Wer die Nase vorn hat: Bier, Nachtleben und Hipster – Der große Berlin-Köln-Vergleich

Unsere Autorin hat beide Städte verglichen. Welche ihr besser gefällt.

Bis ich beim „Kölner Stadt-Anzeiger“ mein erstes Praktikum angefangen habe, lebte ich in keiner anderen Stadt als in Berlin, der Hauptstadt, Weltmetropole. In Berlin sind die bekanntesten Clubs, man isst vegan und trinkt „Sterni“, eine billige Biersorte. Berlin gilt als Avantgarde, kann aber auch ziemlich arrogant und freakig sein.

Und Köln? Ich wusste, dass man in Köln Karneval feiert und Kölsch trinkt. Die Stadt an sich gilt als ein bisschen oberflächlich und provinziell. Der Kölner aber lacht viel und gern und ist sehr herzlich. Stimmt das? Ein kurzer, streng subjektiver Vergleich.

Die Mentalität

Als ich nach meinem ersten Praktikumstag nach Hause fahre, sitze ich in der Linie 18 neben zwei jungen Männern, die sich angeregt über Fantasy-Romane unterhalten. Ich bin erstaunt, als ich bemerke, dass sie sich gerade erst kennengelernt haben. 

Im Laufe der Fahrt werde ich in die Diskussion über Marc-Uwe Klings „Känguru-Chroniken“ miteingebunden. Aus Berlin kenne ich solche Gespräche auch. Sie finden allerdings nur statt, wenn ich frühmorgens um 5.30 Uhr aus dem Club falle und in der U-Bahn sitze. Dann unterhält man sich auch gerne mal mit den restlichen Partylöwen der Nacht.

Ich glaube, dass es in Köln auch nüchtern zu solchen Bekanntschaften kommen kann. In Berlin sitzt man sich tagsüber in der U-Bahn gegenüber, hat die Kopfhörer im Ohr und schaut mit grimmiger Miene aneinander vorbei. In Köln höre ich auch manchmal Musik und fast jeder daddelt auf seinem Handy, aber mir wird trotzdem immer wieder zugelächelt. Wenn Du in Berlin lächelst, wirst du spöttisch gemustert. Fremde anlächeln ist in der Hauptstadt definitiv untypisch.

Das Nachtleben und das Bier

In Köln trinkt ihr Kölsch. Gaffel, Früh oder Gilden. Ich für meinen Teil stehe am meisten auf Früh Kölsch. Das ist so schön herb und trotzdem sehr genießbar. Ich bin nämlich eigentlich eher der Weißweintrinker. Wenn mir in Berlin jemand auf einer Party ein Sterni (Sternburg Bier) andrehen will, lehne ich kopfschüttelnd ab. Dieses Gesöff ist aus allen Restbiersorten Deutschlands zusammengemischt. Ja, so schmeckt es auch. Da muss der Pegel schon gestiegen sein, bis ich mich im Laufe der Nacht dazu hinreißen lasse. Die 0,78 Euro Sternburg-Grundpreis sind das einzige Argument.

Ansonsten sitze ich lieber in einer Kölschen Kneipe und lege nach dem fünften Kölsch meinen Bierdeckel auf das Glas (Ja, ich wurde gleich zu Anfang in die Kölsche Brauhaus Kultur eingeführt). So ist mein Geld zwar schneller weg (Ihr Kölner seid geschickt), aber meinem Magen geht es noch gut. 

Dann geht es los, in einen Club zum Tanzen. Ich war letztens im CBE (Club Bahnhof Ehrenfeld). 80er/90er Jahre Mucke und mit mir auf der Tanzfläche fast nur 35-Jährige. In Berlin gehe ich immer nur in Techno-Schuppen. In abgesiffte, dunkle Kellergewölbe, aus denen man erst im Morgengrauen wieder auf die Straße tritt. Was mir daran gefällt, ist, dass man für Stunden abtauchen und wild tanzen kann.

Im CBE war ich am Ende nicht wirklich ausgepowert. Die Lieder konnte man laut mitgrölen, aber richtig dazu tanzen war nicht möglich. Eher dieses unbeholfene Wippen mit dem Kopf und das rhythmische Beugen der Knie. Das nächste Mal teste ich hier in Köln mal einen Techno-Club. Mal sehen, ob hier dann auch alle „all black everything“ rumrennen und natürlich mit dem Requisit, das nicht fehlen darf: Die Bauchtasche.

Der Verkehr

In Berlin weiß ich, dass ich in jedem Bahn-Waggon mindestens auf einen Fahrgast stoße, der gerade seinen Döner mit Zwiebeln und Knoblauchsoße verschlingt. Neben ihm dann ein verkaterter Arbeiter, der auf der gepolsterten Bank vor sich hin döst, mit Bierflasche in der Hand. Die Kölner sind viel besser erzogen. Sie halten sich meistens an die Ess- und Trinkverbote in den Bahnen – nur die FC-Fans nicht. 

Die gelben Züge der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), auch getauft als Untergrund-Bahn (U-Bahn), sind mit ihren blau und violett gemusterten Sitzpolstern und den mit dem Emblem des Brandenburger Tors bedruckten Fensterscheiben eine Art charakteristisches Bild der Hauptstadt.

Berliner lieben „ihre Öffis“. Ohne die schreiende Selbstironie der BVG fehlte der Hauptstadt etwas – auch wenn die Busse eigentlich immer zu spät kommen. Wenn ich mir seit 20 Minuten an der Haltestelle die Beine in den Bauch stehe, würde ich am liebsten laut fluchen und den Busfahrer für alles Leid dieser Welt verantwortlich machen.

Es ist allerdings noch nie dazu gekommen, denn in solchen Momenten rettet sich die BVG durch ihre Werbung. Passend zum diesjährigen Wahlkampf hingen sie in der ganzen Stadt Plakate auf, mit der Aufschrift: „Wählt BVG – Seit Jahren 100% pünktlich. Okay, 90%, aber das ist schließlich ein Wahlplakat.“

Die BVG-Werbekampagne baut also auf Humor. Ich bin aus Berlin diese fröhlichen Filmspots gewöhnt und wenn die in der Kinowerbung abgespielt werden, kann ich meistens nicht mehr vor lauter Lachen.

Die KVB warnen in ihren Spots vor Unaufmerksamkeit. Sie veröffentlichen Filme, in denen eine junge Mutter unachtsam die Gleise überquert und der Kinderwagen von der Stadtbahn überrollt wird. Ein furchtbarer Anblick. Zu moralisch, finde ich.

Die BVG macht sich übrigens auch über den Kölner Karneval lustig. Bedient zwar das Klischee, stimmt aber.

Bei den Plakaten war ich jedes Mal zwiegespalten. Auf der einen Seite grinste ich in mich hinein, weil da so viel Berliner Wahrheit hinter steckt. Andererseits verteidigte ich die Kölner und ihren Karneval. 

Ich bin eigentlich total neidisch auf die Karnevalsstimmung, auf das Verkleiden und die Gemeinschaft in diesen Monaten. In Berlin verkleiden wir uns nur an Halloween. Für Karneval ist der Berliner zu ernst und zu wichtig, vielleicht: zu arrogant. Dass die muffligen Berliner lustigere Verkehrsbetriebe haben, ist nur ein schwacher Trost. Das Leben leicht nehmen – auch ohne besoffen zu sein – kann der Kölner besser.

Die Falafel

Falafel gibt es in beiden Städten an jeder Ecke. Die besten Kichererbsen-Bällchen verkauft Habibi, sowohl in der Hauptstadt als auch in Köln. 

Der Inhaber des Kölner Imbisses auf der Zülpicher Straße, Fuad Taih, erzählt mir, dass er den Berliner Imbiss am Winterfeldtplatz im Jahr 1990 mitgegründet hat. 1997 kam er nach Köln und eröffnete im „Kwartier Latäng“ sein eigenes kleines Paradies. Sein Partner erweiterte sein Geschäft in Berlin im Laufe der Jahre um drei weitere Imbisse. Am Wochenende brummt der Laden – in Berlin wie in Köln. 

