Neue Serie: Der Dorfplatz in der großen Stadt

Vor der Haustür gibt es alles, was man zum Leben braucht, inklusive Tratsch und...

Was würde man ohne sie machen? Ohne Büdchen kein Büdchen-Bier, keine Zutaten für den Kuchen, der unbedingt noch nach 22 Uhr gebacken werden muss. Keine Tüte Gemischtes, kein freundlicher Nachbar, der die Pakete annimmt. Kein Ort für Klatsch und Tratsch, kein schwarzes Brett, wenn die Katze entlaufen ist oder dringend ein Babysitter gesucht wird. "Das Büdchen ist der moderne Dorfplatz", sagt Kiosk-Experte Bruno Knopp. Knopp muss es wissen. Schließlich beschäftigt sich der Wirtschafts- und Sozialgeograf seit mehr als 20 Jahren mit dem Thema und veranstaltet Büdchen-Touren in der Stadt.

Ursprünglich stammt das Wort Kiosk aus dem Mittelpersischen ("koschk") und bezeichnet einen zu den Seiten geöffneten Gartenpavillon. Über Frankreich kamen die Kioske im 19. Jahrhundert nach Deutschland. Büdchen sind ein Phänomen der Industrialisierung und finden sich daher auch heute vor allem in Großstädten mit Schwerpunkt im Ruhrgebiet und im Rheinland, wo in Firmen und Zechen hart malocht wurde.

Findige Mineralwasserhersteller kamen Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Idee, eigene Verkaufsstellen für ihre Getränke aufzubauen. Unterstützt wurden sie von den Preußen, die die Kommunen anwiesen, billige Grundstücke zur Verfügung zu stellen, und dem Bürgertum, das es leid war, betrunkenen Arbeitern auf den Straßen zu begegnen, die sich ihren harten Job schön trinken mussten.

Die Büdchen-Kultur erlebte seine Boom-Zeiten stets nach den Kriegen, nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71), dem Ersten Weltkrieg(1914 bis 1918) und dem Zweiten Weltkrieg (1939 bis 1945), wie Knopp erläutert. Damals konnten sich mit Hilfe der kleinen Geschäfte Kriegsheimkehrer oder Witwen finanzieren, die sonst kein Auskommen gehabt hätten.

Für den Fotografen Stefan Mathiesen sind Büdchen - deren genaue Zahl für Köln schwer zu ermitteln ist, da sie von der Verwaltung nicht gesondert erfasst werden (siehe "Kioske in Köln") - auch ästhetische Hingucker: Für einen Kalender, der im DuMont-Verlag erschienen ist, hat er einige der schönsten Kioske der Stadt abgelichtet. Etwa das Büdchen am Nikolausplatz, eines der ältesten in Köln, das derzeit von einer Bürgerinitiative geführt wird. Oder den Kiosk der Familie Sezer in Rondorf, der zur Weltmeisterschaft 2006 in den Landesfarben Schwarz-Rot-Gold angestrichen wurde und obendrein noch Heimat von bis zu fünf Katzen ist. Oder die Schmitzebud, jenem Kult-Kiosk in Rath-Heumar, in dem bereits 1898 Eis und Getränke verkauft wurden und der in den 20er und 30er Jahren Anlaufstelle für Radfahrer war, die zu Touren ins Bergische Land starteten. Das Büdchen wurde 2007 geschlossen, sollte zwischenzeitlich abgerissen werden und wurde dann - nach einer kommunalpolitischen Debatte - wieder gerettet. Derzeit ist eine Pizzeria im Gebäude untergebracht.

Einer der schönsten Kioske in Köln dürfte sich an der Mozartstraße befinden. Neonröhren leuchten rosafarben in den Raum des "La Ola"-Büdchens, eine Lichterkette baumelt im Schaufenster und Hunderte ausgeschnittene Bilder, Postkarten, Zeitungsartikel hängen an der Wand. Eine Welt aus Nippes und Klimbim, die so gar nicht zum sonst eher hippen Belgischen Viertel passen will.

Andreas Göbel (55) hatte das Kult-Büdchen mit einem Freund 1997 eröffnet. Der Freund ist längst abgesprungen, der Kiosk längst kein Ort mehr, an dem vor allem Schokoriegel und Bier verkauft werden. Vorwiegend mit Partys hat sich Göbel einen Namen gemacht. Rosenmontag, wenn er Techno auflegt, kommt schon einmal kölsche Prominenz wie die Ehrengarde vorbei.

2012 hätte es das "La Ola" fast erwischt. Göbel hatte Streit mit dem Ordnungsamt wegen einer fehlender Ausschankgenehmigung und mangelndem Brandschutz, musste mehrere Monate lang schließen und stand finanziell vor dem Aus. Dann erfuhr er eine schier unglaubliche Welle der Solidarität von Nachbarn und Kunden, die ihr Büdchen nicht sterben lassen wollten. Einen Protest gegen die Schließung unterzeichneten auf Facebook tausende Menschen. Viele davon spendeten so viel Geld, dass Göbel den Kiosk umbauen lassen konnte und so die Auflagen der Stadt erfüllte. "Die Spenden kamen von Moskau bis Paris, das war schon krass", sagt er heute.

