Netflix vs. Amazon – welche ist die bessere Aktie?

Mike Strain, Motley Fool beitragender Investmentanalyst
·Lesedauer: 5 Min.
Nachdenkender Mann mit Fragezeichen um den Kopf Wann Aktien kaufen Welche Aktien kaufen
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Amazon (WKN: 906866) und Netflix (WKN: 552484) haben über Jahre hinweg enorme Aktienkursgewinne erzielt. Selbst 2020 bildete keine Ausnahme. Der Online-Einzelhandelsriese ist seit Jahresbeginn um 76 % gestiegen und der führende Anbieter von Videostreaming ist um 52 % gewachsen. Zum Vergleich: Die Gesamtrendite des S&P 500 (einschließlich Dividenden) lag bis zum 4. November bei 8,2 %.

Es wäre einfach, die Gewinne der beiden auf die Auswirkungen der Pandemie zurückzuführen. Schließlich konnten beide Unternehmen die Menschen im Lockdown bedienen. Aber diese Erklärung greift zu kurz. Beide haben ihre Branchen schon lange vor dem Jahr 2020 geschlagen. Aufgrund der stetigen Innovationen, die von ihren Gründern ausgingen, befanden sie sich in einer guten Position.

Aber wenn man jetzt nur in eines dieser beiden investieren könnte, welches Unternehmen wäre dann die bessere Wahl?

Management

Wenn es eine Ruhmeshalle für CEOs gäbe, würden Jeff Bezos von Amazon und Reed Hastings von Netflix sicherlich Ehrenplätze haben.

Amazon ist von der „größten Buchhandlung der Welt“ zum Verkäufer von praktisch allem geworden – und die profitabelste Abteilung des Unternehmens ist nicht einmal der E-Commerce. Es sind Webdienste. Das Wachstum des Unternehmens war überwältigend. Im Jahr 1999 hatte Amazon einen Gesamtumsatz von 1,64 Mrd. US-Dollar. Im Jahr 2019 betrug der Jahresumsatz 280,5 Mrd. US-Dollar – eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 29 %.

Dann ist da noch Netflix. Im Jahr 2007 drängte Hastings das Unternehmen in das Streaming-Geschäft, was den DVD-Versand per Post bedrohte, der Ende 2006 6,3 Millionen Abonnenten hatte. Ein riskantes Manöver – aber es funktionierte auch. Jetzt ist man bei fast 200 Millionen Abonnenten. Seit Netflix im Jahr 2002 an die Börse ging, sind seine jährlichen Einnahmen von 1,34 Mrd. US-Dollar auf 20,1 Mrd. US-Dollar im Jahr 2019 gestiegen – eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 17 %.

Die Interessen von Bezos und Hastings gehen mit denen ihrer Aktionäre einher. Obwohl Bezos in letzter Zeit verkauft hat, besitzt er immer noch Amazon-Aktien im Wert von etwa 173 Mrd. US-Dollar. Hastings besitzt Aktien von Netflix im Wert von etwa 2,5 Mrd. US-Dollar.

Vorteil: Gleichstand

Jüngste Leistung

Beide Unternehmen haben kürzlich starke Gewinnberichte für das dritte Quartal veröffentlicht. So haben sie bei einigen Schlüsselkennzahlen abgeschnitten:

Kennzahlen Q3 202o

Amazon

Netflix

Umsatz

96,1 Mrd. US-Dollar

6,4 Mrd. US-Dollar

Veränderung (ggü. Vorjahr)

37 %

22,7 %

Operative Einnahmen

6,2 Mrd. US-Dollar

1,3 Mrd. US-Dollar

Veränderung (ggü. Vorjahr)

96 %

34 %

Freier Cashflow (vergangene 12 Monate)

29,5 Mrd. US-Dollar

536 Mio. US-Dollar

Quelle: Amazon und Netflix

Eine der Kennzahlen, die es hier zu beobachten gilt, ist der freie Cashflow. Netflix hatte jahrelang einen negativen Cashflow und hat Schulden (jetzt bei 15,5 Mrd. US-Dollar) für das Wachstum verwendet. Das ist kein großes Problem, aber langfristig nicht nachhaltig. Es war also ein gutes Zeichen, dass das Unternehmen in diesem Jahr in drei aufeinander folgenden Quartalen einen positiven Cashflow verzeichnen konnte. Die Unternehmensleitung erwartet zwar, dass die Kennzahl im Jahr 2021 in den negativen Bereich zurückkehren wird. Man sagt aber auch, dass man einen Plan hat, um in den kommenden Jahren wieder einen positiven freien Cashflow zu erreichen.

