Werner verrät: "Löw hat mich nicht angerufen"

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Werner verrät: "Löw hat mich nicht angerufen"
Werner verrät: "Löw hat mich nicht angerufen"

Timo Werner hat in den vergangenen Monaten beim FC Chelsea und in der deutschen Nationalmannschaft einiges erlebt: aberkannte Tore, Fehlschüsse, Kritik und Häme.

Doch wer glaubt, dass sich der 25 Jahre alte Stürmer davon unterkriegen lässt, täuscht sich! So schnell haue ihn eh nichts mehr um, sagt er am Ende des langen Interviews mit den SPORT1-Chefreportern.

Werner ist in England gereift, das merkt man ihm deutlich an. Hin und wieder verfällt er sogar ins Englische. In der britischen Hauptstadt fühlt er sich wohl. Sein Geheimnis? Werner lacht viel und macht vor den Augen der frenetischen Chelsea-Fans das, was sie sehen wollen. Er kämpft, gibt nicht auf und ist mit 27 Torbeteiligungen der Top-Scorer im Kader der Blues.

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Das SPORT1-Interview mit dem Nationalstürmer:

SPORT1: Wir starten in dieses Interview mit einer Frage Ihres Kumpels Bernd Leno. Der hat uns dazu aufgefordert, Ihnen zu entlocken, welchen Spitznamen er Ihnen gegeben hat.

Timo Werner: Warum musste er diese Frage stellen? Er nennt mich gerne "Hobby". Denn ich bin in der Vergangenheit nicht immer der größte Trainingsweltmeister gewesen und dann hat er irgendwann mal gesagt: "Bei dir sieht das im Training immer aus, als würdest du das auf Hobby-Basis machen." (lacht)

SPORT1: Nehmen Sie den Spitznamen an?

Werner: Früher war da schon ein bisschen was dran, mittlerweile stimmt das so sicherlich nicht mehr.

SPORT1: Jedenfalls haben Sie es so weit gebracht, dass Ihnen die Fans des FC Chelsea ein Lied gewidmet und zuletzt gesungen haben: "I just can’t seem to get enough of, oh, oh oh, Timo Werner." Wie fühlt sich das für Sie an?

Werner: Ist ja nicht das erste Mal, auch in Deutschland gab es ja mal einen Song über mich, der leider negativ behaftet war. In Deutschland habe ich eine Zeit lang ziemlich viel Hass abbekommen. Ein Song wie dieser von den Chelsea-Fans ist dagegen etwas richtig Schönes, das ist natürlich etwas Balsam für die Seele. Wenn ich das auf dem Platz höre, dann pusht mich das. Es freut mich, dass ich beim FC Chelsea so angenommen werde.

Werner: "Die Chelsea-Fans mögen einfach mein Spiel"

SPORT1: Zu Ihrem Fan-Song sah man Sie tanzend. Haben Sie Ihren Mallorca-Song schon mal mitgesungen?

Werner: Meine Kumpels und ich haben ihn ein paar Mal aus Spaß mitgesungen (lacht). Ich glaube ich kann ganz gut über mich selbst lachen und versuche, so etwas mit Humor zu nehmen. Schafft ja schließlich auch nicht jeder, dass T-Shirts mit dem eigenen Namen in jedem Laden auf Mallorca hängen. Dass ich beim FC Chelsea jetzt einen solchen Song habe, ist mir aber deutlich lieber.

SPORT1: Trotz Ihrer komplizierten Premieren-Saison lieben Sie die Fans. Woran liegt das?

Werner: Ich glaube, die Fans mögen einfach mein Spiel: Dieses schnelle Sprinten nach vorne. Das schnelle, zielstrebige Spiel Richtung Tor. Das ist typisch für den englischen Fußball, und genauso, dass man auf dem Platz immer 100 Prozent gibt. Ich glaube, dass das hier in England am besten ankommt. Neulich habe ich im Spiel den Ball verloren und bin ihm nachgegangen. Dann habe ich den gegnerischen Spieler an der eigenen Eckfahne abgegrätscht und den Ball zurückgewonnen. Das haben die Fans mehr gefeiert als Tore und Torchancen. Daran erkennt man, was den Fans in England wichtig ist. Wenn ich als Stürmer mal eine Phase habe, in welcher ich wie zuletzt etwas das Pech am Fuß habe, kann ich es mit meinem Einsatz trotzdem schaffen, die Fans auf meine Seite zu bringen.

