Die neue Image-Offensive des Thomas Tuchel

Martin Hoffmann
Trainer Thomas Tuchel ist nach der Trennung von Borussia Dortmund derzeit ohne Verein

Es sind nicht nur die Worte, die von Thomas Tuchel hängen bleiben, es sind auch die Bilder.

Mit langem Mantel und hautfarbenem Pullover beim Spaziergang in den Straßen von New York. Schwarz-weiß im Steve-Mc-Queen-Look mit Sonnenbrille, nachdenklich in die Ferne blickend.

Vom Zeit Magazin Mann ließ sich der Ex-Coach von Borussia Dortmund so ablichten. Und gab dort - parallel zu seinem Auftritt beim Abschiedsspiel von Nikolce Noveski - sein erstes ausführlicheres Interview über sein Aus beim BVB.

"Keineswegs immer das Opfer"

Ein Statement ist beides, Wort und Bild: Tuchel, der sich in den vergangenen drei Monaten größtenteils von der Öffentlichkeit abgeschottet hat, zeigt sich wieder. Er blickt nach vorn. Und er schließt mit der Vergangenheit ab.

 Es hätte "schlechter ausgehen" können für ihn, sagt der 44-Jährige in dem schon vor einigen Wochen geführtem Gespräch unter anderem. Und: "Wenn starke Persönlichkeiten aufeinandertreffen, entsteht Reibung. Da bin ich keineswegs immer das Opfer, um Gottes willen."

Tuchel wählt versöhnliche Worte, trotz der persönlichen Spannungen, die seine Zusammenarbeit mit dem Dortmunder Führungs-Duo Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc überschatteten.

Vielleicht tut er es sogar gerade deswegen: Tuchels Image hat schweren Schaden genommen durch das Zerwürfnis - und die scharfen Worte, die ihm Watzke hinterherschickte.

"Vertrauen, Respekt, Team- und Kommunikationsfähigkeit", "Authentizität und Identifikation, "Verlässlichkeit und Loyalität": Bei all diesen Dingen hätte es in der Zusammenarbeit mit Tuchel gehapert.

 Tuchel übt Selbstkritik

Tuchel antwortet darauf nicht, was nicht überraschend kommt: Tuchel ist - ähnlich wie sein Vorbild Pep Guardiola - bekannt dafür, sich sparsam und mit Bedacht zu äußern, wenn er gerade nicht im Amt ist. Interviews gibt er selten und gezielt, für Haudrauf-Sprüche ist er nicht zu haben, auch diesmal.

Statt gegen Watzkes Vorwürfe zurückzukeilen, arbeitet er damit, übt Selbstkritik, signalisiert Demut – und dass ihm seine Schwächen wohlbewusst sind, nicht erst seit Dortmunder Zeiten.

Schon als Zehnjähriger sei er in Konflikt mit einem Jugendteam-Kollegen geraten, habe den Torhüter so sehr beschimpft, dass der nicht weitermachen wollte.

"Mein Vater hat zu mir gesagt: 'Das geht nicht, Thomas, selbst wenn du recht hast.'", erinnert sich Tuchel: "Ich musste mich bei unserem Torwart entschuldigen."

Er kennt sein Image

Tuchel weiß, dass das der Vorwurf ist, der ihn bis heute verfolgt: dass ihm bei aller anerkannten Fachkompetenz seine Dickköpfigkeit, sein Über-Ehrgeiz ihm im Weg steht.

"Immer wieder" sei ihm das in seinem Leben passiert: "Ich wollte meinen Anspruch auf die anderen übertragen, und wenn das nicht geklappt hat, wurde ich unleidlich."

Tuchel kennt sein Image und weiß, was er dazu beigetragen hat. Aber er legt auch den Blick auf andere Seiten seiner Persönlichkeit frei.

Bild-Quelle: Zeit-Magazin

Er spricht offen über die schwere Zeit, die er nach seinem frühen, verletzungsbedingten Karriere-Ende mit 24 Jahren erlebte, über die Scham, die ihn dazu trieb, einen Nachtjob als Brötchen-Sortierer anzunehmen ("Ich dachte, das ist gut. Da sieht mich keiner.")

Und darüber, wie er über die Arbeit dort und später in einer Stuttgarter Bar wieder an Selbstbewusstsein gewann ("Schicht für Schicht, Abend für Abend").

"Kann endlich besser schlafen"

So schwer wie damals ist Tuchels Zeit nach dem BVB-Aus nicht mehr, Tuchel betont die guten Seiten: Dass er sich in Dortmund als Wohnort immer noch gut fühlt. Und dass nun Ruhe in seinem Kopf herrsche: "Ich kann endlich besser schlafen, vor allem tiefer und länger."

Wann und wo er sich wieder in die Unruhe eines neuen Jobs stürzen will: Dazu sagt Tuchel in seinem Hochglanz-Interview ebenso wenig Konkretes wie zuvor beim Noveski-Abschied.

Daran, dass der Zeitpunkt näher rückt, lässt Tuchels Image-Offensive allerdings keinen Zweifel.