Der neue Chef räumt auf

Der neue Vorstandsvorsitzende Christian Kullmann verordnet dem Chemiekonzern Evonik ein ehrgeiziges Sparprogramm. Es ist auch ein Versuch, sich von seinem Vorgänger Klaus Engel zu distanzieren.


Für neue Vorstandschefs ist es immer eine Herausforderung, sich von ihren Vorgängern abzusetzen. Für Christan Kullmann, seit Mai Vorstandsvorsitzender von Evonik, kommen gleich zwei zusätzliche Hürden hinzu: Sein Vorgänger, Klaus Engel, hat so viel nicht falsch gemacht. Und Kullmann und Engel haben schließlich auch lange Hand in Hand gearbeitet.


Unter Engel wandelte sich Evonik vom Gemischtwarenladen zum Spezialchemiekonzern. Und kurz vor seinem Abschied tätigte der Vorstandsvorsitzende noch zwei größere Zukäufe. Für 3,8 Milliarden Dollar übernahmen sie die Spezialadditive von Air Products. Und die Silica-Sparte des amerikanischen Familienkonzerns Huber kostete Evonik 630 Millionen Dollar. Kullmann hat diese Übernahmen vorangetrieben, doch über allem prangt der Name seines Vorgängers.

Wie also soll Christian Kullmann nun einen Eindruck hinterlassen? Fünf Monate nach Amtsantritt kristallisiert sich seine Strategie heraus: Kullmann will Engel übertrumpfen. „Evonik war bislang zu brav“, verkündete er vor kurzem vollmundig in einem Interview. Er will übernehmen, innovieren, digitalisieren. Gerade erst hat er 100 Millionen Euro in eine Zusammenarbeit mit Watsons IBM gesteckt. Und auch über weitere Zukäufe spricht Kullmann nur zu gerne.


Doch bevor er Evonik erweitern kann, muss er aufräumen. Es ist eine Aufgabe, die wenig Glanz bringt: Kullmann muss die bisherigen Zukäufe integrieren. Er muss in den Ecken putzen, die sein Vorgänger vernachlässigt hat.

Denn Engels Renovierungsarbeiten haben Evonik in den vergangenen Jahren zwar ein neues Innenleben, aber nicht unbedingt mehr Effizienz gebracht. Analysten meckerten eher über den Spezialchemiekonzern, der sich mit Zukäufen vergrößerte, den Börsenkurs aber trotzdem kaum steigern konnte. Covestro oder Lanxess schnitten da deutlich besser ab.

Kuhlmann kündigte deshalb nun ein Sparprogramm an, mit dem der Spezialchemiekonzern dauerhaft 200 Millionen Euro pro Jahr sparen will. Schon im kommenden Jahr sollen die Maßnahmen 50 Millionen Euro mehr Gewinn bringen. „Wir werden Kostenbewusstsein stärken, Bürokratie abbauen und Entscheidungswege straffen“, sagte Kullmann. Zehn Prozent seiner Kosten will er so abbauen.


Die ehrgeizigen Ziele werden wohl auch Stellen kosten, wenn auch erst in einigen Jahren. Bis 2021 sind die Evonik-Mitarbeiter noch vor betriebsbedingten Kündigungen geschützt.

Doch viel Zeit für seine Aufräumarbeiten werden Kullmann nicht bleiben. Die Branche ist in Bewegung, im Wochentakt tauchen neue Gelegenheiten auf und verschwinden wieder. So kündigte der Schweizer Konkurrent Clariant im Mai erst eine Fusion mit der amerikanischen Huntsman an, die die beiden Partner vor wenigen Tagen nun wieder absagen mussten. Seit dem gilt Clariant nun selbst als möglicher Übernahmekandidat – und Evonik als passender Käufer. Doch die Preisvorstellungen liegen weit auseinander.


Andere neue Vorstandschefs konnten solchen Verlockungen nicht widerstehen, auch wenn sie teuer waren. Werner Baumann erklärte noch, er wolle nicht viel ändern, als er bei Bayer an die Spitze aufrückte. Wenige Wochen später verkündete er die größte Übernahme der deutschen Wirtschaftsgeschichte – den Kauf von Monsanto.