"Mein Vater hat nicht verstanden, wofür Hitler stand": Namibischer Politiker namens Adolf Hitler Uunona gewinnt Regionalwahl

Johannes Giesler
·Freier Autor
·Lesedauer: 4 Min.

Sein Vater habe ihm den Namen gegeben, vermutlich ohne zu wissen, wofür Adolf Hitler stehe. Das hat der neu gewählte Lokalpolitiker aus Namibia in einem Interview erzählt.

Ein namibisches "Wahllokal" nahe der Hauptstadt Windhoek bei den vergangenen Wahlen im November 2019. Jetzt wurde in der nord-namibischen Region Oshana wieder gewählt und gewonnen hat ein Politiker mit historisch belastetem Namen. Foto: AP Photo / Brandon van Wyk
Ein namibisches "Wahllokal" nahe der Hauptstadt Windhoek bei den vergangenen Wahlen im November 2019. Jetzt wurde in der nord-namibischen Region Oshana wieder gewählt und gewonnen hat ein Politiker mit historisch belastetem Namen. Foto: AP Photo / Brandon van Wyk

Vergangene Woche gewann bei Regionalwahlen in der nord-namibischen Region Oshana ein Politiker mit dem Namen Adolf Hitler Uunona. Wie unter anderem die Bild berichtet, konnte Uunona 84,88 Prozent der Stimmen auf sich vereinen.

Und tatsächlich, wer auf der Wahlseite den schwer belasteten Namen eingibt, erhält ein Ergebnis: Adolf Hitler Uunona, männlich, Anhänger der Regierungs-Partei „Swapo Party of Namibia“, 1196 Stimmen. Das hat vergangene Woche auch der namibische Radiosender Eagle FM auf Twitter geschrieben. Und auch in Wahlergebnissen aus dem Jahr 2005 taucht der Name des Politikers bereits auf.

Bei offiziellen Auftritten lässt er den Beinamen weg

Auf seinen Namen angesprochen, sagte der 54-Jährige jetzt der Bild: „Dass ich diesen Namen habe, heißt nicht, dass ich Oshana unterwerfen will. Es heißt nicht, dass ich nach der Weltherrschaft strebe.“ Er habe den Namen eben ganz normal erhalten: „Mein Vater benannte mich nach diesem Mann. Er hat wahrscheinlich gar nicht verstanden, wofür Adolf Hitler stand.“

So sei auch für Uunona selbst der Name als Kind ganz normal gewesen. Erst als Heranwachsender habe er begriffen, dass ein Mann mit dem gleichen Namen die ganze Welt unterwerfen wollte. „Ich habe mit all diesen Dingen nichts zu tun“, sagte er jetzt deshalb.

Dennoch lasse er eigenen Angaben zufolge bei offiziellen Auftritten den Beinamen Hitler weg und stelle sich als Adolf Uunona vor. Auch seine Frau rufe ihn im Alltag einfach Adolf. Trotzdem stehe sein voller Name in allen offiziellen Dokumenten. Ihn zu ändern sei zu spät.

Deutschland und Namibia: Traumatische Kolonialgeschichte

Der Vorname Adolf ist in Namibia nicht unüblich, was an der gemeinsamen Geschichte Deutschlands mit dem südafrikanischen Land liegt: Deutschland und Namibia verbindet eine traumatische Kolonialgeschichte. Zwischen 1884 und 1915 war das spätere Namibia eine deutsche Kolonie mit Namen Deutsch-Südwestafrika.

Noch heute leben deshalb viele Deutschstämmige in Namibia. Vom kolonialen Einfluss zeugten bis vor wenigen Jahren noch zahlreiche deutschsprachige Straßen- und Gebäudenamen, die zwischenzeitlich umbenannt wurden - oder bis heute die Namen einiger damaliger Kinder und Nachkommen.

Zentraler Wendepunkt waren Kriege von 1904 bis 1908 gegen die Herero und Nama. Einheimische Volksgruppen, die sich damals gegen die Kolonialmacht Deutschlands stellten. Aber deutsche Soldaten schlugen die Aufstände brutal nieder. Der Tagesspiegel schreibt von 60.000 bis 70.000 Männern, Frauen und Kindern, die dabei ums Leben kamen.

Seit 2015 befinden sich Deutschland und Namibia deshalb in Verhandlungen. Wie das Auswärtige Amt (AA) schreibt, geht es darin um die Aufarbeitung der historischen Schuld Deutschlands. Dabei hilft, dass zwischenzeitlich der Genozid auch als solcher benannt wird: „Die damaligen im deutschen Namen begangenen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde, auch wenn es erst nach dem Holocaust gelang, diesen Begriff mit rechtlichen Normen zu unterlegen“, heißt es auf der Seite des AA.

Keine rechtlichen Grundlagen für „Reparationen“

Neben einer Entschuldigung geht es dabei auch um Reparationszahlungen, die Deutschland aber ablehnt. Das AA schreibt dazu: „Eine rechtliche Grundlage für materielle Ansprüche des Staates Namibia oder von einzelnen Herero oder Nama oder Vertretern dieser Volksgruppen gegen Deutschland wegen Ereignissen aus der Kolonialzeit besteht nicht. Daher kann es bei den Gesprächen nicht um Entschädigungszahlungen oder Reparationen gehen.“

Stattdessen bietet Deutschland „Wiedergutmachungen“ an, zuletzt war von zehn Millionen Euro die Rede, was politische Vertreter*innen Namibias als „Beleidigung“ bezeichneten. Seither stecken die Verhandlungen mehr oder weniger fest. Auch deshalb, weil diese nur auf Regierungsebene stattfinden und nicht mit den selbstgewählten Vertreter*innen der Herero und Nama.

Verhandlungen stecken fest

Der Professor für die Geschichte Afrikas und Leiter der „Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe“, Jürgen Zimmerer, hat deshalb in einem offenen Brief an die Bundesregierung gewarnt, kompromissbereite Stimmen würden immer mehr „in den Hintergrund“ gedrängt:

„Die Weigerung der deutschen Regierung, mit allen selbstgewählten Vertretern der Herero und Nama zu sprechen, erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Radikalisierung des Konflikts bis hin zur gewaltsamen Auseinandersetzung. Genozid ist ein Verbrechen, dessen Aufarbeitung nur durch eine Haltung der Demut seitens der Vertreter und Nachkommen der Verantwortlichen gelingen kann, und der Bereitschaft, den Anliegen und Forderungen der Opfer Gehör zu schenken.

Die Haltung der deutschen Bundesregierung, nur mit der namibischen Regierung zu verhandeln, mag vom Völkerrecht gedeckt sein, obwohl es auch hiergegen berechtigte Einwände gibt, sie trägt jedoch zu einer Verhärtung der Fronten und zu einer Radikalisierung bei.“

Im Video: Wohin mit "toxischen Denkmälern"?