Networking für Profis


Er ist ein bisschen irritiert. Seit zwei Wochen netzwerkt Herr K. sich jetzt schon wie ein Irrer durch die weltgrößte Business-Plattform LinkedIn. Er muss es natürlich nicht machen. Hat er ja nicht nötig, weil quasi unkündbar in gehobener Führungsposition und so weiter. Aber man muss ja mitreden können.

Also hat Herr K. seine eigenen Karrierestationen mit einer Akribie angegeben, die selbst der NSA Glückstränen in die geröteten Augen treiben würde. Mit allenfalls kleinen Ungenauigkeiten. Die Mallorca-Urlaube der vergangenen zehn Jahre hat er zum Beispiel zu einem nüchternen „Spanisch – fließend“ zusammengefasst.

Und was ist der Lohn? Die einzigen Jobangebote, die ihm aufgrund seines üppigen – und ihn eigentlich für alles außer „Papst“ und „Kanzler“ qualifizierenden – Lebenslaufs gemacht werden, sind: Junior Marketing Head of irgendwas bei einer Spedition aus dem Weserbergland, Trainee im Rahmen eines Flüchtlingsprojekts der Deutschen Post sowie Animateur in einem südmallorquinischen Ferienklub. Letzteres hat sicher mit seinen Top-Sprachkenntnissen zu tun, aber der Rest? Ist er selbst unfähig oder der Algorithmus von LinkedIn?

Wenn die Eroberung sozialer Netzwerke einem Fünf-Phasen-Plan folgt, dann ist Herr K. nach Erregung, Euphorie und ersten Zweifeln nun in Phase vier: Erwachen. Wie die überhaupt aussehen, all diese alerten Nachwuchskräfte! „Ist wie bei McDonald‘s“, sagt Koslowski. „Da wird der Big Mäc auch so lange gephotoshopt, bis er appetitlich wirkt.“

Herr K. hat nach seinem ersten Kontaktierrausch plötzlich mit sehr vielen Big Mäcs zu tun. Seit er zum Beispiel den Chef einer Käserei im Berner Oberland kontaktet hat, kriegt er Dutzende von Käse-Führungskräften angeboten samt Junior Cheese Costumer Experience Aides, was wahrscheinlich so viel heißt wie Hilfs-Käserei-Praktikant.


Allmählich beschleicht ihn ohnehin eine düstere Ahnung: Es wollen sich nur Menschen mit ihm vernetzen, die sich was von ihm versprechen. Dagegen melden sich die, von denen sich Herr K. irgendeinen Karriere-Booster erhofft, nie zurück. Seine Mailbox füllt sich stattdessen mit Angeboten von Coaches, Webseiten-Optimierern, sehr freien PR-Kräften, und hatten wir Coaches schon erwähnt?

Alles voller gut ausgeleuchteter Big Mäcs, während die wirklich Wichtigen gar keinen Account haben. Tim Cook? Ed Sheeran? Wladimir Putin? Fehlanzeige. Wozu sollen die auch bei LinkedIn mit dubiosen Fremdsprachenkenntnissen prahlen? Oder haben die vielleicht ein Premium-Netzwerk, wo dann Erdogan versucht, mit Donald Trump anzubandeln?

In diesem Moment beginnt für Herrn K. Phase fünf: totale Ernüchterung. Seine Frau schickt ihm via LinkedIn gerade die Supermarkt-Einkaufsliste: „Vergiss den Frühlingslauch nicht!!!“ Und er bekommt ein neues Jobangebot: als Saisonarbeiter in einer spanischen Käserei.

Als Herr K. Abitur machte, waren Computer noch etwas für die komischen Typen aus der Informatik AG. Damals kriegten die kein Mädchen ab, heute kontrollieren sie Hidden Champions im Bereich Business Solutions mit Standorten auf drei Kontinenten. Es gab noch keine Smartphones, kein Internet, keine Generation Y, nur Kassettenrecorder, Wählscheibentelefone und sogar die DDR. Patchwork war allenfalls Omas Auslegeware. Herr K. ist – beruflich wie privat – bisweilen irritiert von dieser sich rasant verändernden Welt, will sich aber nichts anmerken lassen. Er ist jetzt in einem Alter, in dem es um letzte Fragen geht: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Und wie viel Bonusmeilen gibt's auf dem Weg dorthin? Diese Kolumne will die Antworten liefern. Anregungen für Herrn K. bitte an: herr.k@handelsblatt.com oder folgen Sie Herrn K. auf Twitter: @herrnK