Sie nennen ihn den "Killerwal": Steht Klaus Gehrig als Lidl-Alleinherrscher vor dem Ende?

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Klaus Gehrig, Leiter der Schwarz Gruppe.
Klaus Gehrig, Leiter der Schwarz Gruppe.

Klaus Gehrig ist das Gesicht der Schwarz Gruppe um Lidl und Kaufland. Der Patriarch leitet seit Jahrzehnten das Geschäft von Eigentümer Dieter Schwarz und besitzt als alleiniger Komplementär nach ihm die größte Macht in Europas größtem Handelskonzern. Doch seine Zeit als Alleinherrscher neigt sich dem Ende. Im Kampf um seine Nachfolge ereignete sich nun ein Paukenschlag, den keiner im Unternehmen vorausgesehen hat. Bröckelt das Imperium von Gehrig nun kurz vor dessen Abgang?

Gehrig ist der engste Vertraute von Dieter Schwarz, der mit einem geschätzten Vermögen von 26,8 Milliarden Euro zu den reichsten Deutschen gehört. Gemeinsam regieren die beiden langjährigen Wegbegleiter über das Einzelhandelsimperium mit über 450.000 Mitarbeitern. Schwarz im Hintergrund, Gehrig mit viel Spielraum und harter Hand nach außen.

Dabei begann die Karriere von Gehrig beim größten Konkurrenten der Schwarz Gruppe. 1971 stieg der damals Anfang 20-jährige bei Aldi Süd ein. Nach fünf Jahren im Konkurrenz-Unternehmen bewarb sich der aufstrebende Geschäftsführer beim Jungunternehmer Dieter Schwarz und leitete fortan die damals 33 Discounter-Filialen des Familiengeschäfts. Unter ihm entwickelte sich Lidl und die Schwarz Gruppe zu einem Milliarden-Unternehmen, das nach eigenen Angaben im vergangenen Geschäftsjahr einen Rekordumsatz von 125 Milliarden Euro verzeichnete.

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"In anderen Firmen wäre ich schon oft entlassen worden", blickte Gehrig einst auf seine lange Zeit im Unternehmen zurück. Der Sohn eines Bauern aus Niederbayern ist ein Mann der alten Schule. Wer mit ihm an einem Strang zieht, genießt seine Wertschätzung. Bei Gegenwind greift Gehrig hart zu. Der Verschleiß in der Führungsriege war unter ihm immer groß. Wenn Manager unter Gehrig zu stark wuchsen, fällte er sie gerne. Nur mit Demut konnten die Chefs von Kaufland und Lidl vor dem Patriarchen auftreten. Er selbst bezeichnete sich einst als "schwarzen Ritter". Mitarbeiter fanden einen anderen Spitznamen für ihn: den "Killerwal". 

Paukenschlag im Familienunternehmen

Es gab jedoch auch Ausnahmen. Eine davon war die 30-jährige Topmanagerin Melanie Köhler. Sie galt als Gehrigs Ziehtochter im Unternehmen. 2016 holte er sie nach dem Studium zur Schwarz Gruppe. Köhler war Vorstandsvorsitzende der Schwarz Dienstleistungen und Mitglied der Gesellschaftsversammlung der Schwarz Unternehmenstreuhand. Als neue, junge Frau in der Führungsetage galt sie als zentrale Figur der Zukunft im Konzern.

Doch Köhler verlässt das Unternehmen nun überraschend, wie die "Lebensmittelzeitung" am vergangenen Mittwoch berichtete. Es sei demnach ihr eigener Wunsch, ihre berufliche Entwicklung außerhalb der Schwarz Gruppe weiterzuverfolgen. Das überrascht nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch den Vorstand und vor allem Gehrig. Warum sollte seine geschätzte Assistentin den Handelskonzern urplötzlich verlassen?

