Neue Kapitalmarktregelungen verheißen goldene Zeiten für Stock-Picker

Marlon Bonazzi, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

In einer Welt in der tausende Fondsmanager nach den besten Aktien suchen, alle vorstellbaren Finanzkennzahlen nur einen Klick entfernt sind und Wertpapiere im Hochfrequenzhandel von Hedgefonds in einer unvorstellbaren Schnelligkeit den Besitzer wechseln, würde man denken, dass die Börsen keinen Platz mehr haben für einzelne Anleger auf Schatzsuche.

Das stimmt aber nicht, und ab Januar dürfte die Konkurrenz auf der Suche nach den besten Aktien sogar deutlich geringer werden. Dieser Trend könnte Jahrzehnte anhalten und verheißt goldene Zeiten für Stock-Picker.

Der Unterschied zwischen Buy-Side und Sell-Side

Bevor man überhaupt die anstehenden Änderungen näher betrachten kann, muss man erst einmal verstehen, wie der Aktienmarkt nach den besten Ideen durchgekämmt wird. Das ist etwas, dass selbst Börsenbegeisterte oft gar nicht im Detail wissen.

Im Fachjargon spricht man von Buy-Side– und Sell-Side-Research. Viele Vermögensverwalter recherchieren die Aktien ganz oder teilweise selbst, die sie für ihre eigenen Fonds kaufen wollen, weshalb man sie die Buy-Side nennt. Broker und Investmentbanken befinden sich auf der Sell-Side, sie kaufen oder verkaufen die Aktien ihrer Empfehlungen nicht selbst, sondern verkaufen ihre Empfehlungen, oft allerdings indirekt.

Daraus ergibt sich auf der Sell-Side eine etwas spezielle Dynamik, denn Broker geben Empfehlungen heraus und verdienen dann unter gängigen Vergütungsmodellen an dem Handel des Wertpapiers. Ihr Research lassen sie sich oftmals nicht direkt bezahlen, sondern sie nehmen nur Gebühren für den aus den Empfehlungen resultierenden Handel. Das schafft aber natürlich den fragwürdigen Anreiz, möglichst viel lukrative Aktivität der Kunden zu generieren, und verringert die Transparenz der durch Handel und Aktienanalyse entstandenen Kosten.

Da die EU mit dieser Situation unzufrieden ist, soll sich nun einiges ändern.

Mifid II wird alles verändern

Ab Januar gilt die neue EU-Finanzmarktrichtlinie Mifid II. Mit ihr wird es nicht mehr möglich sein, Analyse und Handelsgebühren in einen Topf zu werfen. In Zukunft müssen Vermögensverwalter entweder die Analyse anderer einfach selbst übernehmen oder sie dem Fonds anrechnen, was mit zusätzlicher aufwändiger Verwaltung verbunden ist.

Wo die Kosten am Ende landen, ist aber eigentlich nur nebensächlich. Wichtig ist, dass Sell-Side-Research in Zukunft nicht quasi automatisch mitsubventioniert wird, sondern explizit ausgewählt und bezahlt werden muss. Das heißt, dass sich Vermögensverwalter viel genauer überlegen werden, welches Research sie sich überhaupt leisten, und das in Zeiten, in denen die Konkurrenz von ETFs ohnehin schon auf die Kosten drückt.

In der Branche sind sich eigentlich alle einig, dass sie deshalb in Zukunft nur noch sehr ausgewählt für Aktienanalysen bezahlen werden. Die professionelle Aktienanalyse wird deshalb mit großer Wahrscheinlichkeit schrumpfen, womöglich sogar massiv. Besonders betroffen dürften dann Nebenwerte und Aktien aus unbekannteren Märkten sein, da hier viele Titel abgedeckt werden müssen, die allerdings nicht viele auf der Buy-Side interessieren.

Das heißt, dass bald der gesamte Markt und vor allem Nischen wie Nebenwerte, wo Kleinanleger schon immer Vorteile hatten, weniger intensiv nach den besten Ideen durchgekämmt werden. Wenn die Analysten-Branche bald viele Einzeltitel entweder nicht mehr analysiert oder die Analysen oberflächlicher werden, weil sich der durchschnittliche Analyst um mehr Aktien kümmern muss als früher, erhöht das die Chance auf Preisanomalien, die Überrenditen versprechen.

Wenn also in den nächsten Jahrzehnten die Aktienanalyse eine Schrumpfkur erlebt und darüber hinaus immer mehr aktiv verwaltete Fonds durch ETFs ersetzt werden, dürfte gerade der europäische Markt so wenig nach den besten Ideen durchsucht werden wie seit langem. Das ist eine hervorragende Nachricht für Stock-Picker.

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