Auch Sabine Maier (52) wollte ihren Kiosk nicht sterben lassen. Vor fünf Jahren fuhr sie oft an dem leerstehenden Geschäft an der Ecke Aachener Straße/Gürtel vorbei. Sie machte den Vermieter ausfindig, rief an und bot an, das Geschäft zu übernehmen. Nun sperrt sie den Laden zweimal in der Wochen auf - aus reiner Liebhaberei. Flaschenbier und Zigaretten gibt es bei "Tante Sabine" freilich nicht, was die Fahrer am benachbarten Taxistand anfangs irritierte. Denn wenn Maier das Büdchen aufmacht, dann bietet sie Schals, Hemden und Schmuck an. Vieles hat die Kunsthandwerkerin, die im Hauptberuf in einer Bank arbeitet, selbst gemacht. Anderes ist gekauft, "aber nur Dinge, die mir auch gefallen". Den Kiosk nennt sie schon mal "Mädchen-Kiosk", weil nur ganz selten Männer bei ihr einkaufen.

Büdchen-Kenner Knopp glaubt nicht, dass trotz der Tankstellenshops und lange geöffneten Supermärkte die Büdchen ihre besten Tage schon hinter sich haben. Gerade in Zeiten, in den es immer weniger Eckkneipen gebe, sei das Bedürfnis hoch nach Orten, die für Heimat im Viertel stünden. Gerade bei jungen Leuten hätten Kioske ein Kult-Image. "Sie entwickeln sich zu Orten, die nach Lifestyle riechen. Es ist cool, wenn man seinen Stammkiosk hat."

Das gelte allerdings nur für Büdchen, die mit der Zeit gingen. Die einen Cappuccino oder Sandwiches anbieten oder belgische Biere im Regal stehen haben. Die andere Seite der Medaille ist nämlich, dass Kioske als Kleinstunternehmen nur florieren, wenn sie lange geöffnet haben. Hinter dem Besitzer steht oft eine ganze Familie und ein bisschen Selbstausbeutung ist womöglich auch im Spiel.

Die Serie

Manchmal sind sie die Rettung in letzter Not - dann, wenn alle anderen Geschäfte schon zuhaben: die vielen Kioske und Büdchen in den Kölner Veedeln. In den kommenden Monaten stellt die Stadtteil-Redaktion in loser Folge einige dieser kleinen Institutionen vor.

Kennen Sie einen besonders gesprächigen Kiosk-Besitzer oder vielleicht auch ein Traditions-Büdchen in Ihrem Veedel mit einer interessanten Geschichte? Dann schreiben Sie der Stadtteil-Redaktion. Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge. (sbs)

ksta-stadtteile@dumont

Wie wichtig ist Ihnen Ihr Veedels-Büdchen?

Bei einer Runde durch Riehl verführt uns das Büdchen am Zoo-Nebeneingang öfter zu einem Eis. Man trifft hier Hinz und Kunz aus der Nachbarschaft und hört den neuesten Klatsch. (mul)

Carina (links, 25) und

Andrea Hähnel (55)

Mit dem Angebot meines Urbacher Büdchens könnte ich den kompletten Hausstand einrichten. Die haben alles. Und wenn ich abends einmal Lust auf etwas Süßes habe, gibt's hier die Rettung. (pl)

Nadia (30)

Mein Kiosk ist wie eine große Familie. Ich lebe bereits seit sieben Jahren in Neuehrenfeld, und seit das Büdchen am Takuplatz wieder geöffnet ist, habe ich viele neue Bekannte hinzugewonnen. (Rös)

Abderrahim Balirh

Ich war drei Monate im Ausland und habe das Büdchen vermisst. Es hat Gemütlichkeit und ist so praktisch. Das Büdchen am Sürther Bahnhof brauchen wir dringend, es gibt sonst keins weit und breit.

Hanna Wurm (28)

Kioske in Köln

Heute gibt es laut einer Studie des Lebensmittel-Liefer-Konzerns Lekkerland von 2012 bundesweit etwa 38 000 Büdchen, die Industrie- und Handelskammer Köln hat für die Broschüre "Wirtschaftsregion Köln 2017" 688 Büdchen in Köln gezählt - inklusive Tankstellenshops.

Die Stadt unterscheidet zwischen Kiosken und Trinkhallen. Kioske sind eine Art Mini-Supermarkt, während es sich bei Trinkhalle grundsätzlich um gastronomische Betriebe handelt. Das Wort "Büdchen" wird nur umgangssprachlich benutzt. (ris)...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta