Auch Nato-Partner halfen nicht: Warum die Lieferung deutscher Panzer in die Ukraine an der fehlenden Munition scheitert

·Lesedauer: 6 Min.
Nachdem ein Bergepanzer des Typs Leopard 1 auf dem Gelände des Rail & Logistik Center Wustermark GmbH auf einen Güterwagen verladen wurde, sichert ein Soldat den Panzer mit Vorlegekeilen.
Nachdem ein Bergepanzer des Typs Leopard 1 auf dem Gelände des Rail & Logistik Center Wustermark GmbH auf einen Güterwagen verladen wurde, sichert ein Soldat den Panzer mit Vorlegekeilen.

Um nichts wird im politischen Berlin gerade so heftig gestritten wie um diese Frage: Warum weigert sich Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nach wie vor, Panzer in die Ukraine zu schicken? Seit Wochen bittet die ukrainische Regierung Deutschland um entsprechende Fahrzeuge der Typen Leopard und Marder. Immerhin stünden diese auf Höfen der Industrie oder der Bundeswehr ungenutzt, so heißt es. Doch Deutschland weigert sich und will der Ukraine lieber Geld für Waffenbestellungen geben. Scheckbuch-Diplomatie statt Panzer-Lieferungen – stiehlt sich Deutschland sich so etwa aus der Verantwortung?

Schaut man genauer hin, ist die Lage doch deutlich komplexer. Recherchen von Business Insider zeigen, dass ein deutscher Panzer-Deal nicht bloß am politischen Willen der Bundesregierung, sondern vielmehr an nicht ausreichend vorhandener Munition und der Haltung wichtiger Nato-Staaten scheiterte.

"So viel zu den tollen Angeboten der deutschen Rüstungsindustrie"

Konkret geht es unter anderem um Panzer des Typs Leopard 1 A5, einem Vorgängermodell der bei der Bundeswehr eingesetzten Leopard 2. Entsprechende Alt-Fahrzeuge hatte die Ukraine bereits Anfang März bei der deutschen Regierung erbeten – offenbar wohl wissend, dass Rheinmetall und die Firma Flensburger Fahrzeugbau FFG der Bundesregierung nur Tage zuvor 50 beziehungsweise 100 Leopard 1-Panzer zum Weiterverkauf an die Ukraine angeboten hatten.

Doch Scholz und die Bundesregierung reagierten nicht, zumindest nicht öffentlich. Wochenlang machte die Ukraine darum lautstark Druck, dass Deutschland doch endlich schwere Waffen wie die Panzer liefern solle – vergeblich. Was jedoch bis zuletzt auch aufseiten der Ukraine unter den Tisch fiel: Niemand wusste, womit die Fahrzeuge hätten schießen sollen. Denn aus Regierungskreisen heißt es, dass Rheinmetall lediglich 4000 Schuss 105mm-Munition hätte liefern können, wenig mehr erst Wochen später. "So viel zu den tollen Angeboten der deutschen Rüstungsindustrie", sagt uns ein Beamter sarkastisch. In der Spitze des Verteidigungsministeriums ist mit Blick auf die Rüstungsindustrie von "Angeboten zulasten Dritter" – gemeint ist die Bundesregierung – die Rede.

Die Bundeswehr hat nach Informationen von Business Insider ebenfalls keine nennenswerte Anzahl an Munition mehr in ihren Depots. Im Hintergrund fragte die Bundesregierung darum andere Nationen, ob sie nicht ihrerseits Munition liefern könnten: die Türkei, Griechenland, Israel, Brasilien und einige weitere Staaten, die den Panzer fahren beziehungsweise gefahren haben. Doch die winkten allesamt ab – wollten oder konnten nicht liefern, wie mehrere hochrangige Regierungsvertreter Business Insider bestätigen. Teilweise wird die 105mm-Munition noch selbst eingesetzt, teilweise wurde sie an Drittstaaten wie Ägypten weiter verkauft. Fraglich ist, ob diese Staaten die Munition an die Ukraine weiterverkaufen würden – und wie sehr sich die Bundesregierung darum bemüht.

Fakt ist aber: Dass andere Staaten mit ihrer eigenen Munition ebenfalls zurückhaltend sind, zeigt, dass es um die Einsatzbereitschaft ihrer Armeen mitunter auch nicht zum besten steht. Und, dass die Einheit des Westens gegen Russland dann womöglich doch nicht so fest ist wie behauptet. Für den Kanzler jedoch unmöglich, dies als Erklärung für die deutsche Haltung öffentlich zu sagen.

Ukraine will keine deutschen Leopard-Panzer mehr

Stand jetzt gilt: Die Leopard-Panzer, selbst wenn sie kurzfristig an die Ukraine geliefert worden wären, hätten so gut wie nichts verschießen können. Das Gleiche gilt für alte Flugabwehrkanonenpanzer des Typs Gepard, über deren Lieferung zwischenzeitlich hinter den Kulissen diskutiert wurde: Es fehlt die Munition, um die Kampfpanzer nützlich zu machen.

