Negativrekord für Anleger, Freude bei Schäuble


In der Geschichte der Niedrigzinsen schlägt Deutschland ein neues Kapitel auf. Die Bundesrepublik begab eine neue Anleihe, die erst in 30 Jahren fällig wird, den Anlegern aber dennoch einen Zinskupon von gerade einmal 1,25 Prozent bietet. Das ist der niedrigste Kupon, den es je für eine 30-jährige Anleihe in Europa oder den USA gegeben hat.

Noch weniger Geld für ähnlich lang laufende Anleihen gibt es nur im chronischen Niedrigzinsland Japan. Den Tiefstwert für den Zinsschein einer 30-jährigen Anleihe hielt im Euro-Raum bislang Finnland mit 1,375 Prozent, gefolgt von Österreich mit 1,5 Prozent.

Neue 30-jährige Anleihen aus Deutschland sind eher selten, deshalb war die Auktion auch schon seit Tagen ein großes Thema am Anleihemarkt. Es gibt zwar einmal im Monat Aufstockungen, aber die letzte neue 30-Jährige stammt aus dem Februar 2014. Entsprechend dem damaligen Zinsniveau hat sie noch einen Kupon von 2,5 Prozent. Das war schon vor dreieinhalb Jahren historisch wenig. Seither sind die Kurse am Anleihemarkt aber gestiegen und die Renditen im Gegenzug gefallen. So lag der Kurs der im August 2046 fälligen Anleihe zuletzt bei 130,93 Prozent, die Rendite bei 1,22 Prozent.


Hauptgründe dafür sind die niedrige Inflation und die Geldpolitik der Notenbanken. Im Euro-Raum liegt der Leitzins bei null Prozent, und die Europäische Zentralbank (EZB) hat seit März 2015 Anleihen – vor allem Staatspapiere – im Volumen von mehr als zwei Billionen Euro gekauft. Mit ihrer ultralockeren Geldpolitik wollen die Währungshüter die Kreditvergabe und somit die Wirtschaft und die Inflation ankurbeln.

Das immer noch allgemein so niedrige Zinsniveau ist der Grund dafür, dass Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble jetzt für die neue Anleihe, die am 15. August 2048 fällig wird, magere 1,25 Prozent Zinsen bieten muss. Für die Bürger als Steuerzahler ist das durchaus ein Vorteil – für die Bürger als Sparer dagegen nicht. Doch trotz des Mini-Kupons war die Anleihe mit einem Volumen von zwei Milliarden Euro kräftig überzeichnet.


Von den 36 Banken, die bei Auktionen von deutschen Staatsanleihen mitbieten dürfen, gaben 26 Kaufgebote über zusammen 2,93 Milliarden Euro ab. Zur Marktpflege behielt die für Deutschlands Refinanzierung zuständige Finanzagentur Anleihen im Wert von 369 Millionen Euro, die sie nach und nach am Markt verkaufen wird. Die Banken, die Bundesanleihen ersteigern, machen dies oft im Auftrag von institutionellen Investoren wie Fonds, Versicherern, Pensionskassen oder anderen Banken.

Die hohe Nachfrage ist erstaunlich, denn schließlich lag die Inflationsrate im Euro-Raum zuletzt bei 1,5 Prozent – die Zinsen der Anleihe gleichen also nicht einmal aktuell die Teuerungsrate aus. Und dass die Verbraucherpreise innerhalb der nächsten 30 Jahre weiter steigen, ist zumindest sehr wahrscheinlich. Schließlich strebt die EZB nachhaltig eine Inflationsrate von nahe zwei Prozent an.


Renditen haben ihre Tiefs hinter sich gelassen


Dass die Nachfrage nach dem deutschen Ultra-Langläufer mit Minizins dennoch ordentlich war, erklärt sich vor allem damit, dass Bundesanleihen als sichere und gut handelbare Anlage bei Investoren extrem beliebt sind. Das gilt für alle Laufzeiten – für zwei- und fünfjährige Bundesanleihen bekommen Anleger aber gar keinen Zins, die Kupons liegen bei null Prozent. Und auch die zehnjährige Bundesanleihe verzinst sich gerade einmal mit einem halben Prozent pro Jahr.

Wegen der hohen Kurse liegen zudem die Renditen von Bundesanleihen mit einer Laufzeit von bis zu acht Jahren im Minus. Die zweijährige Bundesschatzanweisung rentiert mit minus 0,7 Prozent, die fünfjährige mit minus 0,29 Prozent. Die zehnjährige Bundesanleihe warf für Neueinsteiger zuletzt eine Rendite von 0,43 Prozent ab.


