Die neue Fremantle-Chefin muss dringend neue Ideen liefern


Bescheiden gibt sich Jennifer Mullin als neue Chefin von Fremantle Media, dem größten TV-Produzenten außerhalb Hollywoods. „Mein Ziel ist es, die Aufgaben des bereits ehrgeizigen und erfolgreichen Unternehmens fortzusetzen“, schreibt die US-Managerin in einer internen E-Mail an die Mitarbeiter ihres globalen Konzerns, die dem Handelsblatt vorliegt. Die Ernennung von Mullin zur Chefin der RTL-Produktionstochter, zu der in Deutschland die Ufa gehört, war nach Monaten des quälenden Wartens schon eine Überraschung.

Denn als sich ihre Vorgängerin, die Französin Cécile Frot-Coutaz, zur Google-Tochter Youtube plötzlich im März verabschiedete, wurde eine Lücke gerissen. Wie Insider berichten, hatte RTL-Chef Bert Habets nach anderen, auch externen Kandidaten Ausschau gehalten. Doch am Ende führten die Gespräche des Niederländers zu keinem Erfolg.

Die Wahl fiel schließlich auf Jennifer Mullin, die am 1. September den CEO-Posten übernehmen wird. Die hausinterne Lösung sieht am Ende wie Notlösung aus. Denn eine solche Nachfolgeregelung hätte Habits schon im Frühjahr haben können.


Jennifer Mullin, früher Produzentin von Paramount und Universal, war bereits seit 2017 die Nummer eins bei Fremantle Nordamerika. Die heutige Mitfünfzigerin steht bereits seit 13 Jahren in den Diensten der RTL-Tochter.

Nur mit Kontinuität wird Mullin aber ihre Bewährungsprobe bei Bertelsmann nicht bewältigen können. Denn die RTL-Produktionstochter braucht dringend neue kreative Ideen, um die Erwartungen der Aktionäre an Erlöse und Erträge erfüllen zu können.

Die RTL Group gehört zu 75,1 Prozent zu Bertelsmann. Seit Jahren werden von Fremantle die bewährten Formate wie „American Idol“ (in Deutschland „Deutschland sucht den Superstar“), „America‘s Got Talent“ oder der „Der Preis ist heiß“ weltweit gemolken. Trotz vieler Anstrengungen kam aus den Fernsehlaboren der RTL-Tochter keine neue Idee, die rund um den Globus Furore machen konnte. Innovationen werden daher händeringend gesucht.

Wenn Europas größter Fernsehkonzern am 29. August seine Halbjahresbilanz vorlegt, werden Analysten und Anleger auf Fremantle besonders achten. Denn der Produzent von Shows, Serien und Filmen leidet schon lange unter einem Renditeproblem. Im vergangenen Jahr war Fremantle mit einer Ebitda-Marge von 9,5 Prozent die renditeschwächste Tochter der RLT Group.

Zum Vergleich: Die deutschen RTL-Sender (RTL, Vox, Super RTL, Nitro, NTV) kamen im gleichen Zeitraum zu einer dreimal höhere Ebitda-Marge. Auch die Entwicklung der Erlöse verlief enttäuschend. Der Umsatz im vergangenen Jahr sank trotz eines boomenden Produktionsmarktes sogar um knapp zwei Prozent auf 1,47 Milliarden Euro.

Neue finanzstarke Konkurrenten aus den USA

Zum Start erhält die neue Fremantle-Chefin erst einmal eine Verschnaufpause. Denn mit „American Idol“ wurde die umsatzstärkste Show an die Disney-Fernsehkette ABC weiterverkauft. Fremantle wird bei der Halbjahresbilanz nach Angaben von Insidern mit einem soliden Umsatzwachstum und einem leicht verbesserten Ergebnis erst einmal nicht negativ auffallen.

Doch der Druck auf Mullin ist gewaltig. Sie soll die Zahl der fiktionalen Fernsehserien deutlich erhöhen und die Abhängigkeit von den alten Unterhaltungsshows reduzieren. Bislang liefern Serien nur sechs Prozent des Umsatzes. Im nächsten Jahr sollen es bereits mehr als ein Fünftel sein.

Die Fortsetzung der High-End-Serie „American Gods“ ist dafür ein positives Zeichen. Bislang ist Fremantle nur mit der Ufa („Deutschland 83“, „Charité“, „GZSZ“)  in Deutschland in diesem Markt überdurchschnittlich stark.


Die RTL-Tochter trifft dabei in ihrem größten Markt, den USA, auf neue, finanzstarke Konkurrenten. Denn auch Amazon, Netflix und Youtube bauen ihre eigene Serienproduktion auf. Mullin wird daher aufpassen müssen, dass ihr nicht enttäuschte Kreative zur Konkurrenz überlaufen. Ihr Vorteil: Die neue Vorstandschefin gilt als nahbar und bodenständig. In den eigenen Reihen ist sie aufgrund ihrer Fürsorge und Mütterlichkeit beliebt

Fremantle hat sein Hauptquartier in Burbank, der Filmstadt im Norden von Los Angeles. Das Büro um die Ecke von Disney wird Mullin aber nach einer einjährigen Übergangsfrist aufgebeben müssen. Denn sie soll nach dem Willen von RTL-Chef Habets den Konzern von London aus führen.

Ob das noch eine zeitgemäße Idee ist? Schließlich ist die britische Hauptstadt nicht nur sündhaft teuer und verkehrstechnisch umständlich, sondern auch nicht längst nicht mehr im Fernsehbereich so innovativ wie früher.

Bald wird Großbritannien zudem nicht mehr der EU angehören. Daher würde es Sinn machen, Fremantle von Hollywood aus global zu steuern. Denn dort ist trotz aller Unkenrufe noch immer das kreative Zentrum der Fernsehbranche – gerade in Zeiten von Amazon, Netflix und Youtube.

Jede Woche schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.