Nervosität vor Sonntag der Entscheidung


Unsicherheit mögen Aktienanleger nicht. Wenn schwer einzuschätzende Risiken drohen, steigen sie aus und warten ab. Das haben sie auch am Freitag getan, der Dax gab um 2,3 Prozent auf 11.914 Punkte nach. Ende Januar noch hatte der Leitindex noch bei 13.597 Punkten ein Rekordhoch markiert. Auslöser der Kursverluste war die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump Strafzölle auf Einfuhren von Stahl und Aluminium in die USA zu verhängen.

Und nicht zu vergessen: Es lief noch der „Countdown für den Super-Sonntag“, wie die italienische Großbank Unicredit die Zeit vor dem Tag beschreibt, an dem Italien ein neues Parlament wählt und in Deutschland die SPD-Mitglieder entscheiden, ob das Land in der nächsten Legislaturperiode von einer Großen Koalition aus CDU und SPD regiert wird.

Um Prognosen, wie sich die Kurse bei einem Wahlsieg der einen oder anderen Koalition in Italien bewegen, drücken sich die Experten der Bank. In Italien wird keine klare Mehrheit für eines der Parteienbündnisse erwartet. Langwierige Koalitionsverhandlungen wären die Folge „Das ist aber für die Finanzmärkte kein Beinbruch. Italien hat viel Erfahrung mit solchen schwierigen Regierungsbildungen“, meint Martin Hüfner, Chefvolkswirt beim Vermögensverwalter Assenagon.


Er ist der Überzeugung, dass Koalitionen für die Märkte nicht „die schlechteste aller Möglichkeiten wären“, weil sie das Risiko eines Austritts Italiens aus der Europäischen Union verringern. Primär streiten Fünf-Sterne-Bewegung und Sozialdemokraten auf der einen Seite und das Mitte-rechts-Bündnis aus Forza Italia und Lega Nord um die Vorherrschaft in Italien. An den Märkten könnte wohl allenfalls eine Regierung unter Führung der Lega Nord für Unruhe an den Märkten sorgen, meint die Commerzbank.

Und auch in Deutschland wird es extrem spannend. Auch wenn allenthalben von einem „Ja“ der SPD-Mitglieder zur Großen Koalition ausgegangen wird, klingen bei vielen Beobachtern Restzweifel an. Bei einem „Nein“ müsste Angela-Merkel eine Minderheitsregierung bilden oder es würden Neuwahlen nötig. Das würde die deutsche Börse dann natürlich belasten. Doch Assenagon-Experte Hüfner wiegelt ab: „Für die nationalen und internationalen Anleger ist wichtig, dass Frau Merkel Kanzlerin bleibt und dass weiterhin eine verlässliche Politik betrieben wird. Das wäre auch bei einer Minderheitsregierung der Fall.“

Am Montagmorgen sind in Italien die Wahlergebnisse bekannt und in Deutschland haben die SPD-Mitglieder entschieden. Wie hart sich die Regierungen in Europa und Asien gegen die von Trump verhängten Zölle wehren, wird sich erst im Laufe der Woche zeigen. Schon jetzt dominiert das Wort „Handelskrieg“ die Diskussion an den Börsen. Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, versucht zu beschwichtigen: „Handelskrieg ist ein zu großes Wort, aber es ist ein Scharmützel. Die EU wird zurückschlagen.“

Die direkten Folgen für die Konjunktur sind nach seiner Meinung „ausgesprochen gering“, weil das gegenseitige Handelsvolumen mit Stahl nicht besonders groß sei. Tatsächlich sind deutsche Stahlhersteller von den Zöllen weit weniger betroffen als viele andere Länder. Nur 3,7 Prozent der US-Stahlimporte kommen aus Deutschland. Doch die Aktienkurse von ThyssenKurpp und Salzgitter leiden zwangsläufig.


HSH-Nordbank-Chefvolkswirt Cyrus de la Ruba ist weniger gelassen: „Einen Handelskrieg kann man nicht ausschließen. Für Deutschland als Exportnation ist das eine Bedrohung.“ Assenago-Manager Hüfner meint, dass die Kursverluste an der Börse übertrieben sind. Doch wenn ein Handelskrieg entstehe, sieht er die europäische und die chinesische Wirtschaft „anfälliger“ als die der USA.

Auf dem Terminplan der Börsianer stehen die EZB-Ratssitzung am Donnerstag, von der – mal wieder – Hinweise auf den Zeitpunkt der Lockerung der Geldpolitik erwartet wird. Einen Tag später werden in den USA die Arbeitsmarktdaten veröffentlicht. Im Mittelpunkt wird die Entwicklung der Löhne stehen, weil sie Rückschlüsse auf die Inflation erlaubt.

Steigen die Verbraucherpreise wird das Szenario mit vier statt drei Leitzinserhöhungen in den USA wahrscheinlicher. Darüber hinaus geht die Bilanzsaison weiter. Zu den Großen, die Einblick in ihre Bücher geben, gehören in Deutschland der Wohnungskonzern Vonovia am Dienstag, die Deutsche Post am Mittwoch und der Autozulieferer Continental am Donnerstag.