Inzwischen hat das Problem auch die Ukraine verstanden. Regierungsvertreter sollen der Bundesregierung nun signalisiert haben, dass sie keine Leopard-1-Panzer mehr wollten. So sprach der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, in einem Interview mit der „Tagesschau“ tatsächlich inzwischen nur noch von Marder-Schützenpanzern und Fuchs-Transportpanzern, die die Ukraine brauche. Über letztere sei bisher jedoch nicht diskutiert worden, heißt es aus Parlamentskreisen.

Doch auch beim mittlerweile offen ausgefochtenen Thema Marder gibt es Probleme: Der Panzer gehört zur Gattung Schützenpanzer und hat keine schweren Waffen. Die bis zu 100 ausgemusterten Marder, die ebenfalls Rheinmetall der Ukraine aus eigenen Beständen angeboten hat, müssten also erstmal aufwendig umgerüstet sowie auf Vordermann gebracht werden. Der Zustand der Panzer ist unklar – von fehlender Munition auch hier ganz zu schweigen. Vor Ende Mai wären die Marder ohnehin nicht in der Ukraine angekommen. Bis dahin könnte es zu spät sein, sollte Russland die geplante Eroberung des Ost-Ukraine gelingen.

Die Bundeswehr will ihre eigenen Marder nicht abgeben

Rheinmetall trat deshalb an das Verteidigungsministerium mit dem Vorschlag heran, die Bundeswehr könne eigene Marder an die Ukraine liefern, die später durch die "sanierten" Marder von Rheinmetall ersetzt würden. Doch die Bundeswehr-Führung hält die deutschen Marder im eigenen Bestand für nicht entbehrlich. Im nächsten Jahr ist Deutschland Führungsnation der schnellen Eingreiftruppe der Nato. Das Heer ist dann auch auf die Marder angewiesen. Von diesen hat die Bundeswehr auf dem Papier 370, de facto einsatzfähig sind knapp 250. Die Hälfte braucht die Bundeswehr nach eigenen Angaben für die Eingreiftruppe sowie als Reserve.

Letztlich habe sie also keine Fahrzeuge übrig, ohne die Bündnissicherheit zu gefährden, heißt es aus der Bundesregierung immer wieder. Intern wird darauf verwiesen, dass das Potenzial für schnelle Hilfen ausgereizt sei, weil nicht klar sei, wie schnell die Rüstungsindustrie neues Material nachliefern könne.

Die Bundesregierung verlagert das Problem nach Ost-Europa

Immerhin dieses Argument ist fragwürdig. Denn zugleich ist die Bundesregierung bereit, anderen osteuropäischen Staaten ihre alten schweren Waffen zu ersetzen, wenn sie diese an die Ukraine weitergeben. Aus Nato-Sicht könnte auch dadurch die Bündnisverteidigung gefährdet werden. So soll das Nato-Mitglied Slowenien eine größere Stückzahl seiner T-72-Kampfpanzer an die Ukraine abgeben und aus Deutschland dafür den Schützenpanzer Marder sowie den Radpanzer Fuchs erhalten. Der T-72 wird vom ukrainischen Heer bereits eingesetzt und erfordert keine umfangreiche Zusatzausbildung. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur aus Regierungskreisen hat die Slowenien als Kompensation auch moderneres Gerät aus Deutschland angefordert, darunter den deutschen Kampfpanzer Leopard 2, den Radpanzer Boxer sowie den Schützenpanzer Puma, der in der Bundeswehr als Nachfolger des seit 50 Jahren genutzten Marder eingeführt wird.

Insgesamt knapp zwei Milliarden Euro nimmt die Bundesregierung für so einen "Ringtausch" in die Hand. Eine Milliarde gehen direkt an die Ukraine, mit der Käufe bei der deutschen Rüstungsindustrie finanziert werden sollen. Jeweils rund 400 Millionen gehen an die EU sowie an andere Länder.

Ausbildung an schweren Waffen

Und zumindest ein wenig kommt Deutschland dem Wunsch nach schwere Waffen der Ukraine nun doch entgegen: Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) bestätigte am Donnerstag, dass Deutschland ukrainische Soldaten an der Panzerhaubitze 2000 ausbilden werde. "Weil wir das Knowhow haben, um daran auszubilden. Das ist eine Möglichkeit, um auch diesen Support zu leisten", sagte Lambrecht in der Sendung "Frühstart" von RTL/ntv.

Nach früheren Berichten soll die Panzerhaubitze 2000 von den Niederlanden an die Ukraine geliefert werden. Deutschland könne dies nicht tun, da die "Bundeswehr nicht so ausgestattet" sei, sagte Lambrecht und fügte hinzu: "Aber da, wo wir Ausbildung leisten können, werden wir das tun."

Wir möchten einen sicheren und ansprechenden Ort für Nutzer schaffen, an dem sie sich über ihre Interessen und Hobbys austauschen können. Zur Verbesserung der Community-Erfahrung deaktivieren wir vorübergehend das Kommentieren von Artikeln.