Sie nehmen Gebühren und zahlen keine Zinsen aus, dafür bieten Sparvereine etwas anderes — zu Besuch bei einem der wenigen, die es noch gibt

Das "Gelbe Schloss" in Berlin-Wedding - Copyright: Tristan Fiedler
Das "Gelbe Schloss" in Berlin-Wedding - Copyright: Tristan Fiedler

Das große Bier kostet 2,70 Euro, an der Wand hängen die Flaggen von Hertha BSC Berlin und Deutschland, am Tresen aus Eichenholz darf noch geraucht werden. Ohne großen Umbau könnte die Berliner Eckkneipe "Gelbes Schloss" in Wedding als Filmkulisse für einen BRD-Film herhalten.

Die Endstation der U-Bahn Linie U9 ist von hier nochmal knapp fünfzehn Minuten zu Fuß entfernt. "Touristen verirren sich keene hier her, oder wenn dann nur janz selten", berlinert Horst Barowsky. Der 70-Jährige trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Team Barowsky", ist ganz in der Nähe aufgewachsen und kommt seit Jahren in die Kneipe. Zudem ist er zweiter Vorsitzender des Sparvereins "Gelbes Schloss".

Das Herzstück des Vereins ist metallener Kasten, kaum größer als ein Badezimmerspiegel, der an der Wand neben dem Tresen hängt. Der Kasten hat 60 nummerierte Fächer mit kleinen Schlitzen. Der Hinweis "Immer Büroklammer benutzen" ist aufgedruckt. Zudem müsse man immer darauf achten, die mit Büroklammern zusammengehefteten Scheine mit dem Schlüssel nachzuschieben, erklärt Barowsky. Wenig verwunderlich, dass es schon vorgekommen sein soll, dass "Sparer, die einen zu viel getrunken haben, ihre Scheine nicht richtig reingesteckt haben, und andere sich darüber dann gefreut haben".

Der Tresen der Kneipe. - Copyright: Tristan Fiedler
Der Tresen der Kneipe. - Copyright: Tristan Fiedler

Die Mitglieder müssen eine Gebühr zahlen und bekommen keine Zinsen

Das Prinzip eines Sparschranks ist einfach. Jedes Mitglied des Vereins hat eines der Fächer. Dort wirft er oder sie regelmäßig Bargeld hinein. Der ehrenamtliche Schatzmeister des Vereins leert alle Fächer jede Woche, notiert die Spareinlagen der Mitglieder und bringt alles Bargeld auf ein Konto. Am ersten Advent erhält jeder Sparer und jeder Sparerin dann den Betrag ausgezahlt, den sie das Jahr über zusammengespart hat.

Davon abgezogen werden allerdings noch 2,50 Euro monatlicher Vereinsbeitrag sowie Strafzahlungen, wenn nicht regelmäßig gespart-, oder "gesteckt" wurde, wie Barowsky es nennt. Ursprünglich musste jedes Mitglied jede Woche etwas einzahlen, um keine Strafen zahlen zu müssen. Inzwischen reicht eine monatliche Einzahlung, um die Strafe zu vermeiden. Als der Verein Anfang der 90er Jahre gegründet wurde, konnten sich die Sparer immerhin noch über die Zinsen des Gemeinschaftskontos freuen. Diese gibt es jedoch schon seit Jahren nicht mehr.

Das dürfte für die meisten Menschen nicht gerade nach attraktiven Spar-Konditionen klingen. Dennoch steckt Barowsky jede Woche um die hundert Euro in sein Fach. Und er ist nicht alleine. Die Mitgliederzahl des Vereins ist bis 2018 kontinuierlich gewachsen. Damals erreichte er mit über 60 Mitgliedern seinen Höchststand. Und auch das "Gelbe Schloss" ist nicht alleine. Die genaue Zahl der Sparvereine kennt niemand, doch vor 10 Jahren sollen es rund 800.000 gewesen sein. Und auch heute noch verkauft ein Kölner Hersteller von Sparschränken eigenen Angaben zufolge 400 Schränke im Jahr.

Die meisten Sparer sind auch Stammgäste

Es gibt also durchaus noch einige solcher Vereine. Doch deren Zahl sinkt. Mit den Kneipenschließungen im Zuge der Corona-Krise nahm auch die Zahl der Mitglieder des "Gelben Schlosses" stark ab. Denn die Kneipe und der Sparschrank gehören untrennbar zusammen. Stünde derselbe Schrank in einer Bankfiliale oder auf der Straße, dürfte sich wohl kaum Sparer finden, die ihn nutzen.

