„Jeder Nerd ist uns willkommen“


Das Ambiente passte. Die Design-Offices einen Steinwurf vom Stuttgarter Hauptbahnhof mit Lichtkunst im Eingang zeigten den Gästen auch architektonisch die Zukunftsorientierung in Stuttgart. Draußen wurden einige hundert Wutbürger bei der Montagsdemonstration nicht müde, die längst gefallene Entscheidung für den neuen Bahnhof anzuprangern. Drinnen hatten sich am Montag Abend rund 90 Familienunternehmer, Manager und Berater zusammengefunden, um beim „Handelsblatt Hall of Fame – Der Dialog“ über Wachstumsstrategien der nächsten Generation zu diskutieren.

Impulse setzte anfangs Daimler-Zukunftsforscher Alexander Mankowsky. Das Credo seines Vortrags: Künstliche Intelligenz hat nur dann Erfolg, wenn sie es der Maschine ermöglicht, dem Menschen die Angst vor der Technik zu nehmen. Emotional ticke ein Mensch völlig anders als eine Maschine. Das sei vielfach bei den Fantasien zu „Smart Cities“ noch nicht berücksichtigt worden. Daran müsse man noch arbeiten, die Entwicklungszyklen seien auch oft viel länger als man glaube. „Ich habe schon 2007 meiner Konzernzentrale gesagt, wir werden Roboter-Autos bauen“, erinnerte sich der Zukunftsforscher. Damals sei er von den Untertürkheimer Kollegen belächelt worden. Seither hat er hunderte Vorträge im Konzern halten müssen und so ein Umdenken eingeleitet.

Die neuesten Prototypen von Daimler würden ihn bestätigen. Es seien Automaten, die kommunizieren. Aber es sei auch wichtig zu sagen, was man nicht automatisiert. „Es macht keinen Sinn, den Barkeeper durch einen Roboter zu ersetzen“, betont Mankowsky. „Dann entfällt der Sinn, sich an eine Bar zusetzen. Denn da setzt man sich nur hin, weil man mit einem Menschen auch ein Wort wechseln will.“ So gesehen, sei es keine leichte Aufgabe, die Fabrik der Zukunft zu entwickeln.
Den Weckruf für die Diskussion, die von Handelsblatt-Teamleiterin Anja Müller moderiert wurde, lieferte der Innovationsreport des Deutschen Industrie- und Handelskammertages: 82 Prozent der Unternehmen müssen Innovationen verschieben. Jedes zweite Unternehmen sieht seine wirtschaftliche Entwicklung gefährdet, weil es an Fachkräften mangelt. Es fehlen aber nicht nur Software-Entwickler und IT-Spezialisten, es fehlen auch Facharbeiter: Elektriker, Mechatroniker, Industriemeister. Wo Innovationen fehlen, wird Wachstum schwierig.

„Uns ist jeder Nerd willkommen“, sagte Susanne Kunschert, die gemeinsam mit ihrer Mutter, Renate Pilz, und ihrem Bruder Thomas den Automatisierungsspezialisten Pilz führt. Den größten Schritt zur Zukunftssicherung hat das schwäbische Unternehmen aus Ostfildern bereits geschafft: Es bleibt in der Familie. Zum Jahresende übergibt Renate Pilz das Unternehmen an ihre beiden Kinder in bestem Zustand. In diesem Jahr wird das Wachstum wieder zweistellig sein, und Tochter Susanne Kunschert führt seit Jahren das Personal. „Meine Mutter hat uns mit viel Liebe erzogen, nie Druck ausgeübt. Aber ich wollte mich erst auswärts beweisen“, erzählte sie den Familienunternehmern.

Zwar stand in ihrer Abi-Zeitung als Berufswunsch noch „Lebenskünstler“, aber sie studierte dann doch BWL, arbeitete für den Anlagenbauer Dürr und die Unternehmensberatung EY. „Ich brauchte die Bestätigung von außen“, erinnerte sie sich. Und als sie diese bekam, wusste sie: „Ich kann führen“. Das provozierte im Jahr 2000 dann die Frage ihrer Mutter – mit sanftem mütterlichen Druck und in bestem Schwäbisch: „Komscht jetzt oder net.“ Gelächter im Saal.

