Negativzins ab 1. Euro für Privatkunden bei mehr Banken erwartet

Stephan Kahl

(Bloomberg) -- Nach rund fünf Jahren negativer Zinsen der Europäischen Zentralbank brechen die ersten deutschen Banken ein Tabu: Sie geben die Belastungen an private Kunden ab dem ersten Euro Guthaben weiter. Einige Experten glauben, dass weitere Institute nachziehen könnten.

Zwar verlangen viele Banken schon seit einiger Zeit negative Zinsen von privaten Kunden, räumten bislang allerdings Freibeträge von 100.000 Euro oder mehr ein. Das änderte sich jetzt mit dem Eingeständnis der Volksbank Raiffeisenbank Fürstenfeldbruck, neue Tagesgeldkonten mit einem Negativzins von 0,5% für das gesamte Guthaben zu belegen.

Die Kreissparkasse Stendal führte eine ähnliche Regelung ein und die Frankfurter Volksbank soll laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen solchen Schritt zumindest erwägen. Das Institut erklärte auf Nachfrage, es sei noch nichts entschieden.

Im September war der EZB-Einlagesatz auf minus 0,5% gesenkt worden, was es für Geschäftsbanken teurer macht, überschüssige Gelder bei der Zentralbank zu parken. Gleichzeitig wurden aber Ausnahmen eingeführt. Deutsche Banken hatte die EZB-Zinspolitik vor den Änderungen im September jährlich rund 2,4 Milliarden Euro gekostet.

Bloomberg hat Experten gefragt, ob sie eine Ausweitung der Negativzinsen für Privatkunden ohne Freibeträge erwarten:

Friedrich Heinemann, Leiter des Bereichs Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft am ZEW: “Jetzt bricht der Damm. Nun wird rasch eine Kettenreaktion einsetzen. Banken, die nicht mit Negativzinsen nachziehen, würden mit Liquidität geflutet. Das kann kein Bankvorstand verantworten. Gesetzliche Versuche, Negativzinsen für Normalkunden zu verbieten, wären unerlaubte Eingriffe in die freie Preisbildung und würde die Banken zum Verlustgeschäft verdammen.”Hans-Peter Burghof vom Lehrstuhl für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim: “Es könnte sein, dass weitere Banken folgen und Negativzinsen von ihren privaten Kunden ab dem ersten Euro verlangen werden. Vieles wird von den Signalen der EZB abhängen. Sollte der Einlagensatz auf Dauer im negativen Bereich verharren, haben die Banken gar keine andere Wahl.”Isabel Schnabel, Professorin für Financial Economics an der Universität Bonn und mögliches neues EZB-Direktoriumsmitglied: “Bislang dürften Negativzinsen vor allem dazu dienen, Neukunden zu signalisieren, dass die Bank keine zusätzlichen Kundengelder benötigt. Ich gehe davon aus, dass die Banken bei Bestandskunden sehr viel zurückhaltender sein werden, denn Negativzinsen sind bei den Kunden extrem unbeliebt.”Aloys Prinz, Direktor am Institut für Finanzwissenschaft II der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster: ”Ich gehe davon aus, dass die Dämme gebrochen sind. Weitere Banken werden ebenfalls auf private Einlagen einen negativen Zins ab dem ersten Euro verlangen. Und wenn es viele sind, werden es irgendwann auch alle sein. Die Banken suchen nach alternativen Einnahmequellen - und Bareinlagen mit negativen Zinsen zu belegen, das ist eben eine Möglichkeit.”Lena Dräger, Professorin am Institut für Geld und Internationale Finanzwirtschaft der Leibniz Universität Hannover: “Momentan sind Negativzinsen ab dem ersten Euro bei Privatkunden die große Ausnahme. Man kann natürlich nicht ausschließen, dass weitere Banken diesen Weg wählen werden. Ich halte es jedoch für unwahrscheinlich, dass sich die Mehrheit der Banken zu Negativzinsen ab dem ersten Euro entschließt, da der Anreiz für Kunden groß ist, dann zu Wettbewerbern mit geringen Positivzinsen zu wechseln.”Susanne Homölle, Professorin am Lehrstuhl ABWL, Bank- und Finanzwirtschaft, der Universität Rostock: “Bislang werden die Negativzinsen ab dem ersten Euro ‘nur’ auf private Einlagen von Neukunden erhoben. Damit soll ein Signal gesendet werden, um neue Einleger abzuschrecken. Inwieweit das auf Bestandskunden übertragen wird, hängt wohl auch davon ab, inwieweit die Einlagen insbesondere passivlastiger Institute bei unveränderter Geldpolitik der EZB weiterhin wachsen werden.”

(Susanne Homölle ergänzt im letzten Absatz)

Kontakt Reporter: Stephan Kahl in Frankfurt skahl@bloomberg.net

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