SPORT1: Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer ersten Saison in England?

Werner: Ich habe mich und mein Spiel im Vergleich zu meinen Bundesliga-Zeiten deutlich verändert: Ich spiele jetzt viel körperlicher, setze meinen Körper viel mehr ein und bin robuster geworden. Die Erwartungen an mich waren am Anfang der Saison etwas größer, als ich sie tatsächlich auf dem Platz erfüllen konnte. Auch was die Tore betrifft, da bin ich natürlich nicht zufrieden mit meiner Ausbeute. Umso mehr freut es mich, dass ich trotzdem so angenommen werde und meine Spielweise wertgeschätzt wird.

Werner: "Vielleicht meint es der Fußballgott nächste Saison besser mit mir"

SPORT1: Sie haben kürzlich von der "schwierigsten" und "unglücklichsten Saison" Ihrer Profikarriere gesprochen. Bereuen Sie den Wechsel zum FC Chelsea?

Werner: Klares Nein! Ich bin mit diesen Worten nicht hart mit mir ins Gericht gegangen, das war einfach aus meiner Sicht die Wahrheit. Was soll ich sagen? Mir wurden sechs oder sieben Tore aberkannt, weil ich gefühlt einen Zentimeter im Abseits war. Wenn die Linie vom VAR anders gezogen worden wäre, dann hätte man auf gleiche Höhe entscheiden können. Unter dem Strich bin ich aber trotzdem nicht unzufrieden. Wenn mir vor der Saison jemand gesagt hätte "Du bist zweistellig bei Toren und Assists, ihr kommt in die Top Vier, in das FA-Cup-Finale und Champions-League-Finale", hätte ich das sofort unterschrieben. Auch wenn ich nicht verhehle, dass ich zwischendurch eine schwierige Phase hatte, als ich einfachste Torchancen, auch beim DFB, hergeschenkt habe oder meine Torschüsse danebengegangen sind.

SPORT1: Der Kopf …

Werner Meine mentale Verfassung vorm Tor war in der Phase sicher nicht die stärkste. Aber nochmal: Ich bereue meinen Wechsel nicht! 27 Torbeteiligungen sind nicht ganz so schlecht. Ich habe zwölf Tore geschossen, 15 Vorlagen geliefert. Damit bin ich Führender bei Chelsea. Ich habe mich vor allem extrem bei den Assists verbessert. Aber natürlich tut jede vergebene Torchance weh. Es war für mich jahrelang mein Business, diese Chancen reinzumachen, und ich bin mir sicher, dass ich da wieder hinkomme. Nächstes Jahr geht es bei null los, ich werde weiter hart arbeiten und vielleicht meint es der Fußballgott ja nächste Saison etwas besser mit mir.

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Werner: "War überrascht, dass ich beim DFB zuletzt so wenig gespielt habe"

SPORT1: Wie unfair war es von Joachim Löw, dass Sie in der WM-Quali zuletzt dreimal von der Bank kamen?

Werner: Wenn wir uns nur mal die offensiven Positionen anschauen und davon ausgehen, dass wir mit Viererkette spielen, dann haben wir für sechs Positionen neun Spieler, die es alle verdient haben, zu spielen. Man könnte jeden spielen lassen und würde keinen Leistungsabfall erkennen, sie sind alle auf dem gleichen Niveau. Trotzdem war ich ein wenig überrascht, dass ich beim letzten Lehrgang so wenig gespielt habe, weil ich davor fast jedes Spiel über 90 Minuten absolviert habe. Und in den Spielen zuvor war ich relativ treffsicher beim DFB.

