersten beiden Folgen keine Rolle. Neben der schwarzen Protagonistin Michael kreist das Geschehen um die asiatische Befehlshaberin Philippa Georgiou, den extremistischen, auf Krawall gebürsteten Klingonen T’Kuvma und den Außerirdischen Saru, der zu einer unterdrückten Bevölkerungsschicht gehört, die in ihrer Heimatwelt brutal gejagt wird. Zudem wurde bereits angekündigt, dass zum ersten Mal ein homosexueller Charakter zum Ensemble einer “Star Trek”-Fernsehserie gehören wird. Wurde auch Zeit.

Saru, Michael Burnham und Captain Philippa Georgiou

Popkultureller Mythos

Innerhalb der Handlung wird die Diversität der Crew nicht thematisiert, sondern als völlig selbstverständliche Gegebenheit gezeigt, weil die Menschheit Ungleichheit und Unterdrückung längst überwunden hat. Für den heutigen US-Zuschauer dürfte die politische Brisanz dieser Casting-Entscheidungen, die den Geist der Originalserie aus den 60ern widerspiegeln, indem sie im Grunde eine wirkliche Utopie innerhalb der unwirklichen Utopie andeuten, allerdings unverkennbar sein. Welch gesellschaftlichen Zündstoff diese künstlerische Vision birgt, zeigen die aufgebrachten Reaktionen radikaler “Fans”, die bereits im Vorfeld der neuen “Star Trek”-Serie den Untergang des Abendlandes befürchteten und mitunter sogar von “white genocide” sprachen.

“Star Trek” ist eben nicht irgendeine Serie. Sie ist ein popkultureller Mythos, der ebenso fest im kulturellen Gedächtnis verankert ist wie “Star Wars” oder die Superheldenwelten von DC und Marvel. Jede Fortführung und Neuinterpretation muss sich dessen bewusst sein, weil diese Mythen unser Denken, unser Selbstverständnis und letztlich auch unser Handeln prägen. Nicht von heute auf morgen, aber über Generationen hinweg. Das gilt natürlich auch für Deutschland: Dass bei einer Erfolgsserie wie “Alarm für Cobra 11” seit über 20 Jahren ein Polizeibeamter mit türkischen Wurzeln die Identifikationsfigur ist, dürfte langfristig, so stumpf das Autobahnpolizei-Format ansonsten sein mag, weitaus mehr für das Selbstverständnis eines multikulturellen Deutschlands geleistet haben, als es Thomas de Maizières populistische Bild-Zeitungs-Thesen zur vermeintlichen Leitkultur jemals könnten. Ob die AfD trotz der schönen Autobahnen wohl ein Problem mit der Serie hat…?

Popkultur schlägt Populismus

Kein Wunder also, dass die Ewiggestrigen ins Schwitzen kommen, wenn sie angesichts von Michael Burnham und Co. zu ahnen beginnen, dass das seit jeher als gegeben hingenommene Narrativ des weißen, heterosexuellen Helden selbst in den großen Mythen der Moderne zu bröckeln beginnt und neuen popkulturellen Perspektiven weichen muss. Heldinnen wie Wonder Woman, Rey, Katniss und Michael können nicht verhindern, dass die Trumps und Gaulands dieser Welt die Ressentiments Wütender Weißer Männer für ihre eigenen machtpolitischen Zwecke schüren – aber sie tragen mit geduldiger Beiläufigkeit dazu bei, den Populisten den künftigen Nährboden zu entziehen. Oder um es mit den Worten der Feministin Laurie Penny zu sagen: “Es ist nur eine Geschichte. Es ist nur die wichtigste Sache der Welt.”

Ein vollkommen anderes Zukunftsszenario als “Star Trek” entwirft “The Handmaid’s Tale”, wie im Clip zu sehen ist