Was mir auffällt, ist die unterschiedliche Gestaltung der Imbisse. Die Decken des Kölner Habibis sind über und über mit Filmplakaten behängt. Taih hat die Wände seines kleinen Restaurants mit seinem Lieblingsgedicht auf arabisch beschreiben lassen: Antar und Abla.

In Taihs Habibi steckt Leidenschaft und die Liebe zum Essen. Für 1,90 Euro kann ich hier einen Falafel bestellen und dazu einen kleinen Zimt-Tee trinken. Anders als in Berlin rollen Taihs Kollegen das Brot zu einer kleinen Tasche, wie ein Wrap. Das Falafel-Brot ist etwas dicker, schmeckt aber hervorragend. In Berlin servieren die Inhaber des Habibis die Falafel in einem größeren oval förmigen Brot. Sie kombinieren die Falafel, anders als in Köln, mit Roter Bete und Kartoffeln. Das Berliner Geschmackserlebnis ist für 3 Euro zwar deutlich teurer, aber vielseitiger.

Trotzdem hat Taih mich durch seine charmante Art für sich und seinen Imbiss eingenommen. In Berlin allerdings deutlich attraktiver: Die Öffnungszeiten. Der Kölner Habibi schließt schon um 3 Uhr – auch viele Clubs haben hier eine Sperrstunde. Deutlicher Pluspunkt für Berlin.

Das Kulturprogramm, die Architektur und der Style

Aus Berlin bin ich es gewohnt, in jedem Kiez mindestens zwei Kinos, ein Improvisationstheater und ein Varieté vorzufinden. 

Was im Endeffekt nicht ganz stimmt, aber auf mich so wirkt, ist, dass sich in Köln das kulturelle Leben eher in der Innenstadt bündelt. Wer außerhalb wohnt, muss zwangsläufig in Kölns Zentrum fahren, um im Kino mit Popcorn auf dem Schoß den Tag ausklingen zu lassen.

Was Berlin auch auszeichnet, sind seine wunderschönen Altbauten. In Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Kreuzberg oder Schöneberg: Die Viertel haben ihren Zauber vor allem den Gebäuden zu verdanken. Von außen wirken sie kultig und geben der Umgebung ein ganz eigenes Flair. Die hohen Decken, die Flügeltüren und der verschnörkelte Stuck an den Decken der Altbauwohnungen sind typisch für Berlin.

Köln ist an sich eine hässliche Stadt. Die „Neubauten“ nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wirken oft grau und kühl. Nur in der Innenstadt spielt sich das buntere Leben ab. Wenn ich shoppen gehen will, fahre ich zum Neumarkt und laufe über die Schildergasse ins Belgische Viertel. Hier sehen die anderen Passanten aus, als kämen sie gerade aus dem Berliner Szeneclub „Berghain“, nach einer vollgedrufften Nacht mit viel Getanze. Netzhemden, dicke knallrote Bomberjacken und dazu eine Kombination aus Cordhose und kaputter Nylonstrumpfhose. 

Das einzige was sie von den Berliner Hipstern unterscheidet sind die 80er Jahre Brillen auf ihren Nasen: natürlich mit Fensterglas. Ansonsten wirken die Kölner allerdings nicht sehr modeaffin. Im Gegensatz zu Berlin, wo die Fashion Week groß angekündigt und gehyped wird. Wo die komischsten Vögel rumrennen und akzeptiert werden.

In Berlin kannst du nackt an der U-Bahnstange lehnen und die Mitfahrenden tun so, als wäre dieser Aufzug das Normalste der Welt. Das fände der eigentlich offenere, herzlichere Kölner wahrscheinlich doch zu abgedreht.  ...Lesen Sie den ganzen Artikel bei ksta