SPORT1: EM-Gegner wie Frankreich oder Portugal werden offensiver spielen. Könnte das Ihrer Spielweise zugutekommen? (Spielplan und Ergebnisse der Fußball-EM 2021)

Werner: Ja, bei der EM wird sich die Situation anders darstellen. Wir haben dort andere Kaliber an Gegnern als in den Qualifikations-Spielen. Dann werden andere Attribute gefragt sein. Wie es der Bundestrainer damals auch sagte, waren es zuletzt tiefstehende Gegner, die sich mit Mann und Maus hinten reingestellt haben. Jetzt spielen wir gegen Teams, gegen die ich hinter der Kette Platz bekomme. Natürlich gehe ich mit der Ambition in die EM, dass ich so viel wie möglich spielen und Tore schießen will.

SPORT1: Jogi Löw hat die Spieler, die bei ihm zu 100 Prozent gesetzt sind, vor der offiziellen Kadernominierung nicht angerufen. Wie war es mit Ihnen?

Werner: Der Bundestrainer hat mich nicht angerufen. Er hat nach den drei vergangenen Länderspielen nochmal mit mir geredet und mir erklärt, dass ich ein sehr wichtiger Spieler für ihn für die EM bin. Er sagte, dass es drei Spiele waren, die unabhängig davon sind, ob man bei der EM spielt oder nicht. Mit Joachim Löw kann man ohnehin sehr offen reden. Ich habe ihm dann auch gesagt, dass ich ein wenig verwundert war, dass ich so wenig gespielt habe, weil ich davor relativ häufig getroffen habe, auch gegen gute Mannschaften. Denn wir haben in der Nations League nicht gegen schwache Mannschaften gespielt. Er hat mir jedenfalls klar signalisiert, dass ich ein wichtiger Faktor für die EM bin.

EM-Chancen? Die Rolle des Underdogs könnte Deutschland guttun

SPORT1: Mats Hummels und Thomas Müller kehren bei der EM zurück. Letzterer ist ein Konkurrent für Sie.

Werner: In der Nationalmannschaft spielt man oft mal auf einer anderen Position als man es im Verein gewohnt ist. Ich bin oft über links gekommen, während Serge Gnabry in der Mitte gespielt hat. Manchmal haben wir getauscht, und auch Thomas ist vorne sehr variabel einsetzbar. Thomas wird unserer Mannschaft sehr helfen. Er und Mats haben in den vergangenen zwei Jahren ihre Leistung gebracht und auf sehr hohem Niveau gezeigt, dass sie immer noch Weltklassespieler sind. Mats ist bei Dortmund immer Leistungsträger gewesen und hat super verteidigt. Thomas hat vor allem wahnsinnig viele Assists geliefert. Wenn einer wie Thomas mit über 20 Assists aus der Bundesliga kommt, ist meine Hoffnung natürlich, dass er mir das eine oder andere Mal bei der EM ein Tor vorlegt.

SPORT1: Hat Sie die Nominierung von Kevin Volland überrascht?

Werner: Jeder, der dabei ist, hat sich das absolut verdient. Es ist gut, mit Kevin jemanden zu haben, der eine bullige Spielweise hat und vorne auch mal einen Ball halten kann. Man weiß nie, wie das erste Spiel läuft, wen man für das zweite braucht, was im dritten gefragt sein wird. Muss man nochmal alles nach vorne werfen oder reicht uns ein Punkt? Der Bundestrainer wird sich Gedanken gemacht haben und hat den Kader dementsprechend zusammengestellt.

SPORT1: Ist die deutsche Nationalmannschaft eine Wundertüte, für die am Ende sogar der EM-Titel möglich ist? (Alles Wichtige zum DFB-Team)

Werner: Natürlich wissen wir nicht so richtig, wo wir stehen. Aber die Qualität, die EM zu gewinnen, ist bei uns auf jeden Fall vorhanden. Wir haben einen Kern von Bayern-Spielern, die letztes Jahr Champions-League-Sieger wurden. Wir haben einen Kern von Chelsea-Spielern, die jetzt im Finale stehen. Wir haben Spieler von Real Madrid, von Manchester City. Wir könnten eine Startaufstellung bilden, die über die letzten ein bis zwei Jahre stetig mindestens im Halbfinale der Königsklasse stand. Aber vielleicht tut uns das auch mal gut, mal nicht als Top-Favorit in das Turnier zu gehen, sondern als Underdog und wir dadurch etwas freier aufspielen können.

