Nawalny klagt in erstem Interview aus der Haft über "psychologische Gewalt"

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Kreml-Kritiker Alexej Nawalny

In seinem ersten Interview aus der Haft in Russland hat Kreml-Kritiker Alexej Nawalny den russischen Behörden schwere Vorwürfe gemacht. Der Oppositionsführer verglich in dem am Mittwoch veröffentlichten Gespräch mit der "New York Times" seine Strafkolonie in Pokrow 100 Kilometer östlich von Moskau mit einem chinesischen Arbeitslager und sprach von einer Art Gehirnwäsche, der er unterzogen werde.

Die Zeiten von auszehrender Arbeit in sowjetischen Gulags sei vorbei, sagte Nawalny der "NYT". Stattdessen werde nun "psychologische Gewalt" gegen die Häftlinge ausgeübt. So werde er gezwungen, täglich acht Stunden Kreml-treues Staatsfernsehen zu schauen. Lesen und schreiben dürfe er hingegen nicht. Außerdem weckten die Aufseher Häftlinge, wenn sie einschliefen. Seine Mithäftlingen piesackten ihn hingegen nicht, sagte Nawalny. Er habe sogar "Spaß" mit ihnen.

"Sie stellen sich vielleicht tätowierte Muskelprotze mit Stahl-überkronten Zähnen vor, die Messerkämpfe austragen, um das beste Bett am Fenster zu ergattern", sagte Nawalny. Die Realität in seiner Strafkolonie sehe aber anders aus. "Sie müssen sich so etwas wie ein chinesisches Arbeitslager vorstellen, wo jeder in Reih und Glied läuft und überall Videokameras hängen. Es gibt konstante Kontrolle und eine Kultur der Spitzelei."

Nawalny war am 20. August 2020 auf einem Flug vom sibirischen Tomsk nach Moskau zusammengebrochen. Zwei Tage später wurde der Oppositionspolitiker, noch im Koma liegend, zur Behandlung in die Berliner Charité gebracht. Nach Analysen westlicher Labors wurde Nawalny mit einem chemischen Nervenkampfstoff aus der in der Sowjetunion entwickelten Nowitschok-Gruppe vergiftet.

Nach der Behandlung in Deutschland wurde Nawalny bei seiner Rückkehr im Januar in Russland festgenommen und später wegen angeblicher Verstöße gegen Bewährungsauflagen zu mehr als zwei Jahren Lagerhaft verurteilt.

Der Oppositionelle zeigte sich in dem "NYT"-Interview zuversichtlich, dass Russland in eine Zukunft ohne Staatschef Wladimir Putin gehe. "Früher oder später wird dieser Fehler korrigiert und Russland einen demokratischen, europäischen Pfad der Entwicklung einschlagen", sagte Nawalny. "Einfach, weil das das ist, was die Menschen wollen."

Nawalny erneuerte seine Kritik an den USA und europäischen Regierungen wegen ihrer Sanktionen gegen Russland. Diese träfen das russische Volk schwerer als die Machthaber.

yb/gt

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