Nagelsmann und Bayern: So akut ist es wirklich

Martin Hoffmann

Es ist ja nicht so, dass sie beim FC Bayern München gerade über Langeweile klagen.

Julian Nagelsmann hat entscheidend dazu beigetragen, indem er die TSG Hoffenheim am Samstag zum Sieg über das Team von Carlo Ancelotti führte.

Und nun hat der 30-Jährige die Lage beim Rekordmeister noch etwas weniger langweilig gemacht.

In einem am Dienstagmorgen veröffentlichten Interview spricht der junge Erfolgscoach ganz offen darüber, dass er den Trainerjob an der Säbener Straße eines Tages gern selber übernehmen würde.


Nagelsmanns unverblümte Ansage wurde schnell zu Fußball-Deutschlands Gesprächsthema Nummer 1, noch vor Bayerns Champions-League-Auftakt gegen den RSC Anderlecht am Abend (ab 20.45 Uhr im LIVETICKER).

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Wie ist das pikante Interview einzuordnen? SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen.

- Was hat Julian Nagelsmann gesagt?

Auf die Frage, welche Rolle der FC Bayern in seinen Träumen spiele, antwortete Nagelsmann: "Schon eine etwas größere." Er verwies auf seine Herkunft aus dem oberbayerischen Landsberg am Lech, darauf, dass er schon einmal in München gelebt hat, dass er mit seiner jungen Familie dort ein Haus baut.

Dann fällt eben noch die Aussage, dass der Trainerjob beim FC Bayern ihn "vielleicht noch ein Stück glücklicher" machen würde.


- In welchem Kontext fiel diese Aussage?

Es ist nicht so, dass Nagelsmann plumpe Werbung in eigener Sache betreibt, das wird vor allem in der Videoaufnahme des Interviews deutlich. Er wird nach seinem prinzipiellen Interesse am Bayern-Job gefragt und bejaht es wahrheitsgetreu, relativiert aber im gleichen Atemzug auch.

"Wenn ich den FC Bayern nicht irgendwann trainieren darf, werde ich trotzdem als glücklicher Mensch zu Grabe gehen", hält er fest. Er sei auch ohne den Bayern-Job schon "sehr, sehr glücklich" und es sei "auch nicht so, dass mein Lebensglück total vom FC Bayern abhängt". Alles kann, nichts muss.

- Hat Nagelsmann zum ersten Mal sein Interesse signalisiert?

Nein. Nagelsmann wurde schon oft nach Bayern gefragt und hat immer auf ähnliche Art und Weise geantwortet: Er hat es nie verneint, nie drumherum geredet, aber auch nie Dringlichkeit signalisiert.


Die Gesetze der Massenmedien und der öffentlichen Wirkung werden aber auch Nagelsmann bekannt sein: Der relativierende Teil seiner Aussagen bleibt bei zunehmender Verbreitung immer weniger hängen - und auch Aussagen, die nicht neu sind, entfalten neue Sprengkraft, wenn sie zu einem heiklen Zeitpunkt wiederholt werden.

Kurz nach einem Hoffenheimer Sieg über Bayern (das Interview wurde hinterher geführt), in einer unruhigen Situation, in der auch die kritische Debatte über Ancelotti immer mehr Fahrt aufnimmt, ist so ein heikler Zeitpunkt.


Parallel zu Nagelsmanns Interview geht Ancelotti übrigens in die Gegenoffensive. "Die Kritik ist zu viel", hält er bei Sky fest: "Ich bin es gewohnt, kritisiert zu werden, aber um ehrlich zu sein ist es zu viel."

- Wie steht der FC Bayern zu Nagelsmann?

Grundsätzlich halten Bayerns Bosse sehr viel von der jungen Trainer-Hoffnung. Präsident Uli Hoeneß nannte ihn als potenziellen FCB-Trainer der Zukunft, auch Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge findet ihn erklärtermaßen "sehr interessant".

Die Taten der Bayern-Bosse bestätigen ihre Worte: Erst im Sommer holten sie Sebastian Rudy und Niklas Süle aus Hoffenheim, zwei Spieler, die unter Nagelsmann eine eindrucksvolle Entwicklung hingelegt hatten.

Dass Nagelsmann und die Bayern über kurz oder lang aufeinander zusteuern, ist ein offenes Geheimnis. "Wenn alles normal läuft, gehen wir davon aus, dass es irgendwann passiert", sagt nicht umsonst auch Bayerns früherer Sportvorstand Matthias Sammer, der bei dem Eurosport-Interview dabei saß.

- Bleibt die Frage: Wann ist "irgendwann"?

Der 58 Jahre alte Ancelotti hat einen Vertrag bis 2019, eine scheinbar ideale Übergangszeit, in der Nagelsmann seine Referenzen bestätigen kann, zum Beispiel, indem er seine erste Saison in der UEFA Europa League und der daraus folgenden Dreifachbelastung krisenfrei übersteht.

Was allerdings, wenn sich die Zweifel am System Ancelotti in der Zwischenzeit vertiefen und der Mister aus diesem oder anderem Grund vorzeitig gehen muss?

Obwohl es den Bayern gewiss lieber wäre, nicht in diese Situation zu kommen: Es wäre eine Überraschung, wenn Nagelsmann dann nicht ihr erster Ansprechpartner wäre.

Und es wäre nach diesem Interview eine noch größere Überraschung, wenn Nagelsmann das Gespräch ablehnen würde.