Warum Nagelsmann nicht mehr vom Titel spricht

Tobias Wiltschek, Florian Plettenberg, Stefan Kumberger

Die Spieler des FC Bayern schwankten nach dem Topspiel am Sonntagabend zwischen Ratlosigkeit und Frustration.

Gegen RB Leipzig hat der Rekordmeister zum ersten Mal in dieser Saison in einem Spiel kein Tor erzielt, zum ersten Mal seit der Niederlage in Mönchengladbach vor zwei Monaten gingen die Bayern nicht als Sieger vom Platz.

In der Tabelle bleibt RB damit schärfster Verfolger der Bayern, mit nur einem einzigen Punkt Rückstand. (Tabelle der Bundesliga)

Nagelsmann: "Wir müssen nicht Meister werden"

Und dennoch schlugen die Gäste nach dem 0:0 in der Allianz Arena ungewöhnlich leise Töne an. (Bayern - Leipzig: Die Stimmen)

"Wir müssen nicht Meister werden. Von daher brauche ich das auch nicht zu werten für den Titelkampf", berichtete Trainer Julian Nagelsmann in der Pressekonferenz.


Anschließend in der Mixed Zone hielt er sich noch mehr zurück, was die Beurteilung möglicher Titelchancen seines Teams betraf. "Ich habe keinen Meisterplan", antwortete er auf eine entsprechende Frage. Vielmehr seien es nur die Bayern, die aus eigener Kraft Meister werden können.

Das stimmt zwar, erinnert aber kaum noch an den Nagelsmann der Hinrunde. "Wir haben es tatsächlich selber in der Hand, wenn wir gute Spiele machen und nahezu alles gewinnen, dass wir Meister werden können", hatte er noch Anfang Dezember bei RTL Nitro gesagt.

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Leipzig verliert an Selbstvertrauen

Damals war Leipzig Tabellenführer und strotzte vor Selbstbewusstsein. Das aber hat nach nur einem Sieg nach der Winterpause mächtig gelitten. Sehr zum Verdruss des Trainers.

Nach der 0:2-Niederlage bei Eintracht Frankfurt hatte er bei Sky gegen das eigene Team geledert und Vergleiche mit dem Bergsteigen gezogen: "Wir sind kurz vor dem Gipfel. Jetzt müssen wir uns entscheiden, ob wir ans Gipfelkreuz wollen - oder ob wir hierbleiben, was essen, was trinken und wieder runterlaufen."

Schon damals musste er erkennen, dass eine mögliche Meisterschaft nicht nur in seinen Vorstellungen konkrete Züge annahm, sondern auch in denen mancher Spieler. Mit der Konsequenz, dass sie sich nicht mehr auf das Wesentliche konzentrierten, sondern vor dem Spiel bei der Eintracht lieber einen Star-Friseur aus London in ihr Frankfurter Teamhotel bestellten.


Werner: "Das hat uns nicht gutgetan"

Dass sich die Profis von der zwischenzeitlichen Tabellenführung verrückt machen ließen, gestand auch Timo Werner nach der Partie in München ein.

"Gerade nach der Winterpause hatten wir zu viele Dinge im Kopf, die nicht viel mit Fußball zu tun hatten, sondern eher mit Meisterschaft, mit Feierei und alles", räumte er bei Sky offen ein: "Wir hatten schon im Kopf, wie das wohl sein wird, irgendwann mal Meister zu werden."

Es habe ihnen nicht gutgetan, "vorne zu stehen und auf einmal als Titelanwärter Nummer eins gehandelt zu werden", meinte Werner weiter.

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Nagelsmann gibt Ziel Champions-League aus

Nagelsmann hat dafür in den vergangenen Tagen immer wieder den Begriff "Konsequenzdenken" gebraucht, das seinen Spielern ein Stück weit die Unbekümmertheit geraubt habe. Was er damit meint? Sein Team habe sich als Tabellenführer mehr Gedanken über die möglichen Folgen ihrer Siegesserie gemacht, als so eine junge Mannschaft verkraften könne.

So ist am ehesten auch die rethorische Kehrtwende bei Nagelsmann zu verstehen. Er hat gemerkt, dass die forschen Sprüche seine unerfahrene Mannschaft womöglich überfordern würde.

Deshalb hört es sich eben so an, wenn der 32-Jährige nun über Titelambitionen spricht: "Wir würden gerne unter die ersten Vier kommen. Wenn wir uns als Zweiter, Dritter oder Vierter für die Champions League qualifizieren, haben wir unseren Job auch getan."

So ganz hat er aber die Hoffnung auf die Meisterschaft mit Leipzig noch nicht aufgegeben. "Wenn es für die Meisterschaft reicht, dann bin ich sehr glücklich", rutschte es in der Münchner Arena doch noch aus ihm heraus.