Die Nasa hat einen Asteroideneinschlag simuliert — und konnte nicht verhindern, dass er Europa trifft

Aylin Woodward
·Lesedauer: 6 Min.

Wissenschaftler auf der ganzen Welt wurden diese Woche durch einen fiktiven, auf die Erde zusteuernden Asteroiden erschüttert. Experten der US-amerikanischen und europäischen Raumfahrtagenturen nahmen an einer einwöchigen Übung unter Leitung der Nasa teil, bei der sie mit einem hypothetischen Szenario konfrontiert wurden: Ein 56 Millionen Kilometer entfernter Asteroid nähert sich der Erde und könnte innerhalb von sechs Monaten einschlagen.

Mit jedem Tag der Übung erfuhren die Teilnehmer mehr über die Größe des Asteroiden, seine Flugbahn und die Wahrscheinlichkeit eines Einschlags. Sie mussten dann gemeinsam ihr technologisches Wissen nutzen und einen Plan entwickeln, wie der Weltraumfelsen aufzuhalten wäre. Allerdings kamen die Experten zu keinem Ergebnis. Die Gruppe stellte fest, dass keine der auf der Erde vorhandenen Technologien innerhalb von sechs Monaten den Einschlag des hypothetischen Asteroiden verhindern könnte. In der simulierten Realität schlug der Asteroid mitten in Europa ein. Auch Deutschland hätte zur möglichen Einschlagszone gehört.

Soweit wir wissen, stellen derzeit keine Asteroiden eine derartige Bedrohung für die Erde dar. Aber schätzungsweise zwei Drittel der Asteroiden mit einer Größe von 140 Metern oder mehr — groß genug, um erheblichen Schaden anzurichten — bleiben unentdeckt. Deshalb versuchen die Nasa und andere Behörden, sich auf eine solche Situation vorzubereiten. „Diese Übungen helfen letztendlich der Gemeinschaft der Planetenverteidigung, miteinander und mit unseren Regierungen zu kommunizieren, um sicherzustellen, dass wir alle koordiniert sind, sollte in der Zukunft eine potenzielle Bedrohung durch einen Einschlag identifiziert werden“, sagte Lindley Johnson, der Nasa-Beauftragte für die Verteidigung des Planeten, in einer Presseerklärung.

Sechs Monate sind zu wenig, um sich auf einen Asteroideneinschlag vorzubereiten

Der simulierte Asteroid wurde 2021PDC genannt. Im Szenario der Nasa wurde er zum ersten Mal am 19. April „entdeckt“. Zu diesem Zeitpunkt ging man davon aus, dass er am 20. Oktober, sechs Monate nach seiner Entdeckung, mit einer Wahrscheinlichkeit von fünf Prozent unseren Planeten treffen würde.

Am zweiten Tag der Übung wurde auf den 2. Mai vorgespult, als neue Berechnungen der Flugbahn zeigten, dass 2021PDC mit ziemlicher Sicherheit entweder Europa oder Nordafrika treffen würde. Die Teilnehmer der Simulation erwogen zur Abwehr verschiedene Rahmfahrtmissionen, bei denen Raumfahrzeuge versuchen könnten, den Asteroiden zu zerstören oder ihn von seiner Bahn abzulenken. Sie kamen jedoch zu dem Schluss, dass solche Missionen in der kurzen Zeit vor dem Einschlag des Asteroiden nicht starten könnten. „Wenn wir mit dem hypothetischen Szenario 2021PDC im realen Leben konfrontiert würden, wären wir mit den derzeitigen Möglichkeiten nicht in der Lage, ein Raumfahrzeug so kurzfristig zu starten", sagten die Teilnehmer.

Die wahrscheinliche Einschlagszone von 2021PDC am zweiten Tag der Simulation
Die wahrscheinliche Einschlagszone von 2021PDC am zweiten Tag der Simulation

Sie überlegten auch, den Asteroiden mit einem nuklearen Sprengsatz zu zerstören oder abzulenken. „Der Einsatz einer nuklearen Störungsmission könnte das Risiko von Aufprallschäden erheblich reduzieren“, so das Ergebnis. Aber in der Simulation war 2021PDC zwischen 34 und 800 Metern groß. Es war also nicht sicher, dass eine Atombombe wirksam sein würde.

Der dritte Tage der Übung setzte im Szenario am 30. Juni ein — und diese fiktive Zukunft der Erde sah ziemlich finster aus. Die Flugbahn des Asteroiden zeigte, dass er auf Osteuropa zusteuerte. An Tag 4 — eine Woche vor dem Asteroideneinschlag angesetzt — bestand eine 99-prozentige Chance, dass der Asteroid in der Nähe der Grenze zwischen Deutschland, der Tschechischen Republik und Österreich einschlagen würde. Die Explosion hätte in etwa die Wucht einer Atombombe. Das Einzige, was die Forscher tun konnten, war, die betroffenen Regionen vorzeitig zu evakuieren.

Viele Asteroiden fliegen unter dem Radar und werden zu spät entdeckt

Ein tröstender Gedanke wäre, dass Astronomen einen Asteroiden wie 2021PDC in der Realität vermutlich mit deutlich mehr Vorlauf als bloß sechs Monaten entdecken würden. Aber die Fähigkeit der Welt, erdnahe Objekte (NEOs) zu überwachen, lässt leider zu wünschen übrig. Jeder Weltraumfelsen mit einer Umlaufbahn, die ihn näher als 200 Millionen Kilometer an die Sonne heranführt, wird als NEO betrachtet. Aber der Nasa-Beauftrage Lindley Johnson sagte im Juli, dass „wir nur etwa ein Drittel der Population von Asteroiden gefunden haben, die da draußen sind und eine Einschlagsgefahr für die Erde darstellen könnten“.

Natürlich hofft die Menschheit, eine Überraschung zu vermeiden, wie sie die Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren erlebten. Damals schlug ein etwa zehn Kilometer breiter Asteroid auf der Erde ein. Aber in den letzten Jahren haben Wissenschaftler viele große, gefährliche Objekte verpasst, die nah dran waren. Der Komet Neowise, ein knapp fünf Kilometer breiter Brocken Weltraumeis, zog im Juli 64 Millionen Meilen an der Erde vorbei. Niemand wusste, dass dieser Komet existierte, bis ein Weltraumteleskop der Nasa ihn nur vier Monate vorher im Anflug entdeckte.

Der Komet Neowise über dem St Mary's Lighthouse in England
Der Komet Neowise über dem St Mary's Lighthouse in England

Im Jahr 2013 trat ein Meteor mit einem Durchmesser von etwa 30 Metern in die Atmosphäre ein und erreichte eine Geschwindigkeit von 65.000 Kilometern pro Stunde. Er explodierte ohne Vorwarnung über Tscheljabinsk, Russland, und sandte eine Schockwelle aus, die Fensterscheiben zerbrach und Gebäude in der ganzen Region beschädigte. Mehr als 1.400 Menschen wurden verletzt. Und im Jahr 2019 flog ein 130 Meter breiter „City-Killer“-Asteroid bis auf 72.000 Kilometer an die Erde heran. Die Nasa hatte fast keine Vorwarnung.

Denn derzeit können Wissenschaftler ein NEO nur aufspüren, indem sie eines der wenigen leistungsfähigen Teleskope auf der Erde zur richtigen Zeit in die richtige Richtung lenken. Um dieses Problem anzugehen, kündigte die Nasa vor zwei Jahren an, dass sie ein neues Weltraumteleskop entwickeln würde. Es soll auf die Beobachtung gefährlicher Asteroiden ausgerichtet sein. Dieses Teleskop mit dem Namen Near-Earth Object Surveillance Mission sollte — zusammen mit dem kürzlich gestarteten Test-Bed-Teleskop der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) und dem FlyeyeFlyeye-Teleskop, das in Italien gebaut wird — die Anzahl der verfolgbaren NEOs erhöhen.

Die Nasa testet verscheidene Möglichkeiten, einen Asteroiden zu stoppen

Die Nasa hat außerdem untersucht, welche Möglichkeiten die Wissenschaftler hätten, wenn sie einen gefährlichen Asteroiden auf Kollisionskurs mit der Erde entdecken würden. Dazu gehören die Zündung eines Sprengsatzes in der Nähe des Weltraumfelsens, wie die Übungsteilnehmer vorschlugen, oder das Abfeuern von Lasern, die den Asteroiden so weit aufheizen und verdampfen könnten, dass er seine Bahn ändert.

Eine andere Option wäre, eine Raumsonde hochzuschicken, die auf den entgegenkommenden Asteroiden prallt und ihn so aus seiner Flugbahn stößt. Das ist die Strategie, die die NASA am ernsthaftesten verfolgt. Der Double Asteroid Redirection Test (DART) wird im Herbst 2022 eine Raumsonde zum Asteroiden Dimorphos schicken und ihn gezielt treffen.

Illustration des DART-Tests
Illustration des DART-Tests

Die NASA hofft, dass die Kollision die Umlaufbahn von Dimorphos verändern wird. Obwohl dieser Asteroid keine Bedrohung für die Erde darstellt, könnte die Mission beweisen, dass die Umlenkung eines Asteroiden mit genügend Vorlaufzeit möglich ist.

Dieser Artikel wurde von Steffen Bosse aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.