Netflix stellt “Daredevil” ein – steckt der neue Streamingdienst von Disney dahinter?

Victoria Timm
Freie Autorin für Yahoo Kino
Der blinde Marvel-Held Daredevil verlässt Netflix. (Bild: David Lee/Netflix)

Mit “Daredevil” verschwindet ein weiterer Marvel-Superheld von Netflix. Für viele Fans eine herbe Enttäuschung. Die einzige Hoffnung ist, dass die Serie zum kommenden Streaming-Dienst Disney+ wechselt. Eine Bestätigung gibt es dafür nicht, doch hat Disney schließlich vor, möglichst zahlreiche Fans auf ihre neue Plattform zu locken. So sehen die Pläne des Mutterkonzerns von Marvel, Pixar und Lucasfilms aus.

Bei Netflix geht eine Ära zu Ende. Daredevil war der erste Marvel-Superheld bei dem Streaming-Dienst. Nun hat Netflix nach drei Staffeln das Aus für die Serie verkündet. Mangelndes Zuschauerinteresse dürfte hier weniger eine Rolle gespielt haben. Denn ausgerechnet der weltweite Erfolg von Netflix hat dazu beigetragen, dass die beliebten Marvel-Figuren von der Plattform verschwinden. Sie gehören seit der Übernahme von Marvel im Jahr 2009 zum mächtigen Disney-Konzern. Der will 2019 mit einem eigenen Dienst ins lukrative Streaming-Geschäft einsteigen. Aber kann Disney+ zum großen Konkurrenten von Netflix und Amazon Prime werden?

Netflix verkündete den Abgang von “Marvel’s Daredevil” am Donnerstag. Das sei zwar für die Marvel-Fans unter den Abonnenten schmerzhaft. Man habe aber beschlossen, die Serie mit einem Höhepunkt enden zu lassen. Das klingt, als ob Netflix die Geschichte um den blinden Superhelden freiwillig zum jetzigen Zeitpunkt beendet hat. Die drei Staffeln werden auch in Zukunft bei Netflix zum Abruf bereitstehen. Die Figur aber werde “künftig in Projekten von Marvel weiterleben”, teilte Netflix mit.

Aus für Marvels Superhelden bei Netflix

Netflix hatte sich im Originaldeal mit Disney die Lizenzrechte für fünf Superhelden-Serien gesichert. Bereits bekannt war das Aus für “Iron Fist” und “Luke Cage”. “Jessica Jones” und das “Daredevil”-Spin-off “The Punisher” hingegen dürfen nach Informationen des “Hollywood Reporter” auch weiterhin neue Abenteuer bei Netflix erleben. Mit Jones bliebe damit ein Mitglied der Marvel-Superheldentruppe “The Defenders” bei Netflix. Die Miniserie mit Daredevil, Luke Cage und Iron Fist hatte 2017 auf dem Streamingdienst Premiere gefeiert.

Loki (Tom Hiddleston) wird Serienheld bei Disney+. (Bild: Rex Features)

Bereits beschlossene Sache ist hingegen der Exodus aller Marvel-Filme von Netflix. Die Superhelden der Avengers finden bei Disney+ in Zukunft ihre exklusive Heimat. Disney wird beim hauseigenen Streaming-Dienst neben Produktionen des Animationsstudios Pixar und dem “Star Wars”-Franchise auf exklusive Serienproduktionen setzen. Die sollen Disney+ viele Abonnenten bringen. Eine Show wird sich um “Thor”-Gegenspieler Loki drehen, Hauptdarsteller Tom Hiddleston ist auch bei der Serie mit von der Partie. In Planung sind unter anderem auch Remakes von Animationsfilmen und Spielfilmen (“Drei Männer und ein Baby”) sowie Serien-Spin-offs von “High School Musical” oder “Die Monster AG”, wie die “New York Times” von Insidern erfuhr.

Marvel holt Zuschauermagneten zurück

Die Beziehung zwischen Disney und Netflix wurde von Branchenkennern immer wieder als angespannt bezeichnet. Die beiden Entertainment-Riesen sollen wiederholt bei der Umsetzung der Marvel-Serien unterschiedlicher Meinung gewesen sein. Der Comic-Verlag saß dabei am längeren Hebel. Die Serien gehören zu Marvel, Netflix zahlte für die Streaming-Rechte Lizenzgebühren an die Produktionsfirma ABC Studios, die zum Disney-Konzern gehört. Netflix lässt nun den Lizenzvertrag auslaufen.

Das könnte dazu führen, dass “Marvel’s Daredevil” weitgehend unverändert mit Serienmacher Erik Oleson und Hauptdarsteller Charlie Cox zu Disney+ wechselt. Allerdings hat die eher brutale Serie in den USA die Freigabe “TV-MA” und ist damit für Zuschauer ab 17 Jahren empfohlen. Zweifler stellen infrage, ob das zu einem Disney-Katalog passt, der auf Kinderfilmklassiker wie “Die Eisprinzessin” und “Das Dschungelbuch” oder auch die in Sachen Gewalt eher zahmen “Star Wars”-Filme setzt.

Noch Zweifel am Disney-Streamingdienst

Auch Investoren sind noch nicht vollends überzeugt, ob Disney+ tatsächlich Netflix und Amazon Prime Konkurrenz machen kann. Disney-Chef Robert Iger versicherte zwar, der Streaming-Dienst habe im nächsten Jahr oberste Priorität, wie die Zeitung “The New York Times” berichtete. Er betonte aber auch, dass Disneys Plattform nicht auf ein so breites Angebot wie Netflix setzen wird. Da stellt sich die Frage: Für wen wird sich ein Disney+-Abonnement lohnen? Denn auch Netflix und Prime rüsten im Konkurrenzkampf mit immer mehr Eigenproduktionen auf. Amazon etwa steckt eine dreistellige Millionensumme in seine “Herr der Ringe”-Serie. Ein Gewinner könnte da im Wettbewerb der Streaming-Dienste bereits feststehen: der Zuschauer.