"Flick ist die perfekte Wahl"

SPORT1: Was genau?

Werner: Wenn wir über die Gruppenphase hinauskommen, ist es erstens eine Verbesserung zur letzten WM und zweitens hätten wir eine super Gruppe überstanden. Vielleicht stehen wir am Ende im Viertelfinale oder im Halbfinale, obwohl das niemand erwartet hätte. Ich kenne diese Situation von Chelsea. Von uns hat auch niemand erwartet, dass wir im Finale der Champions League stehen. Wir haben uns einfach in einen Rausch gespielt. Vielleicht gelingt uns das bei der EM auch.

SPORT1: Hansi Flick wird nach der EM neuer Bundestrainer. Eine gute Lösung?

Werner: Auf jeden Fall. Ich kenne ihn und habe immer mal wieder Kontakt mit ihm gehabt. Er ist ein sehr netter Mensch und wirklich ein super Trainer. Auch wenn ich bislang nicht in seiner Mannschaft gespielt habe, hatte er immer mal wieder aufmunternde Worte für mich. Und was er beim FC Bayern abgeliefert hat, kann man gar nicht mehr toppen. Er ist aus meiner Sicht der perfekte Mann für den DFB, weil er von seiner Ausstrahlung und Einstellung her zudem eine gewisse Ähnlichkeit zu Joachim Löw hat. Diese Schiene, die der jetzige Bundestrainer fährt, kann Hansi Flick sicher weiterfahren und mit seinen eigenen Ideen füllen. Er ist die perfekte Wahl.

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Werner: Mit Nagelsmann wird Bayern gefährlich für uns

SPORT1: Unter Julian Nagelsmann haben Sie in Leipzig trainiert. Haben Sie mit seinem Wechsel zum FC Bayern gerechnet? Auf was müssen sich die Spieler gefasst machen?

Werner: Es war relativ klar für mich, dass er irgendwann Bayern-Trainer wird. Ich kenne ihn gut, war zuletzt auch immer mal wieder mit ihm im Kontakt. Er hat außerdem selbst gesagt, dass es für ihn immer schon ein Traum war, Trainer des FC Bayern zu werden. Man kann ihn als Fußballverrückten bezeichnen, der taktisch alles draufhat. Er kann dir alles erklären im Fußball und die Spieler auf jeden Fall besser machen. Er hat bisher jede Mannschaft auf ein deutlich höheres Niveau gehoben. Ich persönlich hätte mir einen anderen Trainer für die Bayern gewünscht, denn so wird der FC Bayern in der Champions League immer ein gefährlicher Gegner für uns sein. Mit dem Spielerpotential und den Fähigkeiten, die Julian hat, kann Bayern sehr, sehr gut werden. Ähnlich wie unter Flick.

SPORT1: Nochmal zurück zum Anfang. In den vergangenen Jahren haben Sie trotz Ihres jungen Alters viel Kritik und Häme abbekommen. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Werner: Mich haut so schnell wirklich nichts mehr um! Sicherlich ist das Fell, was ich mir über die Jahre zugelegt habe, nochmal etwas dicker geworden in den letzten Monaten. Unsere Gesellschaft ist leider immer mehr darauf fokussiert, Fehler zu suchen, anstatt die guten Dinge hervorzuheben. Und auch die englische Presse ist nicht gerade zimperlich. Ich versuche immer weniger über mich zu lesen. Denn ich bin nur ein Mensch und jeder nimmt sich das irgendwann mal zu Herzen und macht sich seine Gedanken. Wie bereits gesagt, versuche ich aber immer, solche Dinge auch mit Humor zu nehmen. Manchmal ist Lachen die beste Medizin gegen Eigenfrust. Ich muss zum Beispiel zugeben, dass ich über diesen mazedonischen Pass nach meinem Fehlschuss selbst gelacht habe.