Mit einem klaren christlichen Wertegerüst will auch die Tochter das Unternehmen weiterführen. Dazu gehört Toleranz. „Die Länge der Haare ist uns egal.“ Teamfähigkeit, gegenseitige Hilfe seien neben fachlichem Können heute gefragt. Vor allem die Fähigkeit zu kommunizieren. „Heute muss sich bei uns der irische Softwareentwickler mit dem indischen Mitarbeiter genauso gut verständigen können wie mit dem Deutschen in der Zentrale oder unseren Südkoreanern“, betonte Renate Pilz.


Bereits vor 20 Jahren begegnete sie dem Fachkräftemangel mit einer Software-Tochter in Irland. Heute arbeiten dort über 100 Entwickler für Pilz. „Wachstum braucht den Mut, offen zu sein für Ungewisses“, sagt auch Mitveranstalterin Vera-Carina Elter. Sie verantwortet den Bereich Familienunternehmen bei der Wirtschaftsprüfungs- und Unternehmensberatung KPMG. Elter beobachtet zurzeit eine vorsichtige Öffnung der Familienunternehmen für neue Wachstumsstrategien, dazu gehörten Kooperationen mit Start-ups und auch Unternehmen aus anderen Branchen, aber auch die Bereitschaft, durch Übernahmen zu wachsen oder Investoren - auf Zeit - miteinzubeziehen.

Übernahmen gehören zwar nicht zur organischen Wachstumsstrategie von Pilz. Doch das Unternehmen investiert jährlich den Rekordwert von 20 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Im Verhältnis deutlich mehr als Großkonzerne. Zum Vergleich: Daimler mit mehr als 150 Milliarden Euro Umsatz steckt im Schnitt rund fünf Prozent in Forschung und Entwicklung.

Aber warum tut Pilz das? „Eben weil es die Konzerne und deren Kraft gibt. Wir müssen schneller sein, um Nischen zu besetzen“, sagt Renate Pilz, deren Unternehmen einst den roten Nothalteknopf entwickelte und heute mit visueller Überwachung und Prozesssicherheit in der Automatisierung punktet.

Die hohe F&E-Quote provozierte Nachfragen aus dem Publikum. „Eine so hohe Quote können Sie sich doch nur leisten, wenn sie eine tolle Marge und sehr produktive Mitarbeiter haben. Was ist Ihr Geheimnis?“ wollte Thomas Vetter vom Automobilzulieferer Faurecia wissen. „Unsere Effizienz und damit unsere Rendite ist hoch, auch weil sich unsere Leute auf die Arbeit konzentrieren können und bei unserer Firmenkultur keine Machtspielchen betreiben müssen“, antwortete Susanne Kunschert.


Einer der Gäste will wissen, ob Künstliche Intelligenz nicht künftig auch Entwicklungsabteilungen ersetzen könne. Soweit will Zukunftsforscher Mankowsky nicht gehen. Wenn 1960 ein Personal-Rekruting-Programm entwickelt worden wäre, und dem Computer die Auswahl überlassen worden wäre, dann gäbe es heute nur trinkfeste und rauchende Männer in den Unternehmen und keine Frauen. Auch Künstliche Intelligenz basiere auf der Fortschreibung von Vergangenheitsdaten. Das reiche für die Zukunft nicht. Innovationen bräuchten immer auch Intuition.
Renate Pilz will der Robotik nur einen abgestimmten Raum lassen. „Sie darf nur für den Menschen unterstützend sein. Maschinen können unsere Werte nicht leben.“ Und ihre Tochter kann sich sogar eine „Roboterquote“ für ihr Unternehmen vorstellen.

Beim anschließenden Imbiss tauschten sich viele Gäste aus. Industriedesigner Jürgen R. Schmid sprach mit einem Manager des Greifsystemspezialisten Schunk. Markus Benz, Gesellschafter und Vorstand des Möbelherstellers Walter Knoll AG & Co. KG, vertiefte seine Frage, wie Virtual Reality den Vertrieb verändern werde. Das komplette Abschotten mit einer Brille von der Außenwelt hält Zukunftsforscher Mankowsky nicht für sinnvoll, um Interaktion zu fördern. Augmented Reality könne aber unterstützend wirken. Jede Menge analoge Kommunikation über die Zukunft der Wirtschaft gab es jedenfalls beim „Hall of Fame“-Dialog an diesem Abend.