Die neue Nummer eins in der Autowelt


Volkswagen-Markenchef Herbert Diess ist froh darüber, dass er sich auf seine Produktingenieure verlassen kann. Sie arbeiten an immer neuen Geländewagen, mit denen Diess endlich die lange bei Volkswagen vermissten SUVs an die Hand bekommt. „Mit den SUVs verdienen wir das Geld, das wir für die Wende zur Elektromobilität benötigen“, sagte der VW-Vorstand vor Weihnachten. Die Wolfsburger hatten diesen enorm wichtigen Produkttrend verschlafen, erst in den vergangenen zwei Jahren haben sie mächtig aufgeholt.

Die SUVs sind weltweit das Gebot der Stunde für die Automobilindustrie, nicht nur in Deutschland. Das Jahr 2018 wird der gesamten Branche wahrscheinlich einen Wendepunkt bescheren. Das britisch-japanische Marktforschungsunternehmen Jato rechnet damit, dass im kommenden Jahr erstmals jedes zweite weltweit produzierte Auto ein SUV sein wird. Die Fahrzeuge mit der Optik sportlicher Geländewagen dürften also erstmals mehr als 50 Prozent des gesamten Produktionsvolumens ausmachen. Keine andere Fahrzeugklasse kommt noch an die SUVs heran.


„Der SUV-Zuwachs wird sich auch im neuen Jahr fortsetzen“, sagt Jato-Experte Felipe Muñoz dem Handelsblatt. Der Aufstieg der Geländewagen sei ein weltweit zu beobachtendes Phänomen, das vor etwa 20 Jahren vor allem in den USA begonnen habe. Doch die anderen Kontinente hätten sich inzwischen diesem Trend angeschlossen. Ob in Australien, China oder Europa: Überall hätten sich die SUVs bei den Zulassungszahlen an die Spitze gesetzt. Von höheren Kraftstoffverbräuchen und erhöhten Anschaffungskosten ließen sich die Käufer nicht abschrecken. „Die meisten Autofahrer wollen heute einen SUV“, sagt Muñoz. Die Fahrzeuge böten mehr Platz und Komfort.

„Die SUVs hatten dieses Jahr im Schnitt einen um 4.700 Euro höheren Listenpreis als alle Neuwagen zusammen“, sagt Ferdinand Dudenhöffer, Hochschullehrer an der Universität Duisburg-Essen, zur Situation in Deutschland. Und trotzdem sind die SUV-Zulassungszahlen in der Bundesrepublik in diesem Jahr um mehr als 30 Prozent gestiegen.


Volkswagen steht für den Trend der gesamten Branche. Anfangs hatte der Wolfsburger Riese die zunehmende Bedeutung der Geländewagen nicht erkannt. Jetzt kommen beinahe monatlich neue SUV-Varianten bei den verschiedenen Konzernmarken dazu. Allein bei der Marke VW waren es im vergangenen Jahr drei neue SUVs. Dazu kamen der Porsche Cayenne und neue SUV-Karossen bei Skoda und Seat.

2018 wird es mit einem ähnlichen Tempo weitergehen. VW will zur Jahresmitte den neuen Touareg auf den Markt bringen, das SUV-Flaggschiff aus Wolfsburg. Wie viele andere Autohersteller wird auch Volkswagen zusätzliche SUV-Modelle in kleineren Fahrzeugklassen anbieten, in denen es bislang keine Geländewagen gab. Deshalb steht in Wolfsburg der neue T-Cross vor dem Start, ein SUV auf der Basis des Kleinwagens Polo.



Teure neue Luxus-SUVs


Insgesamt bringt VW im nächsten Jahr fünf neue SUV-Modelle auf den Markt, drei davon in China, eines davon als Plug-in-Hybrid. „SUVs sind der Motor für Wachstum und Profitabilität“, verspricht Markenchef Diess. Bis zum Jahr 2020 werde die Marke Volkswagen 20 verschiedene SUV-Modelle im Programm haben. Die sportlichen Geländewagen stehen dann für 40 Prozent des Fahrzeugabsatzes.

Vor allem die neuen SUV-Modelle von Volkswagen dürften dafür sorgen, dass Europa die bei den Geländewagen führenden USA Schritt für Schritt einholen kann. Nach neuesten Jato-Berechnungen liegt der SUV-Anteil bei allen Neuzulassungen in der EU heute bei rund 29 Prozent (bis Ende November; Vorjahreszeitraum: 25 Prozent). Kleinwagen kommen als zweitgrößtes Fahrzeugsegment in Europa auf einen Anteil von gut 20 Prozent.

Weil der SUV-Trend früher als in Europa eingesetzt hat, liegen die USA im Moment noch vorn. Nach den neuen Jato-Zahlen erreichen die sportlichen Geländewagen dort einen Anteil von mehr als 40 Prozent, allein in diesem Jahr liegt der Zuwachs bei fast zehn Prozent. Die US-Hersteller gehen bei ihrer Produktplanung inzwischen noch radikaler vor als etwa der Volkswagen-Konzern.

Fiat-Chrysler hatte schon vor einem Jahr angekündigt, dass in den US-Fabriken des Konzerns keine neuen Pkw-Modelle mehr produziert werden sollen. Der italienisch-amerikanische Hersteller wolle sich in den USA ausschließlich auf die SUV-Fertigung konzentrieren. Von Ford sind inzwischen ähnliche Pläne zu hören, schon in zwei bis drei Jahren könnte der klassische Pkw beim US-Konzern nur noch eine marginale Rolle spielen.


China ist der am schnellsten weltweit wachsende Automarkt – auch bei den SUVs. Der Anteil der Fahrzeuge mit Offroad-Optik an allen Autoneuzulassungen liegt dort inzwischen bei 41 Prozent, ein Zuwachs von 13 Prozent allein in diesem Jahr. Nicht nur Volkswagen wird in China im kommenden Jahr neue SUVs verkaufen, die meisten anderen Hersteller haben vergleichbare Pläne. Und auch mit dem Beginn des Elektrozeitalters sollten die SUV-Zuwächse weitergehen: Im Jahr 2019 dürften in China die ersten reinen Elektro-SUVs erhältlich sein.

Noch eine weitere Entwicklung hilft den sportlichen Geländewagen, nicht nur in China, sondern weltweit. Die SUVs bleiben keine Domäne der Massenhersteller wie Ford oder Volkswagen. Auch die teuren Luxusmarken wie Rolls-Royce, Ferrari und Maserati haben diese Fahrzeugklasse inzwischen für sich entdeckt.

Im neuen Jahr beginnt der Verkauf des neuen Lamborghini Urus, des ersten SUV der italienischen Audi-Tochter. In der einfachsten Version soll der Luxus-SUV voraussichtlich etwa 170.000 Euro kosten. Nach oben sind keine Grenzen gesetzt. Denn auch die Reichsten dieser Welt kennen nur noch eine Fahrzeugklasse: Es muss unbedingt ein SUV sein.