Amazon hingegen holt riesige Mengen an freiem Cashflow rein, die es gewöhnlich in das Wachstum des Unternehmens reinvestiert. In diesem Jahr hat Amazon 25,3 Mrd. US-Dollar für seine Ausgaben für Sachanlagen ausgegeben und stark in die Logistik (Lagerhäuser und Transport) investiert. Diese Investitionen helfen dem Unternehmen, die Kunden zufriedenzustellen und den Druck auf seine Konkurrenz aufrechtzuerhalten.

Vorteil: Amazon

Geschäftsmodell

Während der Onlineverkauf den Großteil von Amazons Einnahmen ausmacht, erwirtschaftete das Cloud-Computing-Geschäft von Amazon, Amazon Web Services, 62 % des Gesamtbetriebsgewinns in den ersten neun Monaten des Jahres 2020. Darüber hinaus wachsen die Onlinewerbedienste schnell. Werbung ist die Hauptumsatzquelle des Unternehmens in der Kategorie „Sonstiges“. In der stiegen die Einnahmen in den ersten neun Monaten des Jahres im Vergleich zum Vorjahr um 45 % auf 13,5 Mrd. US-Dollar. Dank verschiedener Einnahmequellen hat Amazon mehrere Möglichkeiten, das Wachstum zu steigern.

Netflix verdient sein Geld mit Abonnements, sodass man die Einnahmen entweder durch mehr Abonnenten oder höhere Abonnementpreise steigern kann. Im Jahr 2020 ist beides möglich. In den ersten drei Quartalen stieg die Zahl der Abonnenten um 28,1 Millionen, was die Gesamtzahl der Abonnenten für das Gesamtjahr 2019 in den Schatten stellt. Und Ende Oktober kündigte Netflix an, den Preis für sein Standard-Abonnement um 1 US-Dollar pro Monat auf 13,99 US-Dollar und für sein Premium-Abonnement um 2 US-Dollar pro Monat auf 17,99 US-Dollar zu erhöhen. Diese Maßnahmen werden die Einnahmen steigern. Doch sie könnten wegen des verstärkten Wettbewerbs auch zu einem langsameren Abonnentenwachstum führen. Seit dem letzten Herbst sind mehrere neue Streaming-Dienste eingeführt worden. Darunter Disneys Disney+, Apples Apple TV+, AT&Ts HBO Max und Comcasts Peacock.

Vorteil: Amazon

Am besten gleich kaufen

Netflix und Amazon waren in diesem Jahr große Gewinner und sie sind nicht billig. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Amazon liegt bei 55, während das von Netflix bei 56 liegt. Diese Unternehmen waren schon immer teuer, aber sie haben eben auch immer langfristig orientierte Investoren belohnt.

Netflix hat mit 195 Millionen Abonnenten und einer umfangreichen Inhaltsbibliothek, die die Kundentreue fördert, einen Wettbewerbsvorteil beim Videostreaming. Die jüngste Preiserhöhung war die dritte seit Oktober 2017. Doch das Unternehmen hat weiterhin Abonnenten hinzugewonnen – 28,6 Millionen im Jahr 2018, 27,8 Millionen im Jahr 2019 und schätzungsweise 34 Millionen in diesem Jahr. Das ist Erfolg – und Preismacht.

Ich denke jedoch, dass Amazon zwei langfristige Vorteile hat: stärker diversifizierte Einnahmen sowie einen beträchtlichen freien Cashflow. Beides werden Bezos und das Unternehmen sicherlich nutzen, um das zukünftige Wachstum voranzutreiben.

Im Moment glaube ich, dass Amazon der bessere Kauf ist.

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The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Amazon, Apple, Netflix und Walt Disney und empfiehlt Aktien von Comcast. Mike Strain besitzt Aktien von Amazon, Apple und Walt Disney. Dieser Artikel erschien am 9.11.2020 auf Fool.com und wurde für unsere deutschen Leser übersetzt.

Motley Fool Deutschland 2020