Neonazis: Bürger einer Kleinstadt wehren sich gegen Rechtsrock-Konzerte

Gleich drei Rechtsrock-Konzerte sollen im Juli in Themar stattfinden.

Arndt Morgenroth steht im einstigen Kolonialwarengeschäft seiner Eltern im thüringischen Themar. Wie es darin aussah, hat der pensionierte Pfarrer noch genau vor Augen. „Hier stand die Ladentheke, wo mein Vater auch mal einen Schnaps rübergereicht hat“, sagt er und deutet mit seinen Armen die Ausmaße des Möbels an. „Und hier“ – ein Schritt zur Seite, die Arme wandern von oben nach unten durch die Luft – „das Regal mit Wasch- und Putzmitteln – und hier das Regal mit Bürsten, Besen und so weiter.“ Arndt Morgenroth schaut sich versonnen um. „Ja, so war das“, sagt er dann. „Bei meinen Eltern gab es alles, was man so braucht in einer kleinen Stadt wie Themar.“

1866 hatte Morgenroths Großvater den Laden aufgemacht, gut hundert Jahre lang gab es das Geschäft. Lange steht es nun leer, aber was heißt schon leer. Regelmäßig zwischen April und Oktober kommen Bürger aus Themar in das alte Kolonialwarengeschäft im Haus Morgenroth, wie sie das Gebäude hinter der St. Bartholomäus-Kirche nennen.

Dann sitzen sie in dem etwas kramigen Laden auf durchgesessenen Stühlen an alten Tischen, unter den Werbeschildern aus Emaille, die an den Wänden hängen, vor Regalen mit antiquierten Haushaltsgeräten und einer immer noch funktionierenden DDR-Musikanlage. Lesungen finden hier statt, manchmal singt jemand oder spielt ein wenig Theater. Ein paar Mal im Jahr werden auch die alten Schlagerplatten aufgelegt, dann laden die Morgenroths in ihr „Café zum vergangenen Jahrhundert“ ein, und es gibt Kaffee und Kuchen.

Angst und Mut

An diesem warmen Frühsommertag ist Morgenroths alter Laden wieder einmal voll. Zwei Dutzend Stühle stehen im Kreis, keiner ist freigeblieben. Bewohner von Themar und aus den Nachbargemeinden sind da, die Pastorin der Stadt, Kindergärtnerinnen, Einzelhändler, Bürgermeister, Vertreter vom Anglerverein und vom Verein „Themar trifft Europa“.

Sie alle wollen Gesicht zeigen. Wollen reden über die Neonazis, die im Juli zu Tausenden aus ganz Europa zu drei Konzerten auf einer Wiese am Stadtrand von Themar kommen werden, über die Angst vor den „braunen Horden“, wie man sie hier nennt, über Angst und Mut und Widerstand. Und über die Sorge, dass ihr Themar ins Gerede kommen könnte. Hierzulande und draußen in der Welt. „Das ist doch unsere Stadt“, sagt Anette Peter, die in Themar aufgewachsen ist. „Die da kommen, das sind doch keine von uns. Wir wollen solche Leute hier nicht.“

Themar liegt in Südthüringen, nicht weit von der Landesgrenze zu Bayern. Gut 1200 Jahre alt ist der Ort, der knapp 3000 Einwohner hat und am Ufer der Werra liegt. Eine gut erhaltene Stadtmauer schirmt das alte Zentrum zur Bundesstraße 89 ab, trutzig ragen zwei mächtige Wachtürme heraus. Vom alten Stadttor stehen noch die steinernen Seitenpfeiler. Durch sie hindurch führt die Ernst-Thälmann-Straße auf die B 89 zur Gottesacker-Kirche mit Friedhof und der benachbarten Tankstelle. Neben dieser erstreckt sich eine Wiese, 100 Meter lang, 50 Meter breit. Hier werden ein Dutzend Nazibands aus Deutschland spielen, das erste Konzert findet am Sonnabend statt.

„Wir haben als Stadt die Wahl, wie wir mit diesen Nazikonzerten umgehen“

Es wird dann alles kommen, was in der rechten Musikszene Rang und Namen hat: die Band Sleipnir etwa, die zu dem – in Deutschland verbotenen – Blood&Honour-Spektrum gezählt wird und deren Songs wegen ihrer rassistischen Texte teilweise verboten sind; die Lunikoff Verschwörung aus Berlin mit ihrem Leadsänger Michael Regener, der mal Chef der Naziband Landser war, die 2003 vom Berliner Kammergericht als kriminelle Vereinigung verurteilt wurde.

Die Gruppe Stahlgewitter wird ebenfalls dabei sein, die im vergangenen Herbst vor 5000 Nazis aus ganz Europa in einer Schweizer Scheune auftrat. Und vielleicht kommen auch Musiker der Gruppe Erschießungskommando auf die Bühne, die im vergangenen Jahr auf ihrem Album „Sieg oder Tod“ offen zur Ermordung der Thüringer Landtagsabgeordneten Katharina König-Preuss (Linke) aufgerufen hat. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in dieser Sache, seit Monaten nun schon. Passiert ist noch nichts.

„Wir haben als Stadt die Wahl, wie wir mit diesen Nazikonzerten umgehen“, sagt Bürgermeister Hubert Böse. „Nehmen wir das mit Murren und Zähneknirschen hin, weil es ja praktisch vor unserer Stadtmauer geschieht, da draußen auf einer Wiese? Oder suchen wir nach Formen des Protestes und des Widerstands?“ Es ist eine rhetorische Frage, was schon der Blick in die Runde im Haus Morgenroth beweist. Helmut Thein aus Lengfeld, einem Nachbardorf, spricht aus, was alle hier denken: „Wir können die Braunen zwar nicht vertreiben, weil das nicht in unserer Macht liegt. Aber wir...Lesen Sie den ganzen Artikel bei berliner-zeitung