Die neue Hackordnung (II)


Business Lunch hieß einst Krawatte, schnelles Salat-Pasta-Sorbet-Menü und Giovanni, bei dem man nach knapp einer Stunde das finale Heißgetränk ordern konnte. Die Grundfrage, die Deutschland spaltete, lautete nicht „Obergrenze oder Willkommenskultur?“, sondern: „Due Espressi“ oder „Zwei Espressos“? Die Vertreter beider Lager waren Herrn K. nie sonderlich sympathisch, weil die Debatte schnell in unangenehm grundsätzlichen Rechthabereien gipfelte.

Und am Ende steuerte immer irgendein weltmännischer Klugscheißer noch bei, dass echte Italiener ja auch ihren Espresso nur „Caffè“ nennen. Aber das war gestern. Jetzt sitzt Herr K. mit dem Juristen Claus Schmidt in dessen aktuellem Lieblingsrestaurant.

Es heißt „Burgermeister“ und ist Teil einer schnell wachsenden Franchisekette zweier WHU-Absolventen, die mit Ende 20 und den Millionen eines Zweitrunden-Finanzierungs-Konsortiums unter Führung eines schwedischen Pensionsfonds den „globalen Burger-Markt erobern wollen“, erklärt Schmidt.

Seine Kanzlei begleitet den geplanten Börsengang von Burgermeister. Auch das war ja früher anders: Da hat jemand einen Imbiss aufgemacht, und da saß er dann in fleckiger Schürze vor Döner-Spieß oder Thüringer-Grill und wartete auf die Rente. Heute müssen selbst Jung-Gastronomen ihr Geschäft zackig „skalieren“ und mindestens europaweit „ausrollen“.

Das führt dazu, dass im Burgermeister nun ein irischer Germanistikstudent mit rostrotem Holzfällerbart radebrechend ihre Bestellung aufnimmt in der Art: „Und du willst aso die Truffle-Mayo su deinä Avocado-Quinoa-Bratling?“ Feinschmecker Schmidt fragt noch: „Is the cheddar really vegan?“ und verwickelt den armen Kerl in eine Diskussion über diverse Blauschimmel-Varianten und deren Geschmackskonsistenz bei unterschiedlichen Hitzegraden, bis es Herrn K. zu viel wird: „Es ist doch nur ein Burger.“

Der Rest des Lunches verläuft dann in eher nüchterner Arbeitsatmosphäre. Dazu gibt’s keine Weinschorle, sondern für Herrn K. einen „Homemade Ice Tea“ und für Schmidt einen Obst-Gemüse-Smoothie namens „Grünschnabel“. Zurück ins Büro macht Herr K. einen kleinen Umweg zur nächstgelegenen McDonald's-Filiale.


Er kommt sich ein bisschen vor, als ginge er in ein Porno-Kino oder eine Kik-Filiale. McDonald‘s ist eigentlich eine No-go-Area geworden wie Duisburg-Marxloh oder eine Echo-Verleihung, wenn es die noch gäbe.

Aber schließlich sitzt Herr K. vor einem versifften Plastiktablett mit einem „Cheeseburger“ und einer kleinen Cola. Es ist alles richtig schlecht und abgerockt und genau deshalb schön, weil es sich nicht so schrecklich wichtigmacht wie all die Buletten-Stores, Craftbeer-Schuppen, Frozen-Joghurt-Boutiquen und silbrigen Food-Trucks überall.

McDonald's tut ihm richtig ein bisschen leid in diesem Moment. Die waren ja mal wer. Der Konzern ist aus der Zeit gefallen, wie er sich selbst manchmal fühlt. Nach zwei Bissen geht’s aber wieder. Dann hat er das Mitleid ... na ja ... runtergeschluckt.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt’s auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK