Nagelsmanns Flirt mit Bayern und die Folgen

Tommy Gaber
Editor Yahoo Sports

Mit seiner Charmeoffensive hat Hoffenheim-Trainer Julian Nagelsmann für Aufsehen gesorgt. Was steckt wirklich hinter seinen Aussagen, wie reagiert Carlo Ancelotti und was bedeutet das für die Zukunft des Klubs und beider Trainer? Yahoo Sport hat die Antworten.  

Julian Nagelsmann träumt von einem Job beim FC Bayern

In welchem Kontext stehen Nagelsmanns Aussagen?

Der Trainer wurde in dem Interview gefragt, welche Rolle der FC Bayern in seinen Träume spiele. Er hat ehrlich geantwortet. “Schon eine etwas größere”, sagte Nagelsmann und gab an, ein Haus in München bauen zu lassen. Er verwies auf seine Heimat Landsberg am Lech, 70 Kilometer entfernt von München.

Nagelsmann gibt authentische Antworten auf die Frage nach seinem prinzipiellen Interesse am Trainerjob beim FC Bayern. Er führe ein sehr glückliches Leben, wäre aber als Bayern-Trainer noch ein Stück glücklicher.

Das war kein Bewerbungsschreiben. Nagelsmann hat sich nicht auf primitive Art eingeschmeichelt oder Werbung in eigener Sache betrieben. Die Botschaft, dass er irgendwann mal Bayern-Trainer werden will, ist angekommen. Nagelsmann hat aber auch gesagt, dass sein Wohl und Wehe nicht davon abhängt, ob er in München anheuert.

Es spricht für Nagelsmann, dass er beim Thema FC Bayern nicht herumeiert. Seit er von Uli Hoeneß als möglicher Bayern-Coach der Zukunft ins Spiel gebracht wurde, wird Nagelsmann immer wieder damit konfrontiert. Das kann nerven, Nagelsmann ist aber immer cool geblieben und schon des Öfteren sein grundsätzliches Interesse signalisiert.

Wie reagiert Carlo Ancelotti? 

Wie ein Gentleman. “Es ist total normal, dass ein junger, guter Trainer wie Julian, einen großen Klub trainieren will. Er ist Deutscher und liegt es nahe, dass er einmal Trainer des FC Bayern werden möchte”, sagte der Italiener auf der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Anderlecht.

Letztes Jahr habe er Nagelsmann für dessen Karriere alles Gute gewünscht, und ihm gewünscht, dass er einmal einen großen Klub trainiert, ergänzte Ancelotti.

Keine Spur von Unmut bei Ancelotti, schon gar kein böses Wort über den Kollegen. Eher sogar Verständnis für die gehegten Träume. Es gibt nicht viele prominente Trainer, die zu einem solch brisanten Thema eine derart charmante Aussage treffen.

Zumal Ancelotti gerade um Akzeptanz kämpft. Zum ersten Mal fühlt er sich als Bayern-Trainer missverstanden. In einem Interview mit Sky im Vorfeld des Spiels gegen Anderlecht bemängelte er die Schärfe der Kritik an seiner Arbeit (“Es ist zu viel”) und sah sich zu einer Rechtfertigung gezwungen. Angesprochen auf das leidige Thema Thomas Müller antwortete er: “Ich weiß, dass Müller kein Außenbahnspieler ist und habe ihn dort auch noch nie eingesetzt. Ich bin ja nicht dumm.”

Die Nagelsmann-Aussagen kommen für Ancelotti zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Seine Antwort zeugt von enormer Größe.

Was bedeuten Nagelsmanns Aussagen für den FC Bayern? 

Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge machen keinen Hehl aus ihrem Faible für Nagelsmann. Hoeneß bevorzugt ohnehin deutsche Trainer, den Namen Nagelsmann erwähnte er explizit als potentiellen Bayern-Coach der Zukunft.

Hinter vorgehaltener Hand wird an der Säbener Straße nur noch darüber diskutiert, wann die Bayern den Schritt wagen, einen so jungen und unerfahrenen Trainer zu verpflichten. Das ob wurde nach Yahoo Sport-Informationen intern bereits bejaht.

Nagelsmanns Aussagen spielen den Bayern in die Karten. Der will Bayern-Trainer werden, nicht unbedingt sofort, aber er will. Da bedarf es seitens Hoeneß und Rummenigge keiner großen Überzeugungskraft bei einer entsprechenden Anfrage. Keine Geheimtreffen inkognito in New York, ein Anruf bei Nagelsmann und ein Abendessen mit Hoffenheim-Mäzen und Hoeneß-Freund Dietmar Hopp genügen.

Wann ist der Zeitpunkt gekommen?

Nagelsmanns Vertrag bei der TSG Hoffenheim läuft noch bis 2021, Ancelottis Arbeitspapier in München ist bis 2019 gültig. Wie erwähnt haben die Bayern keinerlei Zeitdruck für eine Anfrage bei Nagelsmann: Sie bekommen ihn sowieso.

Hoeneß und Rummenigge können sich in Ruhe anschauen, wie Nagelsmann in dieser Saison mit der Dreifachbelastung umgeht und etwaige erste Krisensituationen meistert.

So paradox es klingen mag, aber den Zeitpunkt für Nagelsmanns Verpflichtung bestimmt Ancelotti. Legt der Italiener eine erfolgreiche Saison hin, an deren Ende idealerweise Titel (Champions League!) stehen, darf er seinen Vertrag erfüllen. An mehr denken derzeit weder der Coach, noch Bayerns Klubchefs.

Wahrscheinlicher ist eine Trennung nach der laufenden Saison. Die Zweifel an Ancelottis System wachsen, zudem ist der Trainer nicht dafür bekannt, die Jugend zu fördern. Genau das wird aber nach der Eröffnung des neuen Nachwuchsleistungszentrums eine zentrale Aufgabe künftiger Bayern-Trainer. Hier kommt wieder Nagelsmann ins Spiel, der aus Niklas Süle und Sebastian Rudy Nationalspieler geformt hat, die mittlerweile bei Bayern spielen.

Hoeneß und Rummenigge würden das Ding mit Ancelotti gerne durchziehen, man schätzt den Trainer vor allem auf menschlicher Ebene sehr. Doch der ist mehr denn je in der Bringschuld.

Die Rechnung ist denkbar einfach: Nagelsmann wird Ancelottis Nachfolger. 2018 oder 2019.