Da erscheinen die 1,27 Prozent Rendite der neuen 30-Jährigen, deren Ausgabekurs bei 99,41 Prozent lag, immerhin im relativen Vergleich attraktiv. „Außerdem hätte der Emissionszeitpunkt aus Anlegersicht mit Blick auf die vergangenen zwölf Monate auch durchaus noch ungünstiger sein können“, meint Elmar Völker, Zinsstratege bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Im Sommer 2016 – kurz nach dem Votum der Briten gegen die Europäische Union – rentierte die 30-jährige Bundesanleihe im Handel schließlich mit historisch niedrigen 0,3 Prozent. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe erreichte damals ihr Allzeittief mit minus 0,2 Prozent. Interessant ist für institutionelle Anleger, die Millionen- bis Milliardenbeträge anlegen müssen, zudem der Renditeabstand der zehn- zur 30-jährigen Bundesanleihe. Mit 0,84 Prozentpunkten liegt er weit über seinem historischen Durchschnitt.

Im Niedrigzinsumfeld, das durch die niedrige Inflation, die tiefen Zinsen der Zentralbanken und die Anleihekäufe der Notenbanken befeuert wird, liegen lang laufende Anleihen schon in den vergangenen Jahren im Trend. Dabei gibt es auch immer mehr Anleihen mit einer Laufzeit von mehr als 30 Jahren.


Vor einer Woche hat Österreich als erstes Euro-Land einen großen Bond mit 100 Jahren Laufzeit begeben, der mit einem Kupon von 2,1 Prozent ausgestattet ist und dessen Kurs sich bei 99,5 Prozent seit der Platzierung gut gehalten hat. Daneben gibt es 50-jährige Anleihen aus Ländern wie Italien, Frankreich, Spanien und Belgien. Aus Österreich gibt es zudem einen 70-jährigen Bond.

Deutschland hat anders als viele seiner Nachbarländer bislang noch keine Anleihe mit einer längeren Laufzeit als 30 Jahre platziert und hat dies vorerst auch nicht vor. Ein Grund dafür ist, dass deutsche Bundesanleihen als die am besten handelbaren Zinspapiere in ganz Europa gelten. Das liegt auch daran, dass Deutschland Terminkontrakte auf seine Anleihen ausstehen hat, die aber nur bis 30 Jahre reichen.

Der Bund fürchtet zudem, dass sich die Nachfrage nach seinen 30-jährigen Anleihen verringern und sich das gesamte Zinsniveau nach oben verschieben würde, wenn es 50-jährige Bundesanleihen gäbe. In den USA gibt es ähnliche Bedenken, doch Finanzminister Steven Mnuchin treibt die Diskussion über 50-jährige US-Bonds voran.



Massive Kursverluste drohen


Dabei ist die relative Attraktivität der Langläufer – auch der 30-Jährigen – durchaus fragwürdig. „Der Zeitpunkt zum Kauf 30-jähriger Bundesanleihen ist nicht der beste“, sagt LBBW-Zinsstratege Völker. Das liegt daran, dass zumindest an den Anleihemärkten die Zinswende bereits eingeleitet ist, schließlich haben sich die Renditen von ihren historischen Tiefs bereits deutlich entfernt.

Und die Renditen dürften noch weiter steigen, wenn auch langsam. Investoren gehen davon aus, dass die EZB im nächsten Jahr ihre Anleihekäufe zurückfahren wird. Damit fiele ein großer Nachfrager nach Rentenpapieren weg, auch wenn die EZB wohl zumindest das Geld aus fällig werdenden Anleihen noch lange wieder neu investieren wird.

Dazu kommt: Die US-Notenbank Fed wird voraussichtlich im Dezember und im kommenden Jahr die Leitzinsen weiter erhöhen und außerdem damit beginnen, ihre Bilanz zu verkleinern. Das bedeutet, sie wird das Kapital aus fälligen Anleihen aus ihrem Bestand nicht mehr komplett in neue Anleihen investieren.


Die Folge: Die Renditen an den Anleihemärkten weltweit dürften weiter steigen und die Kurse entsprechend fallen. Wichtig für Anleger ist dabei zu wissen: Je länger die Laufzeit, desto größer sind die Risiken für Anleger und entsprechend die Kursschwankungen. Dabei kommt es nicht nur auf die Laufzeit, sondern auch auf die Höhe der jährlichen Zinszahlungen an.

Je höher die Duration, wie die Bondlaufzeit auch genannt wird, desto stärker reagieren die Anleihekurse auf Zinssteigerungen. Konkret bedeutet das bei der neuen 30-jährigen Bundesanleihe: Wenn die Rendite um einen Prozentpunkt auf 2,27 Prozent steigt, bricht der Kurs um 22 Prozent ein. Bei der zehnjährigen Bundesanleihe entspräche einem Renditeanstieg von einem Prozentpunkt ein Kursverlust von 9,6 Prozent, bei der zweijährigen Bundesanleihe wären es zwei Prozent.

Investoren, die die neue niedrig verzinste 30-jährige Bundesanleihe jetzt gekauft haben und ihr Portfolio zu Marktpreisen bewerten, könnten den Kauf somit bitter bereuen.