Der neue Deutschland-Chef der Allianz muss den digitalen Wandel schaffen


Die Unwetter und Stürme im Sommer haben der Deutschland-Tochter der Allianz im vergangenen Jahr das Ergebnis verhagelt. Der operative Gewinn ging um rund elf Prozent auf 2,3 Milliarden Euro zurück, wie die Allianz Deutschland AG am Montag mitteilte. Die Belastung durch Elementarschäden habe mit 541 (2016: 337) Millionen Euro über den Erwartungen gelegen.

Und auch im neuen Jahr schlug das Sturmtief „Friederike” ins Kontor: Die Allianz zahlte in Deutschland 182 Millionen Euro für 100.000 gemeldete Schäden aus. Insgesamt sei 2018 mit einer stabilen Geschäftsentwicklung zu rechnen, wenn sich Naturkatastrophen oder andere Großschäden nicht häuften. Der Nettogewinn der Allianz Deutschland fiel 2017 sogar um ein Viertel auf 1,5 (2,0) Milliarden Euro. Hierbei schlug der Verkauf der Oldenburgischen Landesbank zu Buche, bei dem der Versicherungskonzern rund 200 Millionen Euro Verlust hinnehmen musste.

Der Umsatz kletterte um 7,7 Prozent auf 34,9 Milliarden Euro. In der Lebensversicherung, wo die Allianz unangefochtener Marktführer ist, habe das Neugeschäft gegen den Markttrend um 21 Prozent zugelegt. In der Kfz-Versicherung habe man dank einer erneuerten Produktpalette 150.000 Neukunden gewonnen und damit auf den Marktführer HUK-Coburg aufgeholt. „Wir hatten die beste Abwerberunde seit 16 Jahren”, sagte der neue Deutschland-Chef Klaus-Peter Röhler.


Dieser stand, als die Allianz Ende Januar Journalisten zum Neujahrsempfang geladen hatte – obwohl gar nicht angekündigt – überraschend in der Runde. Der wenige Tage zuvor frisch angetretene Chef der wichtigen deutschen Tochter hätte sich spontan entschlossen zu kommen, hieß es aus seinem Umfeld.

Zehn Jahre war der 53-jährige Pfälzer davor bei der italienischen Tochter in Mailand, ehe er zum Jahreswechsel den Chefsessel des ausgeschiedenen Manfred Knof übernahm. Viel unterwegs ist Röhler seither auch in ganz Deutschland. Er besucht Standorte, Vertreter und Kunden und will herauszufinden, was diese bewegt.

Röhler steht schließlich eine große Aufgabe bevor. Zwar ist der studierte Jurist und Diplom-Kaufmann schon seit Beginn seines Arbeitslebens vor mehr als zwei Jahrzehnten bei der Allianz. Eine Veränderung, wie sie seit dem Amtsantritt von Konzernchef Oliver Bäte im Jahr 2015 spüren ist, hat er jedoch noch nicht erlebt. Seine Aufgabe ist somit keine geringere als die, die wichtige deutsche Allianz-Tochter in eine neue Epoche zu führen.

Exakt 2,334 Milliarden Euro hat Allianz Deutschland im abgelaufenen Jahr operativ verdient, mehr als zehn Prozent weniger als 2016. Ein Dreiklang aus deutlich höheren Unwetterschäden, geringeren Zinserträgen und im Vergleich zum Vorjahr fehlenden Einmalerlösen führte dazu. Auf Konzernseite hat man auf diese Entwicklung ein waches Auge. Hatte die deutsche Tochter noch vor einem Jahr über 24 Prozent zum Konzernergebnis beigetragen, so waren es diesmal nur noch mehr als 21 Prozent.


Hoffnung macht jedoch das operative Geschäft, wo der Umsatz um 7,7 Prozent stieg. In der Sachversicherung fällt dabei vor allem der umkämpfte Kfz-Markt auf. Seit Oktober haben die Münchener hier ein neues Produkt im Angebot. Mit sichtbarem Erfolg: So ist die Zahl der Versicherungsverträge seither um rund 150.000 gestiegen auf 8,5 Millionen. Nach wie vor ist der Abstand zum Marktführer Huk-Coburg aber groß. Der ist schon länger im zweistelligen Millionen-Bereich unterwegs.

Entscheidend wird für den neuen Deutschland-Chef der Allianz sein, wie schnell er das Thema Digitalisierung vorantreibt. Als vormaliger Italien-Chef bringt Klaus-Peter Röhler hier beste Voraussetzungen mit. Die dortige Tochter gilt in puncto Digitalisierung als Vorreiter im Konzern. Innovationen wie Telematik-Tarife in der Kfz-Versicherung sind dort sehr viel weiter verbreitet als in Deutschland. Hierzulande ging man mit einem Produkt, das unter anderem den Fahrstil des Nutzers misst, vor gut zwei Jahren an den Start und konnte zum Jahreswechsel 2017/2018 gut 55.000 abgeschlossene Verträge verzeichnen. In Italien schmunzelt man über solche Zahlen.

Ähnlich verhält es sich auch mit Innovationen in einer frühen Testphase. Die App „Allianz Prime“, die gerade gemeinsam mit dem Kreditkartenanbieter Visa und dem Zahlungsverkehrsspezialisten Wirecard entwickelt wurde, wird nun in Italien getestet. Gut möglich, dass Röhler künftig solche prestigeträchtigen Entwicklungen unter das Dach der deutschen Tochter holt.

Wenn er im Moment sehr viel kreuz und quer im Land unterwegs ist, dann will Röhler die vielen Mitarbeiter in der Fläche auf die neuen Zeiten einstellen. Dort sind das Beharrungsvermögen und die Ablehnung von allzu großen Veränderungen nach wie vor groß. Gerade auch, weil die Gewinne weiter in Milliardenhöhe sprudeln. „Ich höre oft den Satz: Bäte, was willst Du denn? Uns geht es doch blendend“, erzählte Konzernchef Oliver Bäte kürzlich bei einem öffentlichen Auftritt. Viele Mitarbeiter verstünden noch immer nicht, warum er den Veränderungsprozess im Konzern trotz Milliardengewinnen so sehr vorantreibe.



Ziel: Weniger Komplexität


Hauptziel des neuen Chefs ist, die hohe Komplexität quer über den gesamten Produktbereich zu verringern. In der Kfz-Versicherung hat die Allianz es schon geschafft, dass der Kunde in nur 90 Sekunden nach lediglich elf Fragen ein Angebot erhält. Auch wurde im Schadensfall beispielsweise bei einem Wildunfall die Frage nach der Tierart herausgenommen. Dass sich hier im Lauf der Jahre eine enorme Komplexität aufgebaut hat, oftmals auch zum Ärger der Kunden, ist mittlerweile auch im Unternehmen angekommen.

Zur generellen Konzernlinie gehört es, künftig vieles konsequent zu vereinfachen. Durch einfachere Produkte sollen Hemmschwellen für Kunden abgebaut werden. Erste Erfolge zeigen sich bereits: Im Bereich der Sachversicherung schrumpfte die Zahl der Policen zwei Jahrzehnte lang – nun steigt sie wieder leicht. Der geschafften Trendwende müssen nun weitere Zuwächse folgen.

Dass technische Umstellungen keine Selbstläufer sind, zeigt sich in der privaten Krankenversicherung. Die Umstellung der dortigen IT im Herbst führte zu teils doppelten Abbuchungen, langen Wartezeiten bei der Erstattung und zahlreichen Kundenbeschwerden. Mittlerweile sei das Problem behoben, heißt es. Der Imageschaden bleibt aber vorerst im Gedächtnis. Auch die Diskussion um eine mögliche Bürgerversicherung sowie die erhöhte Verdienstgrenze für den Einstieg haben die Branche zuletzt unter Druck gesetzt. Dennoch ist die Zahl der Kunden zuletzt leicht um 16.000 auf rund 2,6 Millionen gestiegen.


Wenig Sorgen muss sich der neue Deutschland-Chef der Allianz um den Bereich Lebensversicherungen machen. Wegen der extrem niedrigen Garantiezinsen lange Zeit als Auslaufmodell gescholten, stellten die Stuttgarter Kollegen schon früh auf neue Produkte ohne Garantiezins um, beispielsweise auf Fondsbasis. Dort ist die Rendite höher. Gegen den Branchentrend sind die Beiträge im vergangenen Jahr um fast 12 Prozent auf über 21 Milliarden Euro gestiegen.

Der weit überwiegende Teil des Neugeschäfts entfällt auf neue Produkte: Betrug deren Anteil konzernweit rund 76 Prozent, lag er bei deutschen Privatkunden bei mehr als 90 Prozent. Das Ende der klassischen Variante der Lebensversicherung ist bei der Allianz damit womöglich absehbar.

Für das laufende Jahr rechnet Deutschland-Chef Klaus-Peter Röhler mit einer stabilen Geschäftsentwicklung. In der Lesart der gewöhnlich konservativen Versicherer bedeutet das, dass der Gewinn wohl wieder etwas ansteigen sollte, ebenso die Zahl der abgeschlossenen Policen. Das große Fragezeigen dürften aber ebenso wie im abgelaufenen Jahr Zahl und Ausmaß der Naturkatastrophen werden. Einen Vorgeschmack darauf gab es im Januar 2018. Nach dem Sturmtief Friedericke gingen 100.000 Schadensmeldungen ein, 182 Millionen Euro wurden an Kunden ausgezahlt.