Machtkampf um die Nachfolge Gehrigs

Köhler wurde von Anfang an beim Konzern kritisch beäugt. Als junge Frau an Gehrigs Seite hatte sie zu Beginn eine umstrittene Stellung im Unternehmen. Doch Köhler setzte sich durch und erarbeitete sich den Respekt bei ihren Kollegen. Das lag nicht zuletzt auch an Gehrigs eigener Konzern-Philosophie. Er setzte sich in der Vergangenheit stark für die Förderung junger weiblicher Führungskräfte in der Schwarz Gruppe ein. So ist auch die 30-jährige Julia Kern stellvertretende Lidl-Chefin und Stephanie Griesbaum mit 36 Vizechefin von Kaufland.

Köhlers Stimme hatte zuletzt im Konzern ein großes Gewicht. Sie konnte dem Patriarchen auch mal die Stirn bieten und widersprechen. Insider beschreiben sie als zielstrebig. Köhler setzte neue Impulse und machte sich auch für ein moderneres und menschlicheres Unternehmen stark. Alle Zeiger standen auf Erfolgskurs. Doch nun kam der Austritt, der ein großes Loch hinterlässt. Ihren Aufgabenbereich übernimmt Gehrig selbst vorerst. Bei genauer Betrachtung der Situation im Konzern wird dabei klar: Ihre Entscheidung hängt auch mit der Nachfolge Gehrigs zusammen – und ist die Folge eines internen Machtkampfs.

Denn der Patriarch plant mit 75 in zwei Jahren die Leitung des Geschäftsbereichs zu übergeben. Als heißer Kandidat auf den Posten gilt seit 2019 sein Stellvertreter Gerd Chrzanowski. Aktuell leitet der Manager das operative Geschäft und ist Lidl-Vorstandschef. Dem 49-Jährigen werden gute Chancen eingeräumt. Doch mit Köhler förderte Gehrig Chrzanowskis größte Konkurrentin. Intern soll es zum Machtkampf zwischen den beiden gekommen sein. Ihr Verhältnis sei nach Mitarbeiter-Informationen zuletzt sehr angespannt gewesen.

Zum großen Knall kam es demnach wenige Tage vor Gehrigs 73. Geburtstag am vergangenen Sonntag. Was sich genau hinter den Kulissen abspielte, ist nicht bekannt. Doch der Abgang von Köhler kommt so plötzlich, dass eine interne Auseinandersetzung um die Nachfolge von Gehrig nicht auszuschließen ist.

Steht der Patriarch vor dem Aus?

Auch Chrzanowski gilt als zielstrebig und durchsetzungsfähig. Bereits seit 2000 ist der 49-Jährige im Unternehmen aktiv und steht für einen Modernisierungskurs. So tauschte der ehemalige Lidl-Chef kurzerhand Audi durch BMW als Dienstwagenlieferanten aus und baut neben dem Handel das Entsorgungsgeschäft als zweites Standbein im Konzern auf.

Beim Thema Digitalisierung macht der Manager keine halben Sachen und installierte unter anderem den Experten Rolf Schumann von SAP als Chief Digital Officer in der Gruppe. "Gerd Chrzanowski hat in der Vergangenheit in verschiedenen Leitungsfunktionen und Aufgaben seine persönlichen, fachlichen und vor allem strategischen Qualitäten unter Beweis gestellt", sagt Gehrig über seinen potenziellen Nachfolger.

Trotzdem wurden intern auch Köhler gute Chancen auf den Posten als Leiterin der Schwarz Gruppe zugesprochen. Es wäre ein Ausrufezeichen vom traditionsreichen Familienkonzern gewesen. Doch dazu kommt es nun nicht mehr. Dass Chrzanowski die Geschäfte von Gehrig in Zukunft übernehmen wird, scheint nun sehr wahrscheinlich. Zum Eigentümer Dieter Schwarz soll Chrzanowksi ebenfalls einen guten Draht haben.

Die Entscheidung von Köhler, das Unternehmen zu verlassen, hinterlässt viele Fragen. Beantworten können sie nur eine kleine Auswahl an Personen mit großer Macht im Konzern. Bisher wird jedoch vor allem eines getan: geschwiegen. 

Video: Töten von Küken wird verboten: SO reagieren ALDI, LIDL & Co.

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