Denn die allermeisten Mitglieder im Sparverein sind auch Stammgäste im "Gelben Schloss". Die Pflicht zu regelmäßigen Einzahlung sorgt dafür, dass alle regelmäßig in der Kneipe aufschlagen. Dass kaum einer zum Einzahlen kommt, ohne dabei nicht zumindest ein Getränk zu sich zu nehmen, ist dabei ganz im Interesse des Wirtes.

Von den Gebühren und den Strafzahlungen bezahlt der Verein nicht nur seine Verwaltungskosten, sondern er organisiert auch regelmäßige Veranstaltungen wie einen Sonntagsbrunch, das jährliche Eisbeinessen oder Ausflüge an "die Ostsee zur Hanse Sail. 10,00 € Taschengeld inklusive". Aktuell ist der Infowand zu entnehmen, dass eine Fahrt zum Spreewaldfest in Lübben mit der Dampflok geplant ist. Für Sparer kostet sie nur 29-, statt 59 Euro. Auch die Todesanzeige eines Mitglieds ist an das Schwarze Brett geheftet.

Die Sparwand, das Herzstück des Vereins. - Copyright: Tristan Fiedler
Die Sparwand, das Herzstück des Vereins. - Copyright: Tristan Fiedler

"Was sie in die Kneipe bringen, ist kein Notgroschen, sondern ein gewisser Luxus."

"Natürlich haben alle Mitglieder hier auch ein Bankkonto", erklärt Barowsky. "Was sie in die Kneipe bringen, ist kein Notgroschen, sondern ein gewisser Luxus. Viele sparen hier auf die Weihnachtsgeschenke für die Enkel oder den jährlichen Thailand-Urlaub".

Als die Sparvereine aufkamen, war das freilich noch anders. Von den Seeleuten, die 1878 auf St. Pauli den ersten Sparverein gründeten, hatte mit Sicherheit keiner ein Konto. Das gemeinsame Sparen diente einerseits dazu, den Lohn für eine lange Überfahrt sicher zu verwahren. Nicht zuletzt auch vor sich selbst, denn sonst wurde regelmäßig der gesamte Lohn in einer einzigen Nacht verzecht. Andererseits wurde es durch das gemeinsame Sparen möglich, sich gegenseitigen in Notfällen zu unterstützen.

Die Gemeinschaft der Sparer konnte dem Einzelnen helfen, wenn dieser etwa einen Unfall erlitt oder Schulden zu begleichen hatte. Daher forderte die Satzung des Vereins auch "einen unbescholtenen Charakter der Mitglieder". Die Sparvereine in Kneipen, die es in dieser Form fast nur in Deutschland gibt, waren somit Vorläufer von Genossenschaften, Versicherungen und Bankkonten, lange bevor diese für die Arbeiterschaft erschwinglich wurden.

Sparvereine waren die Vorläufer von Konten, Versicherungen und Genossenschaften

Der Hauptraum im "Gelbes Schloss" - Copyright: Tristan Fiedler
Der Hauptraum im "Gelbes Schloss" - Copyright: Tristan Fiedler

Doch die Kneipe war eben auch immer ein Rückzugsort, ein soziales Netzwerk und eine Gemeinschaft für die Sparer. Das ist auch der Grund, warum heute noch Menschen Bargeld von ihrem Konto abheben, um es dann in den Sparschrank von Horst Barowsky im "Gelben Schloss" zu werfen. Um 14 Uhr sitzt hier eine Gruppe älterer Männer am Tresen bei einem Bier. Im Hinterraum spielen Senioren-Gruppen hinter zugezogenen Spitzengardinen Karten. Man kennt sich hier. Am Tresen wird über das anstehende Grillfest gesprochen.

Für viele hier ist die Eckkneipe immer noch der erste Anlaufpunkt, wenn sie sozialen Kontakt suchen. Das Stammpublikum ist für viele ein erweiterter Freundeskreis, erklärt Barowsky. Wer hier spart, der erwartet keine Zinsen auf sein Guthaben, sondern er bezahlt mit seinen Gebühren die Geselligkeit und das Gemeinschaftsgefühl, das der Verein seinen Mitgliedern bietet.

"Die Eckkneipe ist ein Auslaufmodell"

Deshalb muss Horst auch lachen, als er gefragt wird, ob die Mitglieder zukünftig ihren Sparbeitrag nicht auch einfach überweisen könnten. Wenn die Mitglieder nicht mehr regelmäßig in die Kneipe kommen, dann verliert auch der Verein seinen Sinn.

Hier in der Peripherie mag die eigentliche Eckkneipe noch eine Weile weiter bestehen, doch "sie ist ein Auslaufmodell", da ist sich Horst sicher. Das jüngste Vereinsmitglied sei zwar erst 32 Jahre alt, "doch mit der Eckkneipe wird auch der Sparverein verschwinden. Leider". Bis dahin wird im "Gelben Schloss" allerdings erstmal das Sommer